Richtig vererben Wie Unternehmer ihre Nachfolge regeln

Die Übergabe an die nächste Generation ist die kniffligste Aufgabe für Familienunternehmen - und die wird durch das neue Urteil des Bundesverfassungsgerichts nicht leichter. So regeln Unternehmer ihre Nachfolge.

Generationen-Management des Hotels

In der fünf Meter hohen Eingangshalle hängen Kronleuchter von der Decke, vor dem Kamin stehen Sessel, bezogen von der hauseigenen Polsterei, jedes der 120 Zimmer ist individuell eingerichtet: Fast 50 Jahre führen Ernst-Friedrich und Sylvia von Kretschmann den Europäischen Hof, ein Fünf-Sterne-Hotel mitten in Heidelberg.

Eröffnet 1865, seit drei Generationen im Familienbesitz. Ihr lang gehegter Wunsch: die Übergabe des profitablen Hotels an Tochter Caroline im Jahr 2010. „Eine bessere Nachfolgerin für unser Lebenswerk als unsere Tochter“, sagt das Paar, „konnten wir uns nicht vorstellen.“

Was Erben wissen sollten
Alleinerbe Der Alleinerbe erbt als einzige Person. Er tritt rechtlich „in die Fußstapfen des Verstorbenen “ und übernimmt dessen gesamte Rechte, aber auch Pflichten. Quelle: dpa
Gesetzliche Erbfolge Die gesetzliche Erbfolge greift immer dann, wenn kein Testament oder Erbvertrag vorliegt. Danach wird der Nachlass zwischen dem Ehepartner und den Verwandten des Verstorbenen aufgeteilt, wobei Kinder und Enkel des Erblassers Vorrang vor Eltern, Großeltern oder anderen Angehörigen genießen. Quelle: REUTERS
Annahme der ErbschaftWer in Deutschland erben will, muss dafür in der Regel nichts tun. Vor allem braucht er die Annahme des Erbes nicht zu erklären . Dieses Phänomen heißt im Juristen-Deutsch “Von-Selbst-Erwerb.“ Quelle: AP
Ausschlagung der Erbschaft Wer nicht erben will, kann (und muss) die Erbschaft innerhalb einer Frist von sechs Wochen ausgeschlagen. Die Zeit läuft ab dem Moment, in dem der Betreffende von der Erbschaft und deren Gründen erfahren hat. Nach Ablauf der Frist ist eine Ausschlagung in der Regel nicht mehr möglich. Lediglich in Ausnahmefällen besteht die Möglichkeit, die Annahme der Erbschaft anzufechten. Quelle: REUTERS
EhegattentestamentVerheiratete und eingetragene Lebenspartner können ein gemeinschaftliches Testament errichten. Eine weit verbreitete Form ist dabei das sogenannte Berliner Testament. Dabei setzen sich die Eheleute gegenseitig zu alleinigen Vollerben ein. Erst wenn beide Partner verstorben sind, werden auch die Kinder bedacht. Sie werden zu Schlusserben, also zu Erben des länger lebenden Ehegatten ernannt. Quelle: dpa
Pflichtteil Ein Erblasser kann bestimmte Personen von der Erbfolge ausschließen, aber nicht immer verhindern, dass diese Personen etwas aus seinem Nachlass erhalten. Grund: Der sogenannte Pflichtteil garantiert den nächsten Angehörigen des Erblassers also eine Mindestteilhabe an seinem Nachlass. Quelle: dpa
EnterbungHat er Erblasser einen oder mehrere gesetzliche Erben von der Erbfolge ausgeschlossen oder sie bei der Verteilung des Nachlasses nicht erwähnt, spricht man von Enterbung. Handelt es sich bei den fraglichen Personen um enge Angehörige, können sie oft zumindest seinen Pflichtteil verlangen. Quelle: obs
SteuerfreibeträgeErben müssen nur dann Erbschaft- oder Schenkungsteuer zahlen, wenn die Zuwendungen eine bestimmten Wert überschreiten. Es gelten folgende Freibeträge: Ehegatten und eingetragene, gleichgeschlechtliche Lebenspartner haben einen Freibetrag von 500.000 Euro, Kinder und Stiefkinder von 400.000 Euro, Enkelkinder von 200.000 Euro. Geschwister, Neffen, Nichten, Schwiegerkinder, geschiedene Ehegatten, Schwiegereltern und Stiefeltern sowie alle übrigen Erwerber haben einen Freibetrag von lediglich 20.000 Euro. Quelle: dpa
TestierfähigkeitUnter dem Begriff der Testierfähigkeit versteht man die Fähigkeit ein Testament zu errichten, zu ändern oder aufzuheben. Üblicherweise gelten Personen ab dem vollendeten 16. Lebensjahr als testierfähig. Quelle: dpa
TestierfreiheitGrundsätzlich darf jeder frei bestimmen, wem sein Vermögen einmal hinterlassen will. Gewisse Einschränkungen gelten aber doch. Die wahrscheinlich wichtigste: Erben können nur Menschen oder juristische Personen, also Vereine, Gesellschaften oder Stiftungen. Quelle: dpa
VermächtnisWer einen oder mehrere Gegenstände aus dem Nachlass erhalten soll, wird nicht Erbe, sondern erhält ein Vermächtnis und kann von den Erben die Herausgabe der fraglichen Sache verlangen. Quelle: AP
WiderrufJedes Testament kann jederzeit widerrufen oder geändert werden, es sei denn, der betreffende ist nicht mehr testierfähig. Das Recht zum jederzeitigen Widerruf ist Ausfluss der Testierfreiheit. Quelle: dpa

