Romanze mit dem Job Ein Plädoyer für Leidenschaft im Wirtschaftsleben

Sehnsucht, Abenteuerlust, Verspieltheit: Eigenschaften, die eine funktionierende Liebesbeziehung prägen, sollten auch in unserem Arbeitsalltag eine tragende Rolle spielen, findet der Autor Tim Leberecht.

Eine Romanze mit dem Job soll helfen. Quelle: Fotolia

Wenn man in einem schlecht bezahlten Dienstleistungsjob arbeitet, ist materieller Zugewinn noch immer wichtiger – wenn nicht sogar am wichtigsten – für das persönliche Wohlergehen. Für eine wachsende Gruppe von Menschen, auch in Deutschland, hat es in ihrer Arbeit nie viel Romantik gegeben, und die zunehmende Ungleichheit könnte jede Hoffnung, dass das in der Zukunft anders kommen könne, zunichtemachen.

So gesehen ist Romantik in der Tat ein Privileg, und eines, das leichter für Wissensarbeiter in stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen erfahrbar ist oder für Berufstätige in anderen Industriezweigen, die nicht täglich ums Überleben kämpfen müssen. Es ist ein Luxus, nach dem Warum fragen und Erfolg in nichtquantitativen Begriffen definieren zu können.

Mit Business-Romantik ist jedoch nicht unbedingt gemeint, dass man „tut, was man liebt“. Dieses von Steve Jobs inspirierte Mantra ist vielmehr heutzutage unter Kleinunternehmern, Kunsthandwerkern und Freiberuflern derart weit verbreitet, dass es schon erste Gegenreaktionen hervorruft. Die Autorin Miya Tokumitsu etwa wendet ein, dass ein solches Motto elitäre Annahmen verbreite, die den ganz eigenen Wert von Arbeit und Pflichterfüllung herabwürdigten.

Mit Business-Romantik ist auch nicht gemeint, dass man immer „liebt, was man tut“. Gemeint ist schlicht die Fähigkeit, in dem, was man tut, Augenblicke der Liebe zu schaffen und zu finden – selbst in dem, was Tokumitsu als „nicht liebenswerte“ Arbeit bezeichnet: Voraussetzungen für echte menschliche Kontakte und eine Ahnung von Großartigkeit, die das Alltägliche überschreitet. Skeptiker mögen das als eskapistische Anleitung zur Selbsttäuschung bezeichnen. Ich nenne es den Mut, gegen den „Tod durch Realismus“ zu kämpfen – den Mut, Hingabe und Verletzlichkeit an die Stelle von Zynismus zu setzen.

Was Sie für Ihren beruflichen Erfolg tun können
Eigentlich liegt es auf der Hand: Lesen Sie mehr. Wer liest, tut etwas für seinen Wissenshorizont und für seinen Wortschatz. Dabei müssen es nicht nur Fachbücher sein, auch ein Roman hin und wieder tut den grauen Zellen gut. Quelle: dpa
Außerdem kann es nie schaden, zu verfolgen, was draußen in der Welt so vor sich geht. Interessieren Sie sich für Zusammenhänge und dafür, welche Trends Ihre Branche bewegen. Quelle: dapd
Und falls Sie noch nicht lange in Ihrer Branche tätig sind, sollten Sie sie genau unter die Lupe nehmen: Wie funktioniert die Branche, welche Abhängigkeiten gibt es, welche Subventionen, welche Regeln und wer sind die größten Akteure? Vielleicht arbeiten Sie, was eine Karriere anbelangt, im völlig falschen Unternehmen. Quelle: Fotolia
Unabhängig von der Branche bieten sich Fortbildungen, Messen und Kongresse zum Dazu lernen und Kontakte knüpfen an. Natürlich sind Weiterbildungsmaßnahmen auch Sache des Arbeitgebers, Eigeninitiative hat aber noch keinem geschadet. Weder dem eigenen Horizont, noch dem Ansehen. ine tolle Möglichkeit sich fortzubilden, bieten Vorträge, Kongresse, Tagungen oder Messen. Quelle: dpa
Wer rastet, rostet. Also probieren Sie neues aus und üben Sie das Gelernte. Erfahrungen sind immer nützlich und je nach dem, mit was Sie herumexperimentieren, kann es Ihnen auch beruflich etwas bringen. Quelle: dpa
Ohne Vitamin B geht fast gar nichts. Also hocken Sie nicht nur zuhause oder in ihrem Büro, sondern lernen Sie neue Leute kennen und erweitern Sie Ihr Netzwerk. Dabei ist es zunächst unerheblich, ob sie das virtuell - beispielsweise bei Xing oder LinkedIn - oder beim Stammtisch nebenan tun. Das erweitert ihren persönlichen Horizont und kann ihnen beruflich von Nutzen sein. Quelle: REUTERS
Machen Sie sich Gedanken darüber, wo Sie beruflich einmal hinwollen. Gibt es jemanden, den Sie sich zum Vorbild nehmen könnten? Wenn nicht, denken Sie über positive Eigenschaften nach, die Sie gerne hätten: mehr Kreativität, mehr Zielstrebigkeit oder Ähnliches. Dann können Sie versuchen, diesem Ideal näher zu kommen. Quelle: dpa

Gefangen im Hamsterrad

Üblicherweise definieren wir Erfolg als eine Abfolge von erreichten Zielen, die auf einer geraden Linie hin zur höchsten Ebene einer Lebensleistung führt, die von den Kollegen, Freunden und der Familie sowie der gesamten Gesellschaft anerkannt und belohnt wird. Mit anderen Worten: eine Karriere. In der konventionellen Definition einer Karriere führt Erfolg zu mehr Erfolg. Zumindest hoffen wir das!

