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Personalauswahl Vorstandsposten sollten verlost werden

Spitzenmanager glauben, dass sie ihre Posten verdient haben. Meist stimmt das nicht. Führungsposten per Losentscheid zu besetzen, wäre günstiger, fairer und sinnvoller.

Zufallsprinzip Personalauswahl. Quelle: Fotolia

Als die Bilanzfälschung beim Energieversorger Enron aufgeflogen war, verloren 22.000 Mitarbeiter ihren Job, und die US-Wirtschaft bebte. Der Softwarebetrug bei Volkswagen kostet das Unternehmen, seine Mitarbeiter und Aktionäre wahrscheinlich mehr als zehn Milliarden Euro. Die Chefs der Deutschen Bank sind mit ihren Tricksereien auf dem amerikanischen Immobilienmarkt enorme Risiken eingegangen, sodass sie der Internationale Währungsfonds IWF offiziell als „riskanteste Bank der Welt“ bezeichnet.

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Die Liste des Fehlverhaltens von Topmanagern ist lang. Wie kann es sein, dass manche Superstars der Wirtschaft jedes Augenmaß verlieren und mit selbstherrlichen Maßnahmen ihrem Unternehmen schweren Schaden zufügen? Und vor allem: Was lässt sich dagegen tun? Wissenschaftler lassen jetzt mit einer ungewöhnlichen Theorie aufhorchen: Sie fordern, statt Qualifikation das Los über die Zusammensetzung der Führungsmannschaft bestimmen zu lassen.

Die Begründung für Fehlverhalten ist oft schnell geliefert: Manager überschätzen sich völlig. Führungskräfte werden zu Hasardeuren. Ist das Unternehmen erfolgreich, führen sie das auf ihr überlegenes Können zurück und sonnen sich in dessen Glanz. Ego und Risikobereitschaft steigern sich bis zum Exzess. Die extreme Personalisierung von CEOs verstärkt die Hybris erfolgreicher Manager: Sie selbst und ihr Fanclub glauben, dass das Wohl eines Unternehmens allein von ihnen abhängt.

Glück gehabt

Eine große Zahl empirischer Untersuchungen der Managementforschung kommt jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis. Der Erfolg eines Unternehmens geht nur zum geringen Teil auf die Fähigkeiten ihrer Vorstandsvorsitzenden zurück. Stattdessen lässt er sich durch viele andere Bedingungen erklären, die nicht im Einflussbereich der Chefs liegen – die Konjunktur zum Beispiel, politische Entwicklungen oder einfach der Zufall. Firmenwachstum ist selten einzelnen Menschen zuzuschreiben, sondern meist glücklichen Umständen. So gibt etwa Bill Gates unumwunden zu, dass der Erfolg von Microsoft zu einem hohen Anteil auf dem Glück beruht, zur richtigen Zeit das richtige Produkt entwickelt zu haben.

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Gates kann das Glück gar nicht genug preisen, denn auch hier zeigen Studien: Die Irrtumswahrscheinlichkeit bei Voraussagen über den Erfolg eines Produktes liegt bei 50 Prozent, bei Konsumgütern wie Filmen, Musik oder Büchern sogar bei 70 Prozent. Wie der amerikanische Sozialpsychologe Philip Tetlock nachweisen konnte, liefern Spezialisten kaum bessere Voraussagen als aufmerksame Zeitungsleser. Experten überschätzen oft ihre Fähigkeiten.

Daraus ergeben sich brisante Schlussfolgerungen. Erstens sind Spitzenmanager demnach vor allem deshalb erfolgreich, weil sie zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Sie sind zweitens keineswegs besser als diejenigen, die mit ihnen um die Topposition konkurrierten. Und drittens beeinflussen sie den Erfolg von Unternehmen auch viel weniger, als die Finanzmärkte glauben. Das zeigt sich zum Beispiel bei Fondsmanagern deutlich. Meist wird nur eine kurze Periode betrachtet, in der sie überdurchschnittliche Renditen erzielten. Wird jedoch ein Jahrzehnt analysiert, sieht der Erfolg ziemlich durchschnittlich aus.

Die Selbstüberschätzung von Managern hat allerdings in der Praxis Folgen: Sie richten sich in einer Komfortzone ein, weisen Fehler anderen zu und werden immun gegen jeden Versuch, ihnen etwas beizubringen. Und die Untergebenen? Sie kuschen. Weil sie wissen, dass kritische Ratschläge von selbstherrlichen Vorgesetzten als Illoyalität aufgefasst werden. Managergehälter und Boni orientieren sich an Erfolgen, die weniger durch Verdienste als durch Glück zustande gekommen sind.

