Studie Nachhaltigkeit dient der PR

Exklusiv

Unternehmen zeigen sich gerne als sozial und ökologisch verantwortungsbewusst. Doch tun sie das offenbar eher aus öffentlichkeitswirksamem Kalkül als aus Einsicht in die Notwendigkeit.

Aldi führt Vegetarier-Siegel ein
Der Discounter Aldi Süd führt das vom Deutschen Vegetarierbund vergebene V-Label zur Kennzeichnung fleischloser Produkte ein. In einem ersten Schritt würden Produkte vom vegetarischen Würstchen über fleischlosen Aufschnitt bis zum gelatinefreien Fruchtgummi mit dem Label angeboten. Weitere Produkte würden in den kommenden Monaten folgen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Das V-Label solle Vegetariern und Veganern den Einkauf erleichtern, hieß es. Die Produkte würden dabei entsprechend ihrer Zutaten in vier Gruppen eingeteilt: vegetarisch, ohne Milch, ohne Ei und vegan, also ohne jegliche tierische Zutaten. Aldi ist nicht der einzige Discounter, der die Vegetarier als Kundengruppe entdeckt. Konkurrent Penny testet seit Mitte April mit der Marke „Vegafit“ erstmals Produkte für Vegetarier. Und auch andere Branchen sind auf den Label-Zug aufgesprungen... Quelle: obs
Im April 2014 hatte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) angekündigt, in den kommenden Wochen einen Runden Tisch der deutschen Textilwirtschaft einzuberufen: "Wir bereiten gerade ein Textilsiegel vor, das für nachhaltig produzierte Kleidung stehen und noch in diesem Jahr eingeführt werden soll", sagte er der „Welt am Sonntag“. Deutschland wolle damit in Europa Vorreiter sein. Seine Kollegen in Frankreich und den Niederlanden hätten schon signalisiert, dass sie mitmachen wollten. Der Minister verlangt eine Selbstverpflichtung der Branche: „Wir brauchen soziale Standards, was Arbeitsschutz und Mindestlöhne betrifft. Aber auch ökologische Standards, etwa für Gerbereien, die mit aggressiven Chemikalien arbeiten.“ Er erwarte von der Textilbranche, dass sie für die gesamte Produktionskette vom Baumwollfeld bis zum Bügel die vereinbarten Standards garantiere. „Wenn das nicht auf freiwilliger Basis funktioniert, werden wir einen gesetzlichen Rahmen vorgeben“, sagte er. Allerdings halten nicht alle Siegel, was sie versprechen. Wofür die verschiedenen Biosiegel stehen. Quelle: dpa
EU-Bio-Siegel und Deutsches Bio-SiegelMehr als 60.000 Produkte sind mit dem deutschen Biosiegel gekennzeichnet. Damit ist es nicht nur weit verbreitet, sondern auch sehr bekannt. Etwa 90 Prozent der Verbraucher kennen das Siegel, das 2001 eingeführt wurde. Für dieses sowie das EU-Bio-Siegel gelten die gleichen Richtlinien. Die EU-Richtlinien sind "Kann-Vorgaben", an die sich in der Regel allerdings auch gehalten wird. So dürfen nur fünf Prozent der Zutaten in den ausgezeichneten Produkten aus konventionellem Anbau stammen. Gentechnisch veränderte Organismen sind verboten, allerdings dürfen Zusatzstoffe, die entsprechend hergestellt wurden, weiter verwendet werden. Pestizide sind verboten, chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger allerdings erlaubt. Das Tierfutter in Mast- und Milchbetrieben sollte ökologisch erzeugt sein, allerdings dürfen die Betriebe Futtermittelzukaufen - sofern sie es dokumentieren. Die Tiere müssen so oft wie möglich Auslauf im Freien haben. Außerdem werden die Landwirte aufgefordert, kranke Tiere "bevorzugt" mit pflanzlichen oder homöopathischen Arzneimitteln zu behandeln. Eine nachhaltige Erzeugung - wie etwa darauf zu achten möglichst wenig Wasser zu verbrauchen - wird mit dem Siegel nicht kontrolliert. Die Überwachung des Systems funktioniert weitestgehend. Produkte mit dem Bio-Siegel entsprechen einem Bio-Mindeststandard. Quelle: Presse
AlnaturaDie Eigenmarke vertreibt Produkte aus kontrolliert ökologischem Anbau im Einzelhandel sowie eigenen Bio-Supermärkten. Das Label baut ebenfalls auf der EU-Öko-Verordnung auf, geht allerdings zum Teil sogar noch darüber hinaus. So müssen zum Beispiel alle Zutaten aus ökologischem Anbau stammen. Außerdem lässt Alnatura seine Produkte zusätzlich auf Rückstände von Pestiziden und Schwermetallen untersuchen. Zusätzlich hat das Unternehmen eine Milchpreis-Initiative gestartet. Damit garantiert Alnatura seinen Bio-Landwirten einen festen Milchpreis von fast zehn Cent mehr pro Liter als konventionelle Milchbauern bekommen. Quelle: Presse
Bioland1971 gegründet, ist Bioland mit mehr als 5400 Bauern der größte Anbauverband Deutschlands. Das Konzept basiert auf organisch-biologischer Landwirtschaft ohne Kunstdünger und Pestizide. Biosaatgut und die naturheilkundliche Behandlung von kranken Tieren sind vorgeschrieben. Insgesamt sind die Verbandsrichtlinien deutlich strenger als die der EU, da diese nicht auf weichen "Kann-Regelungen" beruhen. So dürfen die Bioland-Betriebe beispielsweise nicht parallel konventionellen Anbau betreiben. Außerdem schreibt der Verband für jede Tierart spezifische Haltungsbedingungen mit einer garantierten Auslaufzeit im Freien vor. Quelle: Presse