Die ist damals Anfang 40 – und taxiert ihr Interesse, in Kürze das unternehmerische Erbe ihrer Eltern anzutreten, „auf zehn Prozent“. Ihren Lebensmittelpunkt hatte die Hotelierstochter längst vom Neckar an die Spree verlegt, dort mit ihrer Lebensgefährtin gerade eine Unternehmensberatung gegründet – auch, um gerade nicht auf eine Karriere im elterlichen Betrieb angewiesen zu sein.

„Aber das Hotel ist für mich auch wie ein Familienmitglied, und den Urgroßvater gibt man ja auch nicht einfach ins Heim“, sagt von Kretschmann. Und beschließt, eine Weile tageweise nach Heidelberg zu pendeln, um im Austausch mit ihren Eltern ganz in Ruhe nach der besten Lösung zu suchen – für sich und das Hotel.

Die zehn besten börsennotierten Familienunternehmen
Platz 10: Hennes and Mauritz AB Class BDer schwedische Klamottenriese ist mittlerweile in 53 Ländern vertreten. Trotz des hart umkämpften Marktes konnte H&M zuletzt 11,2 Prozent Umsatzwachstum verbuchen. Die Eigenkapitalquote beträgt 73,6 Prozent. Stärken: sehr nachhaltiges und solides Umsatzwachstum: H&M konnte in den vergangenen 15 Jahren stets wachsen Schwächen: Wettbewerb bei der Zielgruppe der jungen Käufer ist stark umkämpft Quelle: dpa
Platz 9: TenarisMit 7,6 Prozent weist Tenaris das geringste Umsatzwachstum der Unternehmen in den Top Ten auf. Für die Zukunft erwarten Experten wieder eine Umsatzsteigerung. Die Eigenkapitalquote ist mit 71,3 Prozent sehr solide. Das Unternehmen stellt Stahlrohre her und erbringt auch damit in Verbindung stehende Dienstleistungen (etwa Schweißarbeiten), vor allem in der Öl- und Gasindustrie. Stärken: Starke Präsenz in allen wichtigen Märkten, unter anderem in den USA und Südamerika Schwächen: Hohe Abhängigkeit von der Öl- und Gasindustrie Quelle: Screenshot
Platz 8: Fresnillo PLCDas mexikanische Bergbauunternehmen ist vor allem in der Gold- und Silberförderung tätig. Mit einem Marktanteil von 53 Prozent ist Fresnillo aktuell der größte Silberproduzent der Welt. Das Umsatzwachstum liegt derzeit bei 14,7 Prozent bei einer Eigenkapitalquote von 68,3 Prozent. Stärken: Fresnillo zeichnet eine überdurchschnittliche Ertragskraftaus. Die EBIT-Marge lag 2013 bei 32 Prozent Schwächen: Erlöse und Erträge schwanken sehr stark Quelle: Presse
Platz 7: Antofagasta plcAntofagasta ist ein chilenischer Bergbaukonzern, das unter anderem Gold, Molybdän und Kupfer fördert, wobei Kupfer mit etwa 90 Prozent der Umsätze das Kerngeschäft ausmacht. Gegründet wurde das Unternehmen mit Sitz in London bereits 1888. Die Eigenkapitalquote ist konstant hoch und liegt derzeit bei 54,3 Prozent. Der Umsatz wuchs zuletzt um 13,5 Prozent. Stärken: Antofagasta hat sein Umsatzwachstum seit 2008 verdoppelt. Zudem zeichnet es sich durch hohe Profitabilität (EBIT-Marge: 36,7 Prozent) aus Schwächen: Umsätze konzentrieren sich stark auf Kupfer Quelle: Antofagasta plc
