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Sprengers Spitzen

Nur leider lieb ich dich, Amerika

US-Autoren haben das Denken und Handeln von Führungskräften beeinflusst – nicht immer mit positiven Folgen.

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Diese Chefs machen ihre Mitarbeiter glücklich
Rupert Stadler Quelle: dpa
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Stefan Sommer Quelle: dpa

Management wurde in den USA erfunden – glauben die Amerikaner. Deshalb sind für sie nichtamerikanische Ideen „food for thought“, aber ohne Praxisrelevanz. Dieses Selbstbewusstsein ist nicht ganz unberechtigt. Die großen Erzählungen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte – Microsoft, Apple, Facebook – kommen aus Amerika, die Deutschen bauen Elektromotoren in Autos.

Und was haben die Amerikaner der Managementwelt nicht alles verkauft: Seit den Schriften des Philosophen und Ökonomen Peter Drucker rennen wir Zielen hinterher; den Autoren Tom Peters und Robert Waterman gelang 1982 mit „In Search of Excellence“ das meistverkaufte Managementbuch aller Zeiten – obwohl sie später eingestehen mussten, dass sie ihre Daten schlicht erfunden hatten. Trotzdem brockten sie uns die „Unternehmenskultur“ und das „gelebte Wertesystem“ ein. Kenneth Blanchards „Ein-Minuten-Manager“ übertrug das mechanistische Gewusst-wie ebenfalls in den Achtzigerjahren als Schraubendreherlogik auf die Führung von Menschen. Und Spencer Johnson machte uns im Jahr 1998 mit seiner „Mäusestrategie für Manager“ alle zu käsesuchenden Nagern. Auch der frühere Daimler-Vorstandschef Jürgen Schrempp konnte der Verheißung nicht widerstehen: Er krallte sich gegen jede betriebswirtschaftliche Vernunft an Chrysler, um sein Gehalt in amerikanische Höhen zu schrauben.

Seitdem haben wir auch hierzulande groteske Managereinkommen. Die entsprechenden Bonusexzesse, die Flucht aus der Qualitätsarbeit in die Qualitätsbehauptung, die sich Iso nennt, die politische Korrektheit, die Sprachverseuchung des „Sinn-Machens“ – alles amerikanische Importe. Wer mit amerikanischen Managern arbeitet, muss vor allem eines wissen: Wenn ihnen etwas zu schwierig wird, greifen sie zur Religion. Die Religion, die sie der Managementwelt verkaufen, ist Machbarkeit. Mit Mut und Einsatz ist alles möglich! Pläne sind wichtig, Ziele, Träume. Unterhalb des Großartigen, Exzellenten geht da nichts. Deshalb das klare Bekenntnis zur Elite, zur Nummer eins. Auch Niederlagen verleiten nicht zu Wirklichkeitssinn.

Im Gegenteil: Man kann scheitern, das ist kein Problem; Liegenbleiben wäre ein Problem. So wie sie sich von Bernie Sanders und Donald Trump die Wundertüten des Neuen verkaufen lassen – Hillary Clinton steht für das Alte –, so verkaufen sie ihren Mitarbeitern „bold messages“, kindlich-naiven Optimismus, Visionen, und eine „future“, die auch bei heftigsten Umsatzeinbrüchen immer „bright“ ist. Als Grenzen werden nur die selbstgesetzten akzeptiert; fremdgesetzte sind eine Provokation. Und was in der amerikanischen Politik die Wahlversprechen, das sind in der Wirtschaft die Quartalsergebnisse.

Zur Person

Dieses heroische Managementkonzept wird als solches gar nicht wahrgenommen; es ist so unhinterfragt alternativlos, dass man sich mit kühler systemischer Institutionenökonomie wie beinahe exkommuniziert vorkommt. Es zählt nur der Einzelne, sein Genie und seine Tatkraft. Der aktuelle US-Präsident Barack Obama bietet mit „Hope“ deshalb das mentale Überprogramm: Hoffnung ist nicht das, was zuletzt stirbt – sie stirbt nie.

Nur leider lieb ich dich, Amerika!

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