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Social Recruiting Talentsuche bei Instagram

Unternehmen müssen heute ganz anders auf Bewerber zugehen. Was sie dazu brauchen? Mut zur Veränderung und ein Gespür für die Tonalität der neuen Kanäle. Ein Gastbeitrag von Claudia Leischner.

Klassische Stellenanzeigen? Schalten wir bei gyro kaum noch. 85 Prozent meiner neuen Mitarbeiter – also 17 von 20 Neueinstellungen – kamen in den vergangenen zwei Jahren über Instagram zu uns. Sie schickten außerdem Bewerbungsvideos via YouTube, Lebensläufe via WhatsApp oder gingen einfach via LinkedIn oder Xing mit mir persönlich in den Dialog.

Zugegeben, als Unternehmen, das sehr viele Digital-Kreative beschäftigt, sind wir prädestinierte Vorreiter für kreative, ungewöhnliche Bewerbungsprozesse. Doch ich persönlich glaube: Wir als Digitalbranche sind eher die Blaupause für andere Wirtschaftsbereiche, die Schritt für Schritt nachziehen.

Dabei umfasst Social Recruiting nicht nur den Einsatz digitaler sozialer Netzwerke, sondern auch und vor allem persönliche Begegnungen. Allerdings nicht mehr mit dem klassischen Bewerbungsgespräch als Auftakt, sondern eher in Form eines Dialogs – in dem sich beide Seiten im Rahmen anderer Formate „beschnuppern“ und ihre Vorstellungen austauschen.

Claudia Leischner ist Geschäftsführerin der Marketingagentur gyro Germany. Quelle: PR

Die neue Generation von Mitarbeitern bringt neue Vorstellungen über ihre Arbeitswelt mit. Und der Fachkräftemangel führt in vielen Branchen dazu, dass es Unternehmen mit einem Bewerbermarkt zu tun haben. Firmen, die mit Social Recruiting fremdeln, werden es deshalb in Zukunft schwer haben.

Was macht mich so sicher, dass dieses Szenario eintritt? Über 50 Prozent der heute 14- bis 49-Jährigen sind mindestens einmal die Woche auf Facebook, Instagram, Twitter oder Xing. Rund ein Drittel sogar täglich, so eine aktuelle Studie. Tendenz: gerade in jüngeren Zielgruppen weiter steigend. Viele Menschen vermischen mittlerweile Persönliches und Privates in ihren Social Accounts. Auch deshalb, weil die Netzwerke selbst nicht mehr so eindeutig zugeordnet werden können. LinkedIn beispielsweise wird immer mehr auch zum Social Network, während Facebook in die Domäne der Business-Netzwerke einzudringen versucht.

Wie bewirbt sich aktuell jemand für eine Stelle, die ihn anspricht? Über eine klassische Stellenanzeige auf der Karriereseite der Firma oder über Jobportale, wo er anschließend eine Bewerbungsmappe zum Unternehmen schickt und im Optimalfall zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird? Vielleicht noch in Großkonzernen und traditionell geführten Branchen.

Meine Erfahrungen zeigen ein sich veränderndes Verhaltensmuster: Bewerber legen weniger Wert auf Unternehmenswebseiten und Hochglanzbroschüren. Wenn sich Mitarbeiter für einen Wechsel interessieren, dann läuft der Vorab-Check – das bestätigen mir auch viele Personalverantwortliche aus anderen Branchen – in der Regel so: Zunächst werden Gesamtnote und Einzelbewertungen des Unternehmens bei Portalen wie Kununu oder Glassdoor gelesen. Dann wird der Instagram-Account der Firma durchgescrollt, um ein Gefühl für die Firmenkultur und das Arbeitsklima zu erhalten. Auch Blog(s) und YouTube-Kanäle geben hier wichtige Hinweise. Außerdem lässt sich in Recruiting-Videos ein Gefühl dafür bekommen, wie „authentisch“ sich die Firma inszeniert. Und nicht zuletzt kann man Social-Media-Profile der Führungskräfte durchschauen, um zu sehen, wie der Ton in den sozialen Netzwerken ausfällt.

Erst wenn die abschließende Beurteilung in Summe eher positiv ausfällt, kommt es zu einer Kontaktaufnahme, die dann in einer offiziellen Bewerbung mündet. Werden die Inhalte auf den Kanälen als nicht zeitgemäß, überinszeniert oder langweilig empfunden, bewirbt sich der Suchende erst gar nicht bei dem Unternehmen. Wisch und weg sozusagen. Willkommen im Zeitalter des Social Recruitings.