Platz 6: Dassault Systemes SAMit einer Eigenkapitalquote von 62,3 Prozent und einem Umsatzwachstum von 12,6 Prozent landet Dassault auf dem sechsten Platz. Dassauls Systemes bietet Software für nahezu alle Branchen und ist branchenführend bei 3D-Anwendungen. Im Bild: Charles Edelstenne (links), Vorsitzender von Dassault Systemes, gemeinsam mit Loïk Segalen (2.v.l.), COO von Dassault Aviation, Serge Dassault (2.v.r.), UMP-Politiker und CEO der Groupe Dassault Holding, sowie Dassault-Aviation-CEO Eric Trappier posieren nach der Präsentation der Halbjahreszahlen 2014. Stärken: Dassault ist mit rund 30 Prozent Weltmarktführer bei stark wachsender 3D-Software Schwächen: niedrige Dividendenrendite Quelle: Reuters
Stampfer des deutschen Herstellers Wacker Neuson Quelle: handelsblatt.com
Platz 4: Swatch Group Ltd. BearerDas Schweizer Unternehmen Swatch weist die höchste Eigenkapitalquote (82,3 Prozent) der Top Ten auf. Das Umsatzwachstum betrug zuletzt 15 Prozent. Swatch ist der weltgrößte Hersteller von Fertiguhren. Im Bild: Nick Hayek, Präsident der Konzernleitung. Stärken: Starke Konzernmarken (Glashütte Original, Blancpain), hoher Bekanntheitsgrad Schwächen: niedrige Dividendenrendite Quelle: AP
Platz 3: XingDer Betreiber des gleichnamigen Sozialen Netzwerks kann mit einem Umsatzwachstum von 16 Prozent punkten. Die Eigenkapitalquote liegt bei knapp 54 Prozent. 2006 ging Xing an die Börse und ist seit 2011 im TecDax gelistet. Bei Xing vernetzen sich derzeit 14 Millionen Mitglieder aus sämtlichen Branchen. Stärken: Xing ist mit einer EBIT-Marge von 20,3 Prozent profitabler als Konkurrent LinkedIn (2,6 Prozent) Schwächen: Mitgliederzahl deutlich kleiner als bei LinkedIn mit mehr als 313 Millionen Quelle: dpa
Platz 2: Nemetschek AGIm Bild: Professor Georg  Nemetschek gründete die AG 1963, die sich auf Architektur- und Konstruktionssoftware für die Bauindustrie und die Immobilienwirtschaft spezialisiert hat. Das Unternehmen fällt durch eine hohe Eigenkapitalquote (65 Prozent) auf und kann mit 17 Prozent eine solide EBIT-Marge aufweisen, sowie eine Nettoliquiditätsposition. Seit 1999 ist die Nemetschek AG börsennotiert. Stärken: das Wartungsgeschäft steht für 48 Prozent der Umsätze und bietet ein solides Fundament für weiteres Wachstum Schwächen: Umsatz und Ertrag hängen stark von der Konjunktur und Lage der Bau- und Immobilienbranche ab Quelle: Presse
Platz 1: RIB Software AGDas Unternehmen führt die Hitliste an. Die Stuttgarter haben sich erfolgreich auf Software für Bauunternehmen spezialisiert – von der Tragwerksplanung bis zur Kostenanalyse. Positiv bewertet wurden ein dynamisches Umsatzwachstum (20 Prozent), eine sehr solide Eigenkapitalquote (81, 7 Prozent) und eine Nettoliquiditätsposition. Im September schaffte es RIB in den TecDax. Stärken: Überdurchschnittliches Finanzprofil Schwächen: Hohe Abhängigkeit vom Heimatmarkt. Rund 58 Prozent des Umsatzes werden in Deutschland erwirtschaftet Quelle: BHF Quelle: Presse

