WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Streitgespräch Fachkräftemangel Gehen Deutschland die Ingenieure aus?

Während der Arbeitsmarktexperte Axel Plünnecke (IW) bald einen dramatische Mangel an Ingenieuren erwartet, glaubt sein Kollege Karl Brenke (DIW), dass wir bald sogar zu viele haben könnten.

Karl Brenke (rechts) und Axel Plünnecke im Streitgespräch über den Fachkräftemangel. Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Meine Herren, in den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften um etwa 50 Prozent gestiegen. Bei dieser Entwicklung kann man der Diskussion um den Fachkräftemangel doch gelassen entgegensehen...

Brenke: Gelassen? Mich besorgt sie. Aber nicht mit Blick auf den Fachkräftemangel – den sehe ich bei Ingenieuren ohnehin nicht. Sondern weil wir in einigen Jahren zu viele Ingenieure haben werden und die jungen Leute Probleme bekommen, einen Job zu finden. Die Unternehmen klagen über Ingenieurmangel, die Abiturienten orientieren sich daran und stürmen diese Studienfächer. So einen Schweinezyklus hatten wir schon mal Ende der Achtziger, Anfang der Neunzigerjahre, bei EDV-Kräften.

Plünnecke: Ach was, dieser Schweinezyklus existiert doch gar nicht. Die steigende Studentenzahl wird den Arbeitsmarkt entspannen. Von 2005 bis 2012 waren mehr Ingenieure in Lohn und Brot, weil Ältere länger gearbeitet haben und viele Arbeitnehmer aus dem Ausland zugewandert sind. Diese Sondereffekte wird es nicht mehr geben. Die absehbaren Lücken müssen die Absolventen also ausgleichen.

Zu den Personen

Ob das gelingt? Ingenieurstudenten brechen ihr Studium schließlich überdurchschnittlich oft ab.

Brenke: Es ist immer eine Fehlinvestition, wenn junge Menschen eine Ausbildung nicht abschließen.

Sollten Abiturienten lieber gleich etwas anderes studieren?

Brenke: Ingenieure kommen immer noch besser am Arbeitsmarkt unter als Wirtschafts-, Geistes- oder Sozialwissenschaftler.

Plünnecke: In diesen Fächern werden wir wirklich Probleme bekommen, alle Absolventen adäquat am Arbeitsmarkt unterzukriegen.

Durch die doppelten Abiturjahrgänge wird es in den nächsten Jahren ohnehin mehr Hochschulabsolventen geben.

Plünnecke: Ja, und für den Ingenieurmarkt ist das auch gut. Denn so wird es bis etwa 2020 bei regionalen Fachkräfteengpässen bleiben – ein allgemeiner Mangel wird ausbleiben.

Hier finden Sie leicht einen Job
10. MechanikerNach kurzfristiger Entspannung ist in Deutschland der Anteil der Unternehmen, die offene Stellen nicht besetzen können, wieder kräftig von 35 auf 40 Prozent gestiegen. Auch weltweit ist der Wert mit 36 Prozent auf dem höchsten Niveau seit 2007, jedoch ist der Anstieg hier nur moderat. Die Folgen des Fachkräftemangels spüren viele Firmen laut des Personaldienstleisters ManpowerGroup-Studie bereits: 50 Prozent geben an, dass die Rekrutierungsprobleme ihre Wettbewerbsfähigkeit gefährden. 45 Prozent sagen sogar, dass der Fachkräftemangel sich schon negativ auf die Kundenzufriedenheit auswirkt. Jetzt hat Dekra seinen Arbeitsmarkt-Report veröffentlicht, für den die Stellenanzeigen aus Printpublikationen, Online-Jobportalen und einem sozialen Netzwerk analysiert wurden. Die 15.111 offenen Stellen verteilen sich auf insgesamt 214 Berufe und Tätigkeiten. Das sind die am meisten gefragten Berufe. Im Dekra-Report tauchen in diesem Jahr erstmals Mechaniker unter den Top-Ten-Berufen auf. Ihr Anteil an den Stellenanzeigen entspricht 2,12 Prozent. Das ergibt im Dekra-Ranking Platz zehn. Quelle: ZB
9. Medizinisches Fachpersonal"Dem Mangel an qualifizierten Managern sollten die Unternehmen frühzeitig mit individuellen Entwicklungsplänen begegnen, ein Bestandteil können Führungskräfte-Coachings sein", so ManpowerGroup-Deutschland-Chef Herwarth Brune. Das sollten sich offenbar auch Kliniken und Labors zu Herzen nehmen. Ärzte und medizinische Fachangestellte liegen nämlich auf Platz acht der meistgesuchten Fachkräfte. Bei Dekra schaffen es die Gesundheits-und Krankenpfleger auf Platz neun. Ihr Anteil an Stellenanzeigen liegt bei 2,19 Prozent. Quelle: dpa
8. Ingenieure"Deutsche Unternehmen müssen jetzt Initiative ergreifen, damit sie den Wettbewerb um Fachkräfte nicht verlieren", sagt so Herwarth Brune. Das gilt ganz besonders für die Betriebe, die nach Ingenieuren suchen. Und diese scheinen Mangelware zu sein. Jedenfalls belegen sie mit 2,48 Prozent Platz acht der am stärksten nachgefragten Fachkräfte im Dekra-Report. Wer auf Elektrotechnik spezialisiert ist, dem stehen alle Türen offen. Innerhalb der Ingenieurberufe entfällt fast jedes dritte Stellenangebot auf sie (30,9 Prozent). Die Fachrichtung Maschinen- und Fahrzeugbau befindet sich auf Platz 13 und damit erstmals seit 2010 nicht unter den Top-Ten-Berufen. Vermutlich machen sich nun die gestiegenen Absolventenzahlen in diesem Fach bemerkbar. Bei Architekten und Bauingenieuren sorgt die anhaltend gute Lage am Immobilien- und Baumarkt für eine positive Stellensituation: Fast jede fünfte Ingenieurstelle ist für die Planungsspezialisten ausgeschrieben (19 Prozent). Quelle: dpa
7. IT-KräfteNahezu jedes zehnte Stellenangebot richtet sich an Bewerber mit IT-Hintergrund (9,2 Prozent). Die positive Entwicklung der Bereiche Software und IT-Services macht sich auch am Stellenmarkt bemerkbar: Software-Entwickler liegen an siebter Stelle der Top-Ten-Berufe. Mit der zunehmenden Digitalisierung steigt auch der Beratungsbedarf, weshalb der Stellenanteil von IT-Beratern kräftig zugenommen hat. Auf Anwenderseite fehlen vor allem IT-Fachleute wie Systemadministratoren. "Häufig scheitert die Mitarbeitersuche an fehlenden Fachkenntnissen der Bewerber. Doch Weiterbildungsprogramme für Quereinsteiger zahlen sich aus, wenn Kandidaten gut zum Unternehmen passen und eine hohe Motivation mitbringen", sagt Herwarth Brune, Vorsitzender der Geschäftsführung der ManpowerGroup Deutschland. Quelle: dpa
6. VertriebsmitarbeiterDie ManpowerGroup Studie "Fachkräftemangel" wird seit 2006 weltweit durchgeführt (international unter dem Titel "Talent Shortage Survey"). Mit 37.000 Teilnehmern aus 42 Ländern in 2014 zeigt die Studie, welche Stellen weltweit schwer zu besetzen sind. Für Deutschland wurden 1.000 Unternehmen befragt, die einen Querschnitt der gesamtdeutschen Wirtschaft darstellen. Und die deutschen Betriebe fragten Vertriebsmitarbeiter (Platz sieben) sehr viel stärker nach als noch im Jahr 2013. Im Dekra-Report belegen die Vertriebler sogar Platz sechs. Quelle: Fotolia
5. Callcenter-Agents und TelefonverkäuferLeicht gestiegen ist auch die Nachfrage nach qualifiziertem Personal für Callcenter-Agents und Telefonverkäufer. In diesem Jahr belegen sie Platz fünf. Quelle: dpa/dpaweb
4. ElektrikerUnverändert ist dagegen die Nachfrage nach Elektrikern, Elektroinstallateuren und Elektrotechnikern. Sie belegen im Dekra-Report Platz vier. Quelle: dpa

Und nach 2020?

Plünnecke: Durch den demografischen Wandel werden die Probleme eher größer als kleiner.

Brenke: Was ich sogar unterschreiben würde: Dass wir regional durchaus Probleme haben bei den Ingenieuren.

Plünnecke: Aha.

Brenke: Das liegt aber nicht an zu wenigen Ingenieuren auf dem Arbeitsmarkt. Sondern daran, dass vor allem in Ostdeutschland manche Unternehmen keine marktgerechten Löhne zahlen. Die setzen darauf, möglichst billig zu produzieren, um ihre Preise konkurrenzfähig halten zu können. Jetzt stellt sich heraus, dass die jungen Leute eher nach Baden-Württemberg oder Bayern gehen, weil dort besser gezahlt wird. Wir haben also nicht per se zu wenig Ingenieure, sondern zu wenig billige Ingenieure.

Plünnecke: Das ist empirisch leider komplett falsch. Die großen Engpässe haben wir in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, aber nicht in Ostdeutschland. Es ist kein Lohnproblem, wenn die Unternehmen keine Ingenieure bekommen, sondern es gibt in der Summe aktuell mehr offene Stellen als...

Brenke: Jetzt hören Sie doch mit den offenen Stellen auf. Ein Unternehmen sucht seine Ingenieure nicht per Stellenanzeige bei der Bundesagentur für Arbeit. Die Nachfrage nach Ingenieuren können Sie nicht anhand offener Stellen nachweisen. Genauso wenig wie Sie das Angebot an Ingenieuren anhand der Arbeitslosen messen können. Das ist doch ein grundsätzliches Unverständnis über die Bewegungen am Arbeitsmarkt.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%