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Opel-Transfergesellschaft Nur 260 Ex-Mitarbeiter haben einen neuen Job

Ein Jahr nach dem Aus für Opel in Bochum haben 260 Ex-Mitarbeiter einen neuen Job - von 2600 aus der Transfergesellschaft. Das zeigt: Die sind vor allem Zeichen des guten Willens und kein Instrument zur Jobvermittlung.

Ein Jahr nach Aus für Opel in Bochum Quelle: dpa

Nach einem Jahr zieht man in Bochum Bilanz. Ein Jahr nach dem Aus für die Opel-Produktion haben 260 Mitarbeiter über eine vom Autobauer mitfinanzierte Transfergesellschaft einen festen neuen Job gefunden. Weitere 220 Beschäftigte wurden in Qualifizierungen oder Praktika vermittelt, wie die Transfergesellschaft des TÜV Nord mitteilte. Das wegen Überkapazitäten Ende 2014 geschlossene Opel-Werk hatte zuletzt rund 3300 Menschen beschäftigt. 2600 Beschäftigte landeten in der Transfergesellschaft.

Insgesamt stehen also noch 2120 Ex-Opelaner auf der Straße und beziehen Transfer-Kurzarbeitergeld. Trotzdem ist man damit offenbar zufrieden. 50 Berater arbeiteten unter Hochdruck, das erste Jahr sei „planmäßig verlaufen“ sagte der Geschäftsführer von TÜV Nord Transfer, Hermann Oecking.

Opel in Bochum von 1962 bis 2014

Die übrigen Menschen werden im besten Fall im Laufe des Jahres qualifiziert und gecoacht. Jedoch: "Meistens finden keine Maßnahmen statt, in diesem Fall sitzen die Menschen zu Hause", weiß Anja Schauenburg, Geschäftsführerin der Outplacementberatung "Die Personalumbauer". Neben einem Profiling für die Arbeitsagenturen gebe es bestenfalls noch Qualifizierungsmaßnahmen und Bewerbungstrainings, erzählt sie in einem Interview mit der WirtschaftsWoche. Mit dieser Auffassung steht sie nicht alleine da: Auch die Bochum-Herner IG-Metallsprecherin Eva Kerkemeier zeigte sich unzufrieden mit dem bisherigen Ergebnis. Es fehle an Qualifizierungskursen für die Beschäftigten. Außerdem seien die angebotenen Stellen häufig befristet oder wesentlich schlechter bezahlt. "Verständlich, dass die Leute das nach vielen Jahren in guter Beschäftigung nicht annehmen."

Was ist eine Transfergesellschaft?

Schon 2006 zeigte ein Gutachten des Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), dass Transfergesellschaften zwar eine nette Geste des Arbeitnehmers sind, aber kaum zur Jobvermittlung taugen. Der ehemalige Direktor Arbeitsmarktpolitik beim IZA, Hilmar Schneider, nannte Transfergesellschaften in diesem Gutachten Geldverschwendung. In einem Interview aus dem Jahr 2010 mit der WirtschaftsWoche sagte er, es gebe keinen einzigen Beleg dafür, dass ihre Betreiber den Betroffenen schneller aus der Arbeitslosigkeit helfen als es bei der normalen Betreuung über die Arbeitsagenturen der Fall sei. "Deshalb sind sie ein teures und völlig überflüssiges Instrument." Zwar gebe es natürlich auch Transfergesellschaften, die gute Arbeit leisteten. Doch im Durchschnitt bringe es den Mitarbeitern keinen Vorteil. Laut einer Erhebung der DGB-eigenen Hans-Böckler-Stiftung finden nur rund 44 Prozent der Transfer-Teilnehmer neue Jobs. Zum Vergleich: Von den mehr als 11.000 Schlecker-Mitarbeitern, für die es keine Transfergesellschaft gegeben hat, fanden etwa 49 Prozent wieder eine Stelle, 39 Prozent blieben arbeitslos.

Positivbeispiel Praktiker und Max Bahr

Schaut man sich einzelne Fälle aus den letzten Jahren an - BenQ, Karmann, Pfaff, Qimonda TMD Friction - waren die Transfergesellschaften in der Tat nicht sonderlich hilfreich: Bei BenQ blieben die Hälfte der 1700 Mitarbeiter ohne Job. Im Falle des Autozulieferers TMD Friction im Jahr 2009 diente sie außerdem dazu, um ältere - und damit teurere - Arbeitnehmer mit langer Betriebszugehörigkeit loszuwerden, wie der damals mit dem Fall betraute Anwalt Michael Felser sagte. Vor dem Wechsel in die Transfergesellschaft unterschrieben die Mitarbeiter einen Aufhebungsvertrag ohne Abfindung oder Rückkehr-Option. Dem Unternehmen gelang der Neustart - ohne die Arbeitnehmer aus der Transfergesellschaft.

In Arbeit
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Doch es gibt auch die von Schneider erwähnten Positivbeispiele. Eines ist die Transfergesellschaft von Praktiker und Max Bahr, die vor zweieinhalb Jahren aufgeben mussten. Rund zwei Drittel der Beschäftigtender ehemaligen Beschäftigten der insolventen Baumarktketten Praktiker und Max Bahr haben wieder einen Job gefunden. Ein Viertel sei dagegen arbeitslos geblieben. Das sei ein sehr gutes Ergebnis - auch im Vergleich zu ähnlichen Fällen, sagte Gernot Mühge vom Bochumer Helex-Institut.

Insgesamt beschäftigten beide Baumarktketten in über 300 Filialen rund 15.000 Arbeitnehmer, von denen aber 5500 geringfügig beschäftigt waren und nicht für eine Transfergesellschaft infrage kamen. Über ihr berufliches Schicksal ist nichts bekannt. Trotzdem sollten die Bochumer Opelaner keine allzu großen Hoffnungen haben, durch die Transfergesellschaft wieder in Lohn und Brot zu kommen. Praktiker und Max Bahr scheinen eine echte Ausnahme zu bilden.

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