WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Rat der Weisen Wie kann ich wirklich abschalten?

Quelle: Illustration: Patrick Zeh

Abschalten und ruhig einschlafen wird erst dann zum Thema, wenn es nicht mehr klappt. Woran liegt das? Neurowissenschaftler Henning Beck weiß, wie Sie den Kreislauf der nervenden Gedanken unterbrechen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Es ist eine scheinbar banale Frage: „Wie kann ich abends besser abschalten?“, fragte ein Wiwo-Leser. Aber wer einmal Probleme damit hatte, weiß, wie schwierig es sein kann. Neurowissenschaftler Henning Beck hat folgende Tipps, wie es geht – und wie es nicht geht.

Antwort: Oftmals hört man Ratschläge, eine abendliche Routine sorge dafür, dass man „runterkommt“ und beruhigt einschläft. Vergessen Sie das! Wenn Sie einmal am Grübeln sind, sind Automatismen und Routinen das Schlimmste, was Sie tun können. Denn je automatischer Sie handeln, desto eher denken Sie über Schlechtes nach und schalten nicht ab. Wenn mich Grübeleien früher belasteten, fuhr ich zum Beispiel oft Rennrad. Eine ganz schlechte Idee. Je monotoner die Tätigkeit, desto belastender werden Probleme. Ausdauersport ist also das Letzte, zu dem ich raten würde. Genauso wie Musikhören oder Spaziergänge.

Der Fachbegriff für ein nerviges Grübeln lautet „Rumination“, vom lateinischen Wort für „Wiederkäuen“ – und genau das passiert auch im Gehirn. Ein eigenes Netzwerk, das Grundeinstellungsnetzwerk, sorgt dafür, dass man geistig vor- und zurückspult, einen bestimmten Gedanken immer wieder durchdenkt und dadurch eine unangenehme Druck- oder Stresssituation des Tages am Leben hält. Dieses Netzwerk ist immer dann aktiv, wenn man Zeit zum Abschweifen hat, zum Beispiel abends, sobald man im Bett liegt.

Um dann Ruhe zu finden, müssen Sie den Hebel beim Grundeinstellungsnetzwerk ansetzen und dessen Aktivität unterbrechen. Das können Sie auf zwei Arten schaffen. Entweder Sie lenken sich schon vor dem Zubettgehen ab, zum Beispiel durch Gespräche, Spiele oder Treffen mit Freunden. Wichtig ist dabei, dass Sie selbst aktiv werden und etwas Unerwartetes geschieht. Wenn Sie sich mit jemandem unterhalten, dann kann es sich Ihr Gehirn nämlich nicht leisten, in einen wenig produktiven Abschweif- und Grübelmodus zurückzufallen. Zweite Möglichkeit: Sie konzentrieren sich ganz bewusst auf etwas Bestimmtes, vielleicht auf ein Hörbuch, das Sie beim Einschlafen hören. So dämpfen Sie das grübelnde Grundeinstellungsnetzwerk und aktiveren stattdessen das Kontrollnetzwerk, das direkt hinter Ihrer Stirn liegt. Das gelingt dann besonders gut, wenn Sie thematisch etwas völlig anderes hören oder lesen als das, was Sie eigentlich beschäftigt.

Und je intensiver Sie sich konzentrieren, desto weniger geistige Ressourcen bleiben im Gehirn fürs Grübeln. Nervende Gedanken haben keine Chance mehr. Je mehr Sie sich auf etwas Neues konzentrieren, desto mehr schalten Sie also das Alte ab. Das Einschlafen kommt dann ganz von selbst – oder Sie hören im schlimmsten Fall ein spannendes Hörbuch.

Henning Beck ist Neurowissenschaftler, Redner, Autor („Irren ist nützlich. Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind“, „Hirnrissig. Die 20,5 größten Neuromythen - und wie unser Gehirn wirklich tickt“) und Science Slammer.

Wenn Sie eine Frage haben, senden Sie uns diese bitte an erfolg@wiwo.de oder via FacebookInstagram und LinkedIn

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%