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Ralf Konersmann Was wir von der Philosophie der Stoa lernen können

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Balance von Ich und Welt

Die stoische Haltung, das stoische Projekt zielt auf die Balance von Ich und Welt im Zeichen der Vernunft. Überschätzt die Stoa nicht die Selbstkräfte der Rationalität? Traut sie dem Individuum zu viel zu?

Das ist ein wichtiger Einwand, denn der Stoizismus macht eine starke Vorannahme, die wir heute nicht mehr ohne weiteres teilen: dass es eine Verzahnung von Mikro- und Makrokosmos gibt. Nach dem stoischen Kalkül garantiert die Vernunft, dass die individuelle Entscheidung, das kluge Handeln des Einzelnen in Harmonie mit dem Weltgesetz steht. Es geht im Stoizismus im Grunde nur darum, diese Konvergenz herzustellen, also nicht dem Logos der Welt entgegenzuhandeln, sondern Anpassungsleistungen zu erbringen, die dann eben auch belohnt werden, weil ich mich mit der Welt im Einklang befinde. Diese Zuversicht, dass die Welt mit uns im Bunde ist, dass wir gut beraten sind, wenn wir uns auf diese Weltgesetze einlassen, diese Zuversicht haben wir verloren.

Die Welt kommt uns nicht einmal auf halbem Wege entgegen.

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    Deshalb liegt es an uns, sie zu gestalten und zu verbessern. Aber dann sind wir eben auch für alles  verantwortlich, auch für die Schäden, die wir anrichten. In der Formel des Anthropozän haben Naturwissenschaftler versucht, dieses Phänomen begrifflich einzufangen, in den Geisteswissenschaften wird es schon seit langem so verhandelt: als eine Überforderung des Menschen, der im Verlauf der Neuzeit festgestellt hat, dass die Möglichkeit, eigene Verantwortung an überweltliche Instanzen zu delegieren, nicht mehr besteht. Damit ist das Projekt der Balancierung von Ich und Welt in Frage gestellt.

    Und ebenso die Idee des „rechten Maßes“?

    Das „rechte Maß“ zu finden, das zuträglich für uns ist, ergab sich für die Stoiker immer aus der Rücksicht auf die natürlichen Verhältnisse und dem Ausgleich zwischen dem, was wir möchten, und dem, was natürlicherweise möglich ist. Hier sehe ich Anknüpfungspunkte zur Ökologie-Bewegung, die ja permanent die Frage stellt: Was sind die Bedürfnisse, die wir ernst nehmen müssen? Und wo überschreitet die Befriedigung dieses oder jenes Bedürfnisses eine Grenze, so dass wir Schaden nehmen?

    Denken Sie nur an die Diskussion um Fernreisen: Da geht es um den Versuch, zu klären, was uns guttut, wo wir einen persönlichen Vorteil für einen größeren Schaden eintauschen. Die Ökologie-Bewegung müsste ein zentrales Interesse an der Stoa haben, gerade im Interesse des Ideals vom rechten Maß: Was wäre dieses rechte Maß heute? Und wenn es eines gäbe, wie könnte man es praktisch-politisch plausibilisieren, ohne dass es systemwidrig wird? Das sind ganz zentrale Fragen, die von der Stoa aufgeworfen werden.

    Der Kosmologe Seneca ist uns fremd geworden, der Pragmatiker Seneca hingegen ist immer noch aktuell?

    Ja, und die Frage ist, wer die Lücke zwischen beiden füllen kann. Da muss man sehr vorsichtig sein, da dürfen wir nicht irgendwelchen Machtinstanzen eine Prärogative zugestehen, die bei Seneca die Natur hatte. Im Grunde gilt es, den Seneca, der uns heute noch etwas sagt, vielleicht mehr als wir auf den ersten Blick glauben, zu bewahren vor der Inanspruchnahme durch falsche Freunde.

    Seneca war ein reicher Mann, ein erfolgreicher Politiker und Philosoph – muss man sich den Stoizismus leisten können?

    So war er jedenfalls nicht gedacht. Er richtete sich an diejenigen, die keine andere Ressource mobilisieren konnten als ihre Charakterstärke, ihre Bereitschaft, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Nicht alle Stoiker waren reich und gesellschaftlich so erfolgreich wie Seneca. Epiktet zum Beispiel war Sklave. Auch bei ihm spürt man den unmittelbaren Lebensbezug: Wie halte ich ein Leben in der Sklaverei aus? Der Wunsch nach Selbstbestärkung und Selbstbestätigung ist hier ganz elementar. Ich würde also sagen: Nein, die Stoa ist keine Lebenslehre für Begüterte und Privilegierte, sie ist und will ein Angebot sein für jedermann.

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