WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Psychologie Wem Homeoffice leicht fällt – und wem nicht

Manche Menschen können das Arbeiten zu Hause genießen - andere nicht. Quelle: imago images

Arbeiten von zu Hause aus – das bedeutet in vielen Fällen auch: allein mit sich sein, sich selbst organisieren und keinerlei Kontrolle. Wie gut das gelingt, ist eine Typfrage.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Umgehen mit der Coronakrise bedeutet seit Wochen auch: eine umfangreiche Analyse des Homeoffices. Alle, Alleinerziehende wie Singles, Führungskräfte wie Anfänger, müssen sich darin arrangieren. Nur eine kleine Gruppe von etwa 16 Prozent ist laut einer Umfrage des Dienstleisters funktionHR rundum glücklich in der krisenbedingten neuen Arbeitssituation.

Ist es womöglich eine Frage des Typs, wie gut die Arbeit im Homeoffice gelingt? Können jetzt Mitarbeiter, die im direkten Kontakt eher unauffällig sind, plötzlich punkten, weil sie ihre Arbeit auch zwischen Küche und Wäscheständer zuverlässig erledigen? Können die Dauerplauderer aus den Konferenzräumen auf einmal nicht mehr ihre Stärken ausspielen? „Führungskräfte lernen ihre Mitarbeiter jetzt neu kennen“, sagt Personalexpertin Katrin Luzar von Monster.de. Festgefahrene Gruppendynamiken würden in der ungewohnten Situation durchbrochen – und mancher muss seine Rolle erst einmal neu finden. Und Conny Herbert Antoni, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Universität Trier, betont: „Persönlichkeitsfaktoren haben Einfluss darauf, wie gut jemand mit dem Homeoffic zurechtkommt. Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen, die sehr sozial orientiert sind, nicht so gern allein sind und dadurch auch weniger leistungsfähig sein können.“

Gegen die Einsamkeit könne regelmäßiger Kontakt per Video mit den Kollegen hilfreich sein, so Antoni. Entscheidender für produktives Arbeiten von zu Hause sei aber eine andere Eigenschaft: „Es zeigen sich konsistente Zusammenhänge zwischen der Gewissenhaftigkeit einer Person und gelingendem Homeoffice. Wenn ich gewissenhaft bin, heißt das auch, dass ich das mache, was ich mir vornehme“, erläutert Antoni.

Schlechte Karten haben Menschen, die sich leicht ablenken lassen und zu Prokrastination neigen. „Sie sind gerade in der privaten Umgebung schnell verführt, sich anders zu beschäftigen oder im Internet herumzusurfen“, sagt der Psychologe. Was dagegen hilft, sind zum Beispiel klare Anweisungen und Nachhalten der Führungskraft, aber auch ein eigener Plan für den Tag, der genau festlegt, bis wann was zu erledigen ist und wann Online-Meetings stattfinden.

Die Coronakrise hat Tausende Menschen zum Arbeiten von zu Hause verdammt, die nicht damit gerechnet hatten und es nicht gewohnt sind. Deshalb punktet laut Antoni nun auch derjenige, der sich leichter tut, Neues anzunehmen und sich schnell damit zu arrangieren.

Leistung sticht Lautstärke

Für die 660 Mitarbeiter von Matias Woloski, Mitgründer des Start-ups Auth0 aus Washington, stellte sich zumindest letzteres Problem nicht. Sie arbeiten aus 35 Ländern für die Firma, die Online-Logins für Unternehmenssoftware vertreibt – und zwar auch vor Corona zumeist von zu Hause. „Vieles ändert sich, wenn Mitarbeiter nicht im Büro aufeinandertreffen“, berichtet Woloski von seiner Erfahrung. „Die Videokonferenz macht die Menschen gleicher. Dort punktet man stärker durch seine Fähigkeiten und Leistungen, nicht etwa durch Lautstärke.“

Auch die gelungene Präsentation sei nicht mehr jenen vorbehalten, die einen zitterfreien Auftritt vor Publikum hinlegen können. „Wir haben manchmal Telekonferenzen mit 600 Teilnehmern. Es macht für denjenigen, der eine Präsentation zeigt, einen Unterschied, ob er 600 Menschen in einem Saal vor sich sieht – oder Gesichter am Bildschirm. Also verhält er sich auch anders und hat im besten Fall weniger Hemmungen“, erzählt Woloski.

Vor Corona war es dem gebürtigen Argentinier wichtig, allen Vorlieben gerecht zu werden. Er sei selbst gern unter Leuten, sagt Woloski, und könne den Wunsch nach zwischenmenschlichem Kontakt am Arbeitsplatz bestens nachvollziehen. „Deshalb haben wir Büros, insgesamt sechs weltweit. Wo es keins gibt, können die Mitarbeiter auf Co-Working-Spaces ausweichen“, sagt er. Diese Möglichkeiten sind in Coronazeiten zwar hinfällig, wichtig bleibt als Erkenntnis für Führungskräfte: Wenn sie ihre Firma aus dem Homeoffice führen, müssen sie sich auch anders mit den Persönlichkeiten ihrer Mitarbeiter auseinandersetzen.

Wenn Videomeetings Menschen gleicher machen, wie der Gründer es ausdrückt, liegt das allerdings auch daran, dass nur ein Bruchteil der Körpersprache das Gegenüber erreicht. Eine Herausforderung für die Kommunikation und vor allem für Führungskräfte, die schließlich auf dem Schirm haben sollten, wie es ihren Leuten im Team geht. „Eine Videokonferenz erfordert mehr Disziplin, die Situation ist anstrengend. Als Führungskraft muss ich reflektieren: Wo ist diese Person gerade? Fühlt sich da jemand unwohl? Das ist in einem Raum einfacher“, sagt Katrin Luzar.

Manche Veränderungen bei den Mitarbeitern sind unterdessen weniger typbedingt, sondern haben mit deren persönlicher Situation zu tun: Schulen und Kitas sind geschlossen, Kontakte und Freizeitbeschäftigungen müssen ruhen. „Mitarbeiter, die sonst 150 Prozent geben, schaffen jetzt vielleicht nur noch 80 – weil ihre private Situation zu Hause nicht mehr hergibt. Das muss im Team ausbalanciert werden und die Erwartungen müssen klar kommuniziert werden“, betont Luzar.

Homeoffice in Zeiten von Corona

Leistung sei gleichzeitig schwieriger zu messen, am ehesten funktioniere dies immer noch über die Frage, ob die Aufgabe erledigt wurde. Was gerade ein ganz anderes Thema sei: Viele Mitarbeiter müssten eher gebremst werden, damit sie nicht zu viel arbeiteten. „Viele wollen sich beweisen, Präsenz zeigen, fühlen sich verantwortlich und wollen ihr Unternehmen in der Krise retten. Die muss man vor dem eigenen Durchhaltewillen bewahren.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%