DemeterDie Demeter-Landwirte beziehen sich auf das von Rudolf Steiner entwickelte „biologisch-dynamische Prinzip“ und sehen ihren Hof als ganzheitlichen Organismus. Nur streng kontrollierte Vertragspartner dürfen ihre Produkte mit dem Siegel kennzeichnen. Verzichtet wird auf synthetische Dünger, chemischen Pflanzenschutz und künstliche Zusatzstoffe in der Weiterverarbeitung. Demeter-Betriebe müssen komplett auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt sein. Quelle: Presse
NaturlandMit mehr als 55 000 Bauern ist Naturland global ausgerichtet. In Deutschland sind 2200 Bauern Mitglied. Der Verband vergibt sein Siegel auch für Ökoaquakulturen, Textilien, Imkerprodukte und Brauerzeugnisse. Die Kontrollen werden durch externe, staatlich zugelassene Stellen durchgeführt wie das Institut für Marktökologie (Imo) mit Sitz in der Schweiz und Niederlassungen in mehr als 70 Ländern. Quelle: Presse
ÖkotestDas Siegel dürfen alle Produkte tragen, die von der Redaktion der Zeitschrift "Ökotest" getestet wurden. Der Nachteil: Festgelegte Kriterien gibt es nicht, sie unterscheiden sich von Fall zu Fall. In der Regel haben sie aber weniger mit ökologischer Produktion oder fairen Arbeitsbedingungen zu tun. Das Siegel gibt lediglich an, dass ein Produkt keine gesundheitsschädlichen Stoffe enthält. Quelle: Presse
Pro PlanetDas Siegel des Einzelhändlers Rewe wurde 2009 eingeführt. Es soll Produkte auszeichnen, die sich durch ökologische und soziale Nachhaltigkeit auszeichnen. Allerdings werden für das Siegel keine allgemeingültigen Kriterien für den Anbau, die Arbeitsbedingungen oder die Nährwerte angelegt. Stattdessen lässt Rewe von einem "unabhängigen wissenschaftlichen Institut" die Problemstellen in Sachen Nachhaltigkeit kontrollieren, bei denen das EU-Siegel versagt. Dafür betriebt das Unternehmen einen riesigen Aufwand, der sicher lobenswert ist. Die Arbeit wird auch sehr genau dokumentiert und ist gut nachvollziehbar. Allerdings hat das Unternehmen großen Einfluss auf die Auswahl der Produkte, die überprüft werden sollen so wie die Projektpartner. Quelle: Presse
MSCDer Marine Stewardship Council (MSC) ist eine internationale gemeinnützige Organisation, die sich für einen nachhaltigen Fischfang einsetzt. Beteiligt sind Umweltverbände, Wissenschaftler, die Fischereiwirtschaft, die Industrie und der Handel. Die Umweltorganisation Greenpeace hat das Siegel kritisiert, weil es auch schon Fische aus überfischten Gebieten ausgezeichnet hat. Positiv fällt auf, dass die Organisation wert darauf legt, dass Fanggeräte verwendet werden, die Beifang vermeiden. Welche Fische auf den Teller dürfen und welche nicht, sehen Sie hier. Quelle: Presse
SAFEDas Siegel SAFE zeigt an, ob der Thunfisch "delphinfreundlich" - also ohne Treibnetze - gefangen wurde. Vergeben wird es vom Earth Island Institute (EII). In Deutschland wird das Siegel von der Gesellschaft zur Rettung der Delphine kontrolliert. Quelle: Presse
FairtradeDas Fairtrade-Siegel kennzeichnet ausschließlich Lebensmittel, die fair gehandelt wurden. Dabei konzentriert sich die Kontrolle vor allem auf faire Lebens- und Arbeitsbedingungen und den Schutz kleiner Produzenten. Um das Siegel zu erhalten, müssen die Einkäufer direkt mit dem Produzenten handeln und vor allem Mindestpreise zahlen, die über dem Weltmarktniveau liegen. Im Gegenzug verpflichten sich die Produzenten, faire Löhne zu zahlen. Auch Kinder- und Sklavenarbeit ist verboten. Kritiker bemängeln, Fairtrade würde ausschließlich kleine und ineffiziente Familienbetriebe unterstützen. Außerdem kämen nur fünf Prozent der gezahlten Summen bei den Bauern an. Quelle: Presse
GäaDie wichtigste Kriterien bei dem Gäa-Siegel: Anbaurichtlinien nach dem Vorbild der bestehenden anerkannten Anbauverbände, die sowohl biologisch-dynamische als auch organisch-biologische Aspekte der ökologischen Landbewirtschaftung berücksichtigten. Der Gäa-Standard ist vergleichbar mit dem der anderen ökologisch-biologisch orientierten Anbauverbände in Deutschland. Der Gäa-Bundesverband wurde 1988 ursprünglich als Arbeitsgemeinschaft für ökologischen Landbau in der ehemaligen DDR gegründet. Das Gäa-Bio-Siegel kennzeichnet meist ökologische landwirtschaftliche Produkte aus Ostdeutschland. Quelle: Presse
Ecovin Der Bundesverband Ökologischer Weinbau – wurde 1985 gegründet. Heute ist er der größte Zusammenschluss ökologisch arbeitender Weingüter weltweit. Wichtigste Kriterien: Bevorzugung widerstandsfähiger Rebsorten, Begrünung von Weinbergen zwischen den Reben. Verzicht auf Herbizide, chemisch-synthetische Dünger, Insektizide und Fungizide. Besonderheiten: Neben der reinen Produktqualität geht es auch um Reduzierung der Gewässer- und Bodenbelastung. Quelle: Presse
BioparkBiopark wurde 1991 gegründet und hat fast 700 Mitglieder. Wichtigste Kriterien: Verzicht auf chemische Betriebshilfsstoffe wie Insektizide, Herbizide, Fungizide, auf gentechnisch veränderte Organismen und Derivate. Gefördert wird die tierartgerechte Haltung, Bodenfruchtbarkeit durch Fruchtfolge und der Einsatz von betriebseigenem Dünger. Besonderheiten: Auf Initiative Bioparks wurde die erste gentechnikfreie Region im mecklenburgischen Walkendorf gegründet. Quelle: Presse

