Studie über Deutschlands Chefkontrolleure Welche Aufsichtsräte besonders gut kontrollieren

Wie gut arbeiten Deutschlands Aufsichtsräte? Eine Exklusivstudie zeigt: Die Dax-Kontrolleure werden besser, die in MDax-Unternehmen haben Nachholbedarf – auch bei der Frauenquote.

Immer noch die Ausnahme: Frauen als Chefkontrolleurinnen. Quelle: dpa

Die Deutsche Bank hat den besten Aufsichtsrat aller Dax-Unternehmen, im MDax führt die Aareal Bank. HeidelbergCement und Aurubis sind die Schlusslichter. Das ist das Ergebnis der neuen Aufsichtsratsstudie des Corporate-Governance-Experten Peter Ruhwedel.

Wie moderne und leistungsfähige Aufsichtsräte arbeiten, dafür hat Ulrich Lehner schon vor vier Jahren Maßstäbe gesetzt: Als Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom berief der ehemalige Henkel-Chef Anfang 2010 einen Sonderausschuss ein, der nur eine Aufgabe hatte: zusammen mit dem Vorstand eine Strategie für die damals bevorstehende Versteigerung neuer Mobilfunkfrequenzen festzulegen. Lehners Ziel: Ein Desaster wie bei der Versteigerung der UMTS-Lizenzen im Jahr 2000 vermeiden. Damals versuchten sich die Mobilfunkunternehmen mit immer aberwitzigeren Angeboten gegenseitig auszustechen und verhoben sich dabei finanziell total. Lehners Plan ging auf.

Ranking der DAX-Aufsichtsräte

Wo andere Aufsichtsräte Vorstandsentscheidungen nur abnicken, versteht Lehner sich als Sparringspartner für das Top-Management. Für die von ihm beaufsichtigten Unternehmen ist das gut: Auch die Kontrolleure von ThyssenKrupp arbeiten effektiver, seitdem Lehner den früheren Oberaufpasser Gerhard Cromme abgelöst hat. Im aktuellen Ranking der Dax-Unternehmen ist der kriselnde Stahlkonzern deshalb von Platz 10 auf Platz 7 aufgestiegen. Die Telekom hat sich zwar um einen Platz leicht verschlechtert, aber nur, weil die Ausschüsse nicht ganz so aktiv waren wie beim letzten Ranking.

„Gut abgeschnitten haben jene Aufsichtsräte, die ihre Arbeit in Krisensituationen und Transformationsprozessen intensiviert und die Vorstände engmaschig begleitet haben“, sagt der Professor an der FOM Hochschule Duisburg. Spitzenreiter bei den Dax-Konzernen sind die Deutsche Bank, die Allianz und die Deutsche Börse, Schlusslichter sind die Lufthansa, Continental und HeidelbergCement. Bei den MDaxen liegen die Aareal Bank, SGL Carbon und Rhön-Klinikum vorn. Am schlechtesten abgeschnitten haben Rational, Fielmann und Aurubis.

Die Top-Verdiener im MDax
Insgesamt bewegen sich die Einkommen der MDax-Chefs zwischen einer Million und 5,6 Millionen Euro für das Jahr 2013, so das Ergebnis der Studie „Vorstandsvergütung im MDax 2013“. Sie basiert auf den Angaben in den bereits vorliegenden Geschäftsberichten von 49 der 50 MDax-Unternehmen. Der Vorstandsvorsitzende des hessischen Arzneimittelherstellