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Siemens Der glattrasierte Kaeser

Rhetoriktrainer Stefan Wachtel über Joe Kaesers Einstand als Siemens-Chef und die Gleichförmigkeit in den Vorstandsetagen deutscher Unternehmen.

Der designierte Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Joe Kaeser Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Wachtel, kann man mit Bart nicht mehr CEO eines großen Unternehmens werden?

Wachtel: Warum?

Als der Siemens-Aufsichtsrat Joe Kaeser zum neuen Vorstandsvorsitzenden von Siemens ernannt hatte, war in der Öffentlichkeit die Überraschung groß. Nicht wegen der Personalie selbst: Diskutiert wurde vor allem über Kaesers Optik, unter anderem über das Fehlen seines einst mächtigen Schnauzbarts – und das, obwohl er den schon vor fast einem Jahr abrasiert hatte.

Ein Bart muss nicht hinderlich sein – eine Karriere befördern wird er in diesen Kreisen aber wohl eher nicht. Zumindest, wenn der Zugang zu Menschen eines der Unternehmensziele ist.  

Mit Schnurrbart: Joe Kaeser als Siemens-Finanzvorstand im März 2010. Quelle: dpa

Wirken Bartträger unsympathisch?
Ob auf Fotos oder im direkten Gespräch: Mit Bart hinterlässt man beim Gegenüber unwillkürlich einen finstereren Eindruck. Glattrasierte Männer wirken auf Betrachter und Gesprächspartner einfach offener. Und wenn Offenheit zum Markenkern eines Unternehmens zählt, sollte der oberste Darsteller dieser Unternehmensmarke dem nachkommen.  

Gilt das auch für schlankere Personen im Vergleich zu fülligen Menschen? Kaeser wirkt bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Siemens-Chef auch deutlich asketischer als zu seiner Zeit als Finanzvorstand.

Zumindest traut man durchtrainierten, asketischer wirkenden Menschen mehr Ausdauer und Durchsetzungsvermögen zu – kein unwichtiger Aspekt bei der Besetzung eines solch aufreibenden Postens.

Vom gemütlichen Käser Sepp, einem Bartträger und Mitglied der örtlichen Feuerwehr aus der niederbayerischen Provinz zum parkettsicheren, glatt rasierten, global versierten Joe, der den Umlaut aus seinem Nachnamen getilgt hat: Wie glaubwürdig ist die Verwandlung des neuen Siemens-Chefs?

Auf mich wirken die Veränderungen, die Kaeser offenbar bewusst vorgenommen hat, nicht aufgesetzt, sondern durchaus authentisch und nachvollziehbar. Kaeser ist offenbar jemand, der an sich arbeitet, sich verbessern möchte. Hier versucht einer, seiner neuen Rolle entsprechend aufzutreten. Da weiß einer, was er tut, wie weit er gehen kann. Schon im Alten Testament steht zurecht: "Wenn’s köstlich  gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen." Soll heißen: Naturtalente gibt es nicht.

Glattrasiert, durchtrainiert, maßkonfektioniert: Die Spitzen der deutschen Top-Unternehmen scheinen fast geklont. Hat das Barocke ausgedient auf Deutschlands Chefetagen?

Ich beobachte zumindest, dass allzu Extremes der Unternehmensmarke schadet und sehr auf Disziplin sowie zuverlässige körperliche und geistige Fitness geachtet wird. Kein Alkohol, ausreichend Schlaf, die Haare kurz, die Kleidung passend. Die wollen keinen Ärger machen, fühlen sich eher der Unternehmensmarke als der eigenen Persönlichkeit verpflichtet. Individueller Geschmack hat im Zweifel hintan zu stehen. Da fliegt die Krawatte eben aus dem Kleiderschrank, selbst wenn es das geliebte Geburtstagsgeschenk der Tochter ist.

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