Alle Optionen liegen damals auf dem Tisch: Verkauf oder Verpachtung des Hauses an eine Hotelkette, die Verpflichtung eines externen Managers oder eben die Fortführung des Traditionshauses in vierter Generation.

Statt Hals über Kopf über ihre Zukunft zu entscheiden, nähert sich Caroline von Kretschmann der möglichen Aufgabe schrittweise. Modernisiert erst mal die Web-Site, macht sich mit dem Hotelmarkt und dem eigenen Haus vertraut. Verbringt immer mehr Zeit in ihrer alten Heimatstadt, wechselt nicht mehr bei jedem Besuch das Hotelzimmer, sondern hat ab Mitte 2012 ein festes Refugium im Gartengebäude der Hotelanlage. Und seit Anfang 2013 auch in der Geschäftsführung.

Hin und her gerissen zwischen familiärer Emotion und unternehmerischer Tradition einerseits und rationalem Ringen um die beste Lösung zum Wohle des Unternehmens andererseits: Diesem Zwiespalt sehen sich Familienunternehmen stets ausgesetzt, wenn eine der zentralen Entscheidungen ansteht – die Auswahl des besten Nachfolgers bei der Übergabe des Unternehmens an die nächste Generation.

Ein heikler Prozess, bei dem es gilt, Entscheidungen zum Wohle des Unternehmens zu treffen, ohne die Familie vor den Kopf zu stoßen. Aber auch, den Clan zusammenzuhalten, ohne das Unternehmen zu gefährden. Und im Zweifel auch die Kraft zu haben, Führungskräfte außerhalb der Familie zu engagieren oder das Unternehmen gar zu verkaufen.

Grafik zu Gründen einer gescheiterten Unternehmensnachfolge

„Die Übergabe an die nächste Generation ist die kniffligste Aufgabe für alle Familienunternehmen“, bestätigt Alexander Koeberle-Schmid, Mittelstandsexperte beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG. Eine Aufgabe, die laut Institut für Mittelstandsforschung Bonn jährlich etwa 27.000 deutsche Familienunternehmen lösen müssen.

„Es ist zwar so gut wie unmöglich und auch nicht angeraten, die familiäre Sicht der Dinge komplett zu ignorieren“, sagt Koeberle-Schmid. „Dennoch sollten beide Generationen diesen Prozess vor allem durch die Unternehmerbrille betrachten.“

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