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Ralf Konersmann Was wir von der Philosophie der Stoa lernen können

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Eine ungewisse, bedrohte Welt

Im Zentrum von Senecas Denken steht die Selbsterhaltung, die Sorge um sich selbst in einer ungewissen, bedrohten Welt…

…und das ist die große Herausforderung: Wir leben ins Offene hinein, wissen gar nicht, was auf uns zukommt. Wenn ich es wüsste, wäre alles viel einfacher. Die Situation der Unruhe bedeutet immer auch Unwissenheit.  Deswegen bleibt  aus stoischer Sicht nichts anderes übrig, als durch Formen der mentalen Selbstorganisation gewisse Vorkehrungen zu treffen. Anders gesagt: Man muss auf alles gefasst sein, darf sich nicht beirren lassen.

Der Stoiker als Burg und die Philosophie als Mauer?

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    Seneca spricht von der Festung, einem missverständlichen Bild, weil es das Abschotten in den Vordergrund stellt, die „splendid isolation“ nach dem Motto: „Macht, was ihr wollt, ich halte mich raus“. Das ist gerade nicht die Position des Stoikers. Genauso wichtig wie Distanz ist für das Gelingen des stoischen Projekts die Teilnahme an der Welt, der Versuch, Verantwortung für sich und die Welt wahrzunehmen, ohne durch die Exponiertheit der eigenen Position Schaden zu nehmen: Wie halte ich das aus? Wie werde ich den Ansprüchen gerecht?

    Durch das Ausbalancieren von Ruhe und Unruhe?

    Ja, Seneca zeigt, dass wir von jeher in einer unruhigen Welt leben, dass sie schwierig ist, zumutungsreich und unzulänglich, uns aber auch die Chance der Bewährung bietet, der Vervollkommnung. Daran sieht man: dem Stoizismus liegt eine tiefe Weltbejahung zu Grunde. Im Gegensatz zum frühen Christentum, das die Welt verneint, das sie vor dem Hintergrund des verlorenen Paradieses als unvollkommen verurteilt und sich nach paradiesischer Vollkommenheit zurücksehnt. Seneca möchte sich mit der Unzulänglichkeit der Welt arrangieren, er sieht sie als Herausforderung, an der wir wachsen und unsere Projekte entwickeln können. Während die christlich-jüdische Tradition die Ruhe an den Anfang stellt und dann eine Art Verfallsgeschichte erzählt, nach der wir immer tiefer in die Unruhe hineingeraten sind, ohne zu wissen, wie uns geschieht, versucht Seneca das umzukehren: Wir waren und sind in der Unruhe und können, wenn wir den richtigen Weg wählen und uns konsequent an ihn halten, in die Ruhe finden.

    Wenn Seneca von „beständiger innere Ruhe“ spricht, meint er nicht Untätigkeit, nicht Stillstand, sondern erfüllte, tätige Muße…

    … ja, deshalb greift auch die Polarität von Ruhe und Unruhe zu kurz. Es geht bei Seneca um die richtige Dosierung: die Unruhe nicht grenzenlos werden zu lassen, es mit der Ruhe aber auch nicht zu übertreiben, so dass sie in Antriebslosigkeit, in Trägheit ausartet. Es ist so etwas wie eine „ruhige Hand“ gemeint: Überlegtes Handeln, Bedächtigkeit, Nachdenklichkeit, kombiniert mit den Möglichkeiten der Unruhe, des Gestalten-Könnens, des weitsichtigen Handelns.

    Bundeskanzler Gerhard Schröder warb während seiner Regierungszeit für eine Politik der „ruhigen Hand“. Nehmen Politiker in ihrem Habitus, in der Art, wie sich geben, immer noch Maß an der stoischen Haltung?

    Das müssen sie, denn mit unserem Politikverständnis verbindet sich die Erwartung der Gestaltbarkeit der sozialen Welt. Gerade weil es in der Gesellschaft viele Bereiche gibt, wie die Kunst oder die Ökonomie, wo Ungestüm ertragen, ja erwünscht wird, muss es auch eine Gegenkraft geben, die steuert, die lenkend eingreift, die eine Idee hat, wie es weitergehen soll mit Blick auf das Ganze. Deshalb ist diese Geste, dieses Bild der „ruhigen Hand“ für Politiker so attraktiv: Mit ihr geht die Suggestion einher, dass nicht nur alles nach vorne stürmt, womöglich in verschiedene Richtungen ausbricht, sondern dass es da so etwas gibt wie ein Zentrum, das über alles  wacht und genau weiß, wann es wie einzugreifen hat.

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