Serie Wirtschaftswelten 2025 Die Digitalisierung verändert das Profil von Managern

Weil Algorithmen künftig bisherige Managementaufgaben übernehmen, verändert die Digitalisierung die Organisation von Unternehmen und das Profil von Führungskräften.

Wo Maschinen menschliche Arbeitskraft ersetzen
1. BankkassiererWann haben Sie eigentlich das letzte Mal Geld am Schalter bei einem Bankkassierer abgehoben? Richtig, das ist lange her. Mittlerweile können Überweisungen, Auszahlungen und die Abfrage des Kontostands bequem am Automaten erledigt werden. Lediglich bei komplizierten Überweisungen oder spezielle Fragen zieht es die Kunden noch zu den Bankkassierern an den Schalter. Laut Mark Gilder von der Citibank können „mindestens  85 Prozent der Transaktionen, die am Schalter gemacht werden können, auch durch den Automaten übernommen werden.“ Und das ist noch nicht das Ende: Citibank experimentiert derzeit mit videobasierten Schaltern in Asien. Quelle: AP
2. KassiererWer in einem großen Supermarkt einkaufen geht, kann sie kaum übersehen: Die Selbstzahl-Schalter. Anstatt sich an der Kasse anzustellen, greifen viele Kunden schon jetzt auf die Möglichkeit der Zahlung am Automaten zurück. Selbst die Produkte aus dem Einkaufswagen einscannen und am Automaten bar oder mit der EC-Karte bezahlen. Rund 430.000 solcher Automaten sind weltweit bereits in Betrieb – mehr als das Vierfache als noch im Jahr 2008. Auch wenn Supermärkte wie Big Y und Albertson’s (USA) und auch Ikea nach Kundenbeschwerden ihre Selbstzahl-Automaten wieder zurückzogen geht der Trend doch eindeutig in Richtung elektronischer Bezahlung. Quelle: dpa
3. RezeptionistLange waren Rezeptionisten das "Gesicht" der Hotels und erste Anlaufstelle für die Gäste. Bald könnten auch sie durch virtuelle Arbeitskräfte ersetzt werden. In Japan wurde sogar schon mit Robotern experimentiert. Ob das den Kunden gefällt, ist jedoch eine andere Frage. Mit einem Automaten zu telefonieren, geht den meisten auf die Nerven, bei einem Roboter einzuchecken, macht ihnen Angst. Viele bevorzugen nach wie vor das persönliche Gespräch. Deswegen gute Nachricht für Rezeptionisten: Die Anzahl an Arbeitsplätzen in der Branche steigt derzeit um etwa 14 Prozent. Quelle: AP
4. TelefonistMenschen, die in einer lange Reihe vor Telefonen sitzen und Kundenanfragen bearbeiten, dieses Bild könnte bald schon der Vergangenheit angehören. Anrufbeantworter und computergenerierte Antwortprogramme ersetzen in diesem Bereich zunehmend die menschliche Arbeitskraft. Insbesondere Telefonumfragen, Tickethotlines und Informationsdienste von Firmen greifen bereits auf computergesteuerte Telefonannahmen zurück. Per Tastenkombination kann der Anrufer sich dann durch ein Menü klicken und auswählen, welche Informationen er abrufen möchte. Quelle: AP
5. PostboteDie E-Mail-Branche stellt Postunternehmen zunehmend vor finanzielle Probleme. Handgeschriebene Briefe werden immer seltener, wer sich etwas zu sagen hat, sei es privat oder im Job, der tut das meist per E-Mail. Immer weniger Briefe werden daher ausgetragen. Das Bureau of Labor Statistics sagt Postboten bis 2022 einen Arbeitsplatzrückgang von 28 Prozent voraus. Quelle: dpa
6. Reisebürokaufmann/-frauEs gab Zeiten, da existierte weder Expedia noch Orbitz. Um einen Flug zu buchen, musste man ins Reisebüro und sich von Reisekaufleuten beraten lassen. Heutzutage wird das für viele überflüssig. Anstelle von Katalogen und persönlicher Beratung vergleich sie im Internet die Preise und buchen ihren Urlaub direkt online. Das spart den Gang zum Reisebüro und kann bequem von zu Hause erledigt werden. Das  Bureau of Labor Statistics sagt der Branche daher einen Rückgang von gut zwölf Prozent bis 2022 voraus. Quelle: AP
8. MaschinenschreiberKönnen Sie sich vorstellen, wie der Geschäftsführer seine Sekretärin bittet auf der Schreibmaschine „einen Brief auf zusetzen?“ Das ist heute längst aus der Mode geraten. In Zeiten bloggender, twitternder Chefs und stimmenaufzeichnender Software, sind Maschinenschreiber längst überflüssig. In den nächsten acht Jahren wird die Anzahl der Arbeitskräfte in diesem Bereich laut Bureau of Labor Statistics noch um weitere sechs Prozent zurückgehen.   Quelle: dpa
8. ZeitungsjournalistenDas Zeitungssterben ist in aller Munde – und mit ihm der Rückgang in der Branche der Zeitungsreporter. Durch Blogs, Online-Angebote und Google News verlieren die gedruckten Zeitungen an Wert und die Auflage geht zurück. Auch hier ersetzt Software menschliche Arbeitskraft: The New York Times benutzt beispielsweise eine Online-Technologie um Heiratsanzeigen zu erfassen und zu schreiben. Das Bureau of Labor Statistics zieht die Konsequenz: Bis 2022 werden Jobs als Zeitungsjournalisten um 13 Prozent zurückgehen. Quelle: mashable
9. DatenerfasserComputersoftwares und -programme machen den Job des Datenerfassers unnötig. Auch Datenbanken lassen sich einfacher via Computer pflegen, das ist schneller und weniger fehleranfällig. Deswegen auch für dieses Berufsbild die traurige Nachricht: Die Technologie überholt hier die menschliche Arbeitskraft. Quelle: mashable
10. TelefonverkäuferFrüher haben Sie rund um die Uhr ihre Kunden angerufen und sorgten bei genervten Anrufern oft für schlaflose Nächte. Nun müssen, ähnlich wie Telefonisten, auch Telefonverkäufer um ihren Job bangen. Roboter übernehmen jetzt ihren Job, effektiver und schneller und vor allem 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Ganz gleich wie oft die Konsumenten das Telefon auflegen, Roboter bleiben hartnäckig und unermüdlich – und haben damit einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihren menschlichen Arbeitskollegen. Quelle: mashable