Hybris der Glückspilze führt zu Risiken

Hinzu kommen Halo- und Matthäus-Effekte: Wer hat, dem wird gegeben. Die Glückspilze erhalten – weil sie angeblich so tüchtig sind – mehr und bessere Ressourcen, höhere Förderung und Aufmerksamkeit. Dadurch strahlt ihr Glanz noch heller. Sie sind immer mehr von sich überzeugt und lassen sich als Stars feiern. In der Folge steigern sie den Druck gegenüber dem Aufsichtsrat, ihre Boni zu erhöhen – auch als Absicherung gegenüber Zeiten, in denen sie das Glück verlässt und sie den Anschein großartiger Leistungen nicht mehr aufrechterhalten können.

Zu den Autoren

Hybris verstärkt die Anreize, überhöhte Risiken einzugehen, auch weil die Folgen oft nicht die Verantwortlichen, sondern die Aktionäre und Mitarbeiter tragen. Ein gutes Beispiel sind Akquisitionen. Sie erweisen sich in der Hälfte aller Fälle als Fehlentscheidungen. Eine umfangreiche Literatur weist nach, dass dafür meist Selbstüberschätzung der Manager verantwortlich ist.

Prominente Beispiele für ehemalige Topperformer, deren Hybris ihrem Unternehmen Schaden zugefügt hat, sind etwa Nick Leeson, der 1995 die Barings Bank zugrunde richtete; sein Händlerkollege Jérôme Kerviel bescherte 2008 der französischen Großbank Société Générale einen Verlust von 4,8 Milliarden Euro. Kweku Adoboli kostet die UBS 2011 rund 2,3 Milliarden US-Dollar. Wie lässt sich so etwas verhindern?

Eine Lösung liegt in der Rückbesinnung auf ein altes und erfolgreiches Verfahren, das in Vergessenheit geraten ist: die teilweise Auswahl durch das Los oder den Zufall. Zufall wird dabei im Sinne einer statistischen Wahrscheinlichkeit verwendet. Es hat somit nichts mit Willkür oder Irrationalität zu tun, sondern im Gegenteil mit einer mathematischen Gesetzmäßigkeit. Und die ist historisch gut beleumundet.

Im klassischen Athen und im mittelalterlichen Venedig wurden politische Positionen in einem gemischten Prozedere aus Losverfahren und gezielter Auswahl besetzt. Auch andere italienische Stadtstaaten des Mittelalters wie Florenz oder Bologna haben in ihrer großen Zeit Elemente des Loses zur Bestimmung ihrer Exekutive verwendet. An der Universität Basel wurden im 18. Jahrhundert Lehrstühle per Los ausgewählt, aus einer Liste von drei Kandidaten. Noch heute wird der koptische Papst per Los aus drei zuvor ausgewählten Personen bestimmt.

Seit einiger Zeit wird die Diskussion um aleatorische Verfahren (von „alea“, lateinisch Würfel) wiederbelebt, etwa in der Politik in Form einer dritten Kammer. Sie soll ermöglichen, dass in den Entscheidungsgremien viele Interessen repräsentiert sind, und dem Legitimationsverlust der politischen Eliten entgegenwirken. Das ließe sich auf Unternehmen übertragen. Sie könnten im Aufsichtsrat eine zweite Kammer installieren, die nach dem Losprinzip gebildet wird – um Anspruchsgruppen damit eine Stimme zu geben. Im Management könnte das Los ebenfalls zum Einsatz kommen, und zwar nachdem bereits eine Vorauswahl nach herkömmlichen Methoden getroffen wurde.

Mithilfe der üblichen Rekrutierungsverfahren wird zunächst ein Pool von Kandidaten bestimmt. Deren Fähigkeitsnachweis ist aufgrund der strengen Auswahl überdurchschnittlich hoch. Wer dann das Rennen macht, hängt oft an Zufälligkeiten oder politischer Einflussnahme. Das ist ähnlich wie bei der Preisverleihung in Musikwettbewerben. Dort wurde empirisch nachgewiesen, dass nach einer sorgfältigen Vorauswahl die Fähigkeiten der Kandidaten in der „short list“ so dicht beieinanderliegen, dass es Zufall ist, wer den Preis bekommt. Was spricht dagegen, den Zufall gezielt einzusetzen? Welche Vor- und Nachteile hätte das?