Die neuen Kontaktpunkte eröffnen kreativen Unternehmen aber auch ganz neue Chancen. Was sie dazu brauchen? Mut zur Veränderung, ein Gespür für die Mechanismen und die Tonalität der neuen Kanäle. Und die Bereitschaft, deutlich schneller zu interagieren.

Ich bekomme beispielsweise relativ häufig Direktnachrichten via Instagram, in denen mir Bewerbungen im JPEG-Format zugeschickt werden. Dadurch wird der klassische Bewerbungsprozess komplett aufgebrochen. Der oder die Bewerbende setzt voraus, dass ich diese Art der Vorstellung akzeptiere. Gleichzeitig zeigt er oder sie, dass unser Firmenprofil auf Instagram sein Interesse geweckt hat. Doch wie erreiche ich diesen Status als Unternehmen, auch über so einen nicht herkömmlichen Weg adressierbar zu sein? Ganz einfach und doch so schwer für viele: kontinuierlich und vertrauensvoll mit der Community kommunizieren.

Genauso kann es vorkommen, dass jemand den Prozess umdreht und selbst ein öffentliches Bewerbungsvideo auf LinkedIn oder Xing veröffentlicht. Weil man sich über die Kommentarfunktion bereits kennengelernt hat und gegenseitiges Interesse geweckt wurde, kann auch dieser Weg in eine gemeinsame Zukunft führen. Gerade Bewerber*innen, die eine attraktive Vita aufweisen, präsentieren sich beispielsweise auf einer eigens kreierten Webseite potentiellen Arbeitgebern.

Wer glaubt, nur Unternehmen stellen hohe Erwartungen an potenzielle Mitarbeiter, liegt gänzlich falsch. Auch Jobsuchende – gerade der Generationen Y und Z – haben konkrete Anforderungen an Unternehmen: Ihre Talente sollen gefördert werden. Eine Möglichkeit, die Karriereleiter hochzuklettern, muss gegeben sein – natürlich im Rahmen eines ausgefeilten New-Work-Konzeptes. Unternehmen, die immer noch glauben, sie seien in der dominanten Position, gibt es viele. Firmen, die wirklich eine freie Auswahl an Bewerber*innen haben, sind in der Realität heute in der Minderheit. Wer als Unternehmen zukunftsfähig bleiben will, sollte auf die Werte und Ansprüche der Bewerber*innen eingehen - in privater wie professioneller Art.

Das fängt bei der freien Gestaltung des Arbeitsplatzes an, geht über Arbeitsbelastung und persönliche Förderung bis hin zur Nachhaltigkeit und Haltung des Unternehmens. Neue Mitarbeiter erwarten mehr als ein Mission Statement, sie fordern eine glaubhafte Umsetzung.

Auffälligster Trend im Social Recruiting ist derzeit die Inszenierung des Arbeitsalltags auf Instagram, dem derzeit mit am stärksten wachsenden Netzwerk. Potenzielle Bewerber erwarten dort halbwegs authentische Einblicke in den Firmenalltag. Warum sollte ich Teil eures Teams werden? Diese Frage schwebt jedem Bewerber im Kopf, wenn er nach einer neuen Stelle sucht.

Der Anspruch lautet, dem Bewerber durch ansprechende Inhalte aus dem Unternehmensalltag gute Argumente für die Antwort: „Genau deshalb!“ zu liefern. Aber auch Unternehmen mit komplexen Produkten und Dienstleistungen können von dem visuellen Medium profitieren. So bietet Instagram die ideale Plattform, um mithilfe von Storytelling das Leistungsspektrum geschickt in einen neuen Kontext zu bringen. Besonders regelmäßige Stories, die Außenstehenden Einsichten gewähren und Atmosphäre transportieren, sind bei der heutigen Bewerber-Generation beliebt.

Eine Brainstorming-Session auf dem Balkon bei Sonnenschein? Kein Thema. Ein Agenturhund zum Knuddeln? Wieso nur einer? Superfood im Konfi? Was ist das für eine Frage? Du bekommst sogar noch einen Zuschuss zum Fitnessstudio deiner Wahl! Benefits zu kommunizieren, ist eine Möglichkeit. Sich als Unternehmen kreativ zu inszenieren eine weitere. Der Fachkräftemangel führt dazu, dass Unternehmen neue Wege gehen müssen – und Social Recruiting ist einer davon.

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