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Sigrid Nikutta „Das werde ich euch zeigen!“

Dr. Sigrid Nikutta ist seit dem 1. Januar 2020 Vorstand Güterverkehr der Deutschen Bahn AG. Quelle: Deutsche Bahn AG, Max Lautenschläger

Sigrid Nikutta hat es Ende 2019 in den Vorstand der Deutschen Bahn geschafft. Sie erklärt, warum sich viele Frauen mit dem Aufstieg schwertun – und welches Erlebnis in der vierten Klasse sie geprägt hat.

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WirtschaftsWoche: Frau Nikutta, wie erklären Sie sich, dass Frauen in den meisten Ländern eher Karriere machen als in Deutschland?
Sigrid Nikutta: Meine Überzeugung: Das liegt an der gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit. In Deutschland steckt das Familienbild – „Eine gute Mutter kümmert sich um die Kinder und das ist mit Karriere nicht zu vereinbaren“ – noch immer in vielen Köpfen. Und das häufig unbewusst und verteilt über alle Altersstufen und Geschlechter. Dabei ist es dann gar nicht wichtig, ob eine Frau Kinder hat oder nicht – allein die Möglichkeit reicht, um diesen Mechanismus am Leben zu halten.

Sie selbst haben es auch mit fünf Kindern an die Spitze geschafft. Wie?
Jeder von uns ist durch seine Familie tief geprägt. Kinder lernen am Modell, also durch das Verhalten und die Einstellungen ihrer Eltern. Wenn Kinder erleben, dass ihre Eltern auch unter schwierigen Bedingungen erfolgreich sind, verinnerlichen sie das. Genauso wird auch Leistungsorientierung, Belastbarkeit, Einsatzbereitschaft und Flexibilität vorgelebt. Meine Eltern haben mir die tiefe Überzeugung mitgegeben, dass ich es schaffen kann.

Wann wurde Ihnen das bewusst?
Mein prägendstes Erlebnis dazu liegt schon lange zurück, das war in der vierten Klasse. Meine Eltern kamen vom Elternsprechtag mit der Botschaft zurück: „Die Lehrerin sagt, du kannst aufs Gymnasium gehen. Oder, damit du es leichter hast, auf die Realschule. Wir haben uns für die Realschule entschieden, weil wir dir in der Schule nicht helfen können.“ Da hatten meine Eltern allerdings die Rechnung ohne mich gemacht: Ich hatte beschlossen, auf das Gymnasium zu gehen und setzte mich auch durch. Mir war aber klar, dass ich alles allein hinbekommen musste. Das habe ich dann auch geschafft.

Welchen Einfluss hatte diese Haltung später in Ihrem Beruf?
Ich hatte Mitte der Neunziger einen echt guten Job mit besten Karriereaussichten in Bielefeld, fühlte mich dort sehr wohl. Aber ich dachte: Jetzt müsste noch etwas ganz anderes kommen. Und so bin ich zur Deutschen Bahn nach Dresden gegangen. Dort kannte ich keinen Menschen, hatte keine Wohnung und ich wusste wirklich gar nichts von der Eisenbahn. Nahezu alle in meinem Umfeld rieten mir damals ab. Und immer wenn die meisten sagen, das geht nicht, dann bin ich mir sicher: Doch, das geht. Das werde ich euch zeigen! Und mein bisheriger Lebensweg gibt mir Recht.

Heute sind Sie Vorstand bei der Deutschen Bahn. Andere Frauen aber tun sich nach wie vor schwer mit dem Aufstieg. Beobachten Sie auch Fehler bei den deutschen Frauen?
Die These, dass sich Frauen selbst im Wege stehen, unterstütze ich ganz und gar nicht. Es gibt Eigenschaften, die nicht karriereförderlich sind – und die gibt es bei Männern wie Frauen. Ich glaube auch, dass Medien zur Mythenbildung „Frauen stehen sich im Wege, deshalb ändern wir die Situation gar nicht“ beitragen. Frauen werden in den Medien sehr viel kritischer gesehen und auch häufig unpassend beschrieben: Laut, hysterisch, quirlig – ich kenne viele Männer, auf die das zutrifft, habe solche Beschreibungen aber bislang eher für Frauen gelesen. Einmal gab es auch einen Kommentar über mich: „Sie wird diesen Job nicht machen können, sie hat ein kleines Baby.“ Unglaublich!



Trotzdem: Was können sich gerade deutsche Frauen aus dem Ausland abschauen, um Karriere zu machen?
Ich glaube, Frauen sollten einfordern, dass Karriere und Familie gleichzeitig machbar sind. Es gibt keinen Grund, weshalb es in Deutschland nicht so gut möglich ist wie zum Beispiel in Frankreich.

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