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Ralf Konersmann Was wir von der Philosophie der Stoa lernen können

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Auch die Puritaner haben ihren Seneca gelesen

Der stoische Weg zur inneren Ruhe ist ein Projekt, sagen Sie, Seelenruhe wird durch Anstrengung erworben, ist ein Resultat vernünftiger, man könnte auch sagen: methodischer Lebensführung?

Ja, nicht nur die Methodisten, auch die Puritaner haben ihren Seneca gelesen. Man denke nur an die Forderungen der protestantischen Ethik, wie Max Weber sie beschrieben hat: Das Tagebuch-Führen, die Gewissensprüfung, das Rechenschaft-Ablegen  vor der Gemeinde - all das sind stoische Implikationen, die zeigen, wie rigide diese Ethik ist, wie wenig sie geneigt ist, dem Einzelnen Fehltritte nachzusehen. In dieser Askese berühren sich Stoa und Teile des Protestantismus.

Worauf kommt es auf dem Weg zur Seelenruhe an?

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    Es geht um regelrechte Exerzitien, um seelische und körperliche Übungen. Seneca empfiehlt etwa harte Matratzen für die Nachtruhe. Man soll sich keine Weichheiten, keinen Luxus leisten, keine Delikatessen. Erst Selbstdisziplin, die freiwillige Unterwerfung unter das, was man für notwendig hält, das konsequente Nicht-Abweichen vom Weg verspricht Erfolg. Wir neigen dazu, solche Übungen zu psychologisieren. Ebenso wichtig aber ist das Vermögen der Interpretation: dass ich lerne, die Welt richtig anzusehen, dass ich mir die Dinge zurechtlege, um etwas mit ihnen anfangen zu können. Auch hier bewährt sich wieder die therapeutische Funktion des Denkens: zu zeigen, dass die Welt mich nicht bedroht...

    …oder der Tod mich in Angst und Schrecken versetzt.

    Ja, der Tod ist in der gesamten antiken Philosophie ein Musterbeispiel für die Bedeutsamkeit und das Vermögen des Interpretierens: Ich muss dem Tod Bilder und Erzählungen abringen, die ihn mir erträglich, vielleicht sogar als Erlösung erscheinen lassen. Und da sind die Stoiker ganz stark, das hat zu ihrer Rezeption enorm beigetragen: dass sie Formulierungen gefunden haben, den Tod nicht als Schrecknis, sondern als eine Art Übergang, als Entlastung und Erleichterung zu sehen, die es uns erlaubt, bis zur letzten Sekunde des Lebens stark zu sein. Genau das fängt Rubens in seinem Seneca-Bild ein: Während alle um ihn herum verzweifelt sind, beweist der sterbende Seneca Standhaftigkeit, er bleibt stehen bis zuletzt.

    Der Stoiker bleibt gelassen, er entgeht der Unruhe der Welt, indem er sie angemessen interpretiert?

    Mit der Interpretation allein ist es nicht getan, ich muss auch die Konsequenzen daraus ziehen. Wenn die Welt mich bedroht, wenn sie mich verunsichert, wenn sie mir ernsthaft Schaden zufügen kann, durch Unfälle oder durch Krankheit, durch Kriege und Naturkatastrophen, durch den Verlust von Verwandten und Freunden, dann hat die Distanz des Stoikers nicht nur den Zweck, sich der Betroffenheit zu entziehen, sondern diese Zumutungen, diese Schläge auszuhalten. Da kommt wieder die Metaphorik des Haltens ins Spiel, des Aushalten-Könnens.

    Das kann man auch kritisch sehen, als Teilnahmslosigkeit.

    Oder Mitleidlosigkeit. Der Stoiker, so das landläufige Bild, ist durch nichts zu erschüttern. Aber ist er wirklich teilnahmslos? Gewiss, er entwickelt einen Schutzpanzer, der aus stoischer Sicht insofern erlaubt, ja geboten ist, als er extreme Situationen zu überstehen hilft. Seneca spricht zum Beispiel von Gefolterten, die ihre Folterknechte ausgelacht hätten. Das ist für ihn eine ganz große Leistung der Selbstbeherrschung, des Sich-nicht-unterkriegen-Lassens, des Sich-nicht-zum-Opfer-machen-Lassens durch andere.

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