Das Bundeministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) widmet dem Thema eine eigene Internetseite „CSR – Made in Germany“. Corporate Social Responsibility, die Verantwortung der Unternehmen für Umwelt und Gesellschaft, ist in aller Munde. „Insbesondere für viele Mittelständler ist die soziale Verantwortung seit Generationen Teil ihres Selbstverständnisses“, sagte kürzlich der Medienwissenschaftler und Philosoph Norbert Bolz.

Großunternehmen setzen aber nicht so sehr aus Vernunft und purer Nächstenliebe auf ökologische Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung. Eine Umfrage in über 450 Konzernen aus insgesamt elf Ländern, die vom Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg durchgeführt wurde, zeigt, dass vielmehr der öffentliche Druck durch Nicht-Regierungsorganisationen, Umweltverbände und die Medien die ausschlaggebenden Treiber für CSR-Maßnahmen sind.

Es überrascht denn auch nicht, dass insbesondere die Kommunikationsabteilungen der Unternehmen in die CSR-Umsetzung involviert sind, „denn die Unternehmen ergreifen in erster Linie Maßnahmen, die ihrer Reputation dienen“, so heißt es in einer Mitteilung zu den Ergebnissen des International Corporate Sustainability Barometer. Marktorientierte Maßnahmen, wie etwa die Entwicklung nachhaltigkeitsorientierter Innovationen, spielten hingegen nur eine untergeordnete Rolle.

WiWo Green 2/2013

Deutsche Unternehmen nur im Mittelfeld

Gilt das auch für die deutsche Wirtschaft? „Die Leitidee CSR - Made in Germany unterstreicht das hohe Niveau der Sozial- und Umweltstandards international tätiger deutscher Unternehmen“, heißt es auf der vom BMAS initiierten Internetseite. Doch die Studie bestätigt das nicht uneingeschränkt: „Der internationale Vergleich zeigt, dass deutsche Unternehmen sich bei der Umsetzung konkreter Nachhaltigkeitsmaßnahmen weder zu einzelnen ökologischen und sozialen Themen noch bei der Integration in die Organisation als Vorreiter positionieren können", sagt Stefan Schaltegger, Leiter des CSM..“

Zwar belegten deutsche Unternehmen bei keinem der untersuchten Nachhaltigkeitsthemen einen der hinteren Ränge. Sie bewegten sich aber zumeist nur Mittelfeld. Vor allem japanische und britische Unternehmen sind ihren deutschen Konkurrenten voraus. Sie beziehen mehr Abteilungen in ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten ein und verankern die Themen so besser in der Organisation und im Bewusstsein ihrer Mitarbeiter. Dienstleistungsorientiertere Volkswirtschaften wie Belgien und die Schweiz landen dagegen bei vielen Nachhaltigkeitsthemen auf den hinteren Plätzen.

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CSR-Maßnahmen werden demzufolge nach wie vor stärker von produktionsintensiven Branchen genutzt, um nachhaltige Herstellungsweisen zu dokumentieren. Soziale Themen, wie etwa die Arbeitsbedingungen – auch und gerade von Dienstleistern – müssen auch für das CSR-Management noch entdeckt werden.

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