Wer für eine Spitzenposition per Los ausgewählt wurde, ist weniger anfällig für die Gefahr der Selbstüberschätzung und des Machtmissbrauchs. „Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut“, sagt der Historiker Lord Acton. Gewinner im Losverfahren sind bescheidener und eher bereit, auf Ratschläge anderer zu hören. Verlierer behalten ihr Gesicht und ihr Selbstbewusstsein.

Das Los führt zu neuen Ideen

Dadurch treten auch solche Kandidaten an, die andernfalls aus Angst vor einem Gesichtsverlust ihr Interesse an einer Position gar nicht erst anmelden, wodurch der Kandidatenpool vergrößert wird. Das belegt auch Robert Frank, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Cornell-Universität, in seinem neuen Buch „Success and Luck“. Demnach handeln Menschen sozialer, wenn sie wissen, dass sie vom Schicksal begünstigt wurden. All dies erhöht die Qualität der Führung und die Kooperation zwischen Gewinnern und Verlierern. Überzogene Managergehälter sind unter diesen Voraussetzungen nicht zu erwarten.

Alain Caparros, Rewe-Chef: Alain Caparros gibt gerne zu, dass Glück und Zufall stets auf seiner Seite waren: „Ich war nie der Beste“, sagt der Rewe-Chef, „aber immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Quelle: Laif

Das Los verhindert darüber hinaus Diskriminierung, zum Beispiel nach Rasse, Geschlecht, Alter oder Herkunft. Damit bekommen Menschen eine Chance, die sonst schlechte Karten hätten. Quoten werden überflüssig. Kreative Außenseiter erhalten leichteren Zutritt zu einflussreichen Positionen. Das Los ist deshalb eine wahre Suchmaschine für neue Ideen und Talente.

Umgekehrt werden Personen zur Kandidatur ermutigt, die ansonsten wenig Vorliebe für den Wettbewerb haben. Die Ökonomieprofessorinnen Muriel Niederle und Lise Vesterlund fragten 2007 in einem berühmt gewordenen Aufsatz, ob Frauen vor Wettbewerb flüchten – und ob Männer sich zu viel mit anderen messen. Sie und später viele weitere Forscher zeigen, dass Frauen in der Tat eine Abneigung gegen den Wettbewerb haben. Der Grund: Sie müssen mit Sympathieverlusten rechnen, wenn sie Männer schlagen. Das Losverfahren ist deshalb besonders geeignet, mehr Frauen zu veranlassen, sich als Kandidatinnen zur Verfügung zu stellen.

Einer der größten Vorteile des Losverfahrens liegt jedoch darin, dass es vor berüchtigten „old boys networks“ schützt. Es lohnt sich nicht, vor der Wahl in Lobbying, Manipulation oder andere Einflussversuche zu investieren, wenn das Los entscheidet. Für die Fifa wäre es so gesehen ein Segen gewesen, das Losverfahren zu benutzen.

Genau das ist der wichtigste Grund, warum das Interesse an Losverfahren bei der Besetzung politischer Ämter wieder erwacht – weil dadurch Machtkonzentrationen bei sich selbst reproduzierenden Eliten oder dem sprichwörtlichen Establishment vermieden werden. Die Jahrhunderte dauernde Stabilität und Prosperität des klassischen Athen und der mittelalterlichen oberitalienischen Städte verdanken sich diesem Sachverhalt.

Freilich gibt es auch Nachteile. Der häufigste Einwand ist, dass das Los nicht zwischen Fähigen und Unfähigen entscheidet. Das ist beim Auslosen aus einem ausgesiebten Pool allerdings weniger relevant. Denn man kann davon ausgehen, dass bei einer sorgfältigen Vorauswahl diejenigen, die es bis in die engere Auswahl geschafft haben, ohnehin eine hohe Kompetenz haben.

Allerdings ist eines zu bedenken: Je enger und konventioneller die Kriterien der Vorauswahl, desto weniger kommen Vorzüge des Losens zum Tragen. Entsprechende Entscheidungen könnten darüber hinaus als irrational und deshalb illegitim betrachtet werden. Sie sind aber – weil nach strenger mathematischer Gesetzmäßigkeit zustande gekommen – zweifellos rationaler als Entscheidungen, die durch Vetternwirtschaft oder Machtkonzentration entstanden.

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