Was für Nadine ein kurzer Adrenalinschub in der Freizeit ist, weist für Sony-Marketingmanager Darren Carter den Weg in die Zukunft seines Jobs: Mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde lässt die junge Frau einen weißen Sportwagen durch die scharfe Rechtskurve einer virtuellen Rennstrecke rasen. Sie umklammert die Griffe ihrer Spielkonsole noch fester, der Wagen gerät ins Schlingern, fängt sich aber wieder und gewinnt das Rennen. Nadine ballt die rechte Hand zur Siegerfaust – und findet kurz darauf in ihrem E-Mail-Fach eine Nachricht: „Herzlichen Glückwunsch!“ Hinweise auf auf ein „High-Speed-Erlebnis, das jeden Hobbyrennfahrer packen wird“, und die Möglichkeit, „jederzeit mit allen Rennfahrern weltweit vernetzt“ zu sein, münden in die Aufforderung, sich doch auch mal mit einem neuen Rennspiel aus dem Hause Sony zu befassen: „Jetzt vorbestellen und einer der Ersten sein, die eine neuartige Art des Autorennens erleben.“

Serie "Wirtschaftswelten 2025"

Absender dieser Mail ist, zumindest indirekt, Darren Carter. Der Vice President für Relationship Marketing von Sony Computer Entertainment Europe, lässt die Daten aus den Spielkonsolen so auswerten, dass die Nutzer Angebote seines Konzerns zugesandt bekommen, die zur augenblicklichen Spielsituation passen. Für Carter ist klar: „Wir sitzen auf einem wahren Datenschatz.“ Und den will der Marketingmanager heben.

Vorbei die Zeiten, als Marketingleute aus dem Bauch entschieden, wie sie dem Kunden am besten beikommen – heute wissen sie alles über ihn. Und langsam wissen sie auch dieses Wissen zu nutzen. „Als uns klar wurde, auf wie viele Datenquellen wir zugreifen können, wussten wir anfangs fast gar nicht, was wir damit anfangen sollten“, sagt Carter. Heute hat seine Truppe Big Data gut im Griff: ob Kunden vor der eigenen Konsole oder der eines Freundes sitzen; wie erfolgreich sie sich auf der Jagd nach Punkten, Toren oder digitalen Prämien schlagen – und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. So schafft es Sony, dass die Konsolen-Kunden jedes zweite der durch diese Kenntnisse verbreiteten Angebote annehmen.

Wenige Mausclicks ersetzen nun Millionenausgaben für langwierige Marktforschung oder Werbekampagnen.

Entscheidungen in Echtzeit

Das heißt auch: Carters Managementjob bei Sony ist ein deutlich anderer als noch vor wenigen Jahren. Superalgorithmen greifen nun in seine Arbeit ein; Datenmassen ermöglichen ihm einen direkten Blick auf seine Kunden; die allumfassende Vernetzung erfordert Entscheidungen in Echtzeit zu plötzlichen Änderungen des Geschäftsumfelds.

Das alles wird nicht nur Aufgaben und Organisation des Marketings auf den Kopf stellen, sondern alle Bereiche der Wissensarbeit erfassen. Knapp 380 Milliarden US-Dollar, so eine Prognose von McKinsey, werden im Jahr 2025 allein durch die Digitalisierung der Wissensarbeit und Big-Data-Services erwirtschaftet. Allein US-Einzelhändler könnten laut den Berechnungen des Beratungsunternehmens durch den cleveren Einsatz von Analysesoftware ihre Gewinnmargen um mehr als 60 Prozent steigern; der US-Gesundheitssektor könnte seine Kosten um acht Prozent senken.

In Deutschland stellte in der abgelaufenen Woche eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages fest: Alle Fach- und Führungskräfte müssten „über digitale Kompetenzen verfügen, um in ihrer Domäne künftig handlungsfähig zu sein“.

Intelligente Algorithmen ersetzen mittelfristig aufwendige, händische Marktforschung ebenso wie klassische Unternehmensberater und Werbeagenturen. Konzerne versetzen sie gleichzeitig in die Lage, Produkte zu entwickeln, die den Wünschen der Konsumenten 100-prozentig entsprechen – hergestellt in variabler Stückzahl, in flexibel organisierten Produktionsstätten, die über den ganzen Globus verteilt sind und sich dezentral steuern lassen.

So werden sie Arbeitsabläufe und Aufgabenverteilung in Unternehmen genauso verändern wie Stellenprofile und Zuständigkeiten – und damit letztlich Management und Organisation eines Unternehmens. Vom Marketing bis zur Produktion, vom Finanzbereich bis zum Personal, vom Sachbearbeiter bis zur Vorstandsetage.

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