In der Minute, in der wir Erfolg haben, fühlen wir uns genötigt, mehr Erfolge zu erzielen – mit dem einzigen Ziel, noch viel erfolgreicher zu werden. Wir wissen, dass das unsinnig ist, und können doch nicht anders; wir sind im sprichwörtlichen „Hamsterrad“ gefangen, das wir ständig weiter und schneller drehen wollen.

Der amerikanische Schriftsteller George Saunders warnt uns vor den Ablenkungen, die diese enge Definition von Erfolg hervorruft: „Es gibt eine sehr reale Gefahr, dass ,Erfolg zu haben‘ Ihr ganzes Leben in Anspruch nehmen wird, während die großen Fragen unbeantwortet bleiben.“

Welche Berufe glücklich machen
die glücklichsten Menschen arbeiten in Hamburg Quelle: dpa
Die Jobsuchmaschine Indeed hat sich der Zufriedenheit deutscher Arbeitnehmer angenommen und nachgefragt, wer mit seinem Job besonders zufrieden ist. Die glücklichsten Berufe in Deutschland sind demnach eine bunte Mischung aus allen Ausbildungswegen und Hierarchiestufen. So gehören zu den Top 20 der zufriedensten Berufe viele traditionelle Handwerksberufe wie Maurer, Tischler oder Elektriker. Zufrieden sind allerdings auch - entgegen aller Klischees - Lehrer und Krankenschwestern. An der Spitze der Liste stehen Trainer, studentische Hilfskräfte und, wenig überraschend, Geschäftsführer. Laut dem Meinungsforschungsinstituts YouGov sind allgemein nur sieben Prozent der Deutschen wirklich unzufrieden mit ihrem Job, 75 Prozent der Arbeitnehmer macht ihre Arbeit mehrheitlich Spaß. Damit sie sich im Beruf wohl fühlen, brauchen 27 Prozent der Beschäftigten neue Herausforderungen, für 18 Prozent ist ein abwechslungsreicher Arbeitsalltag wichtig, für 15 Prozent bessere Gehaltsaussichten. Immerhin 14 Prozent wollen „etwas Sinnvolles“ für die Gesellschaft tun. Die folgenden Berufe erfüllen diese Kriterien - und machen glücklich. Quelle: Fotolia
Gärtner und Floristen sind zu 87 Prozent glücklich. "Ich arbeite in einer Umgebung, die ich mag, und tue etwas lohnendes und sinnvolles", gaben sogar 89 Prozent von ihnen an. Quelle: Fotolia
Jemand frisiert einen Puppenkopf Quelle: dpa
Männer arbeiten an Toiletten. Quelle: AP
Die ersten Nicht-Handwerker in der Glücksrangliste sind ausgerechnet Marketing- und PR-Leute (75 Prozent). Die Wahrheit steht offenbar nicht in direktem Zusammenhang mit dem Glück. Quelle: Fotolia
Jemand hält einen Glaskolben mit einer Flüssigkeit darin. Quelle: AP

Business-Romantiker planen ihre eigenen Schlussakkorde. Wir schaffen Rituale, um einige dieser Runden im Hamsterrad zu zelebrieren und ihnen einen höheren Sinn zu verleihen. Manchmal treten wir sogar aus dem Rad heraus, wenn es auch nur für einen Augenblick des Nachdenkens ist oder für eine Verjüngungsphase. Wenn wir gehen, dann tun wir es erfüllt. Vielleicht gehen wir, wie die Angestellten von Naked Wine, die bei ihrer Kündigungs-E-Mail gemeinsam auf den „Senden“-Button gedrückt haben, als ein Kollektiv, das sich auf die Suche nach einem tatsächlich erfüllenden Leben macht.

Als Business-Romantiker erkennen wir an, dass Erfolg ein notwendiger Teil unserer Karriere-Gleichung ist, aber wir blicken mit einer gesunden Dosis Ironie und Verspieltheit darauf. Anstatt uns selbst an quantitativen Erfolgsmaßstäben zu messen, haben wir andere, provokativere Bewertungsmethoden. Wir tragen eine Maske! Wir finden Vergnügen daran, die Rolle des Erfolgsmenschen auszuprobieren. Aber wir vergessen nie, dass unsere Seele noch unzählige andere Seiten hat: Verletzlichkeit, Melancholie, Leiden und ein großes Verständnis für Fremde und Fremdheit, für Verrücktes und Vorübergehendes, um nur einige wenige zu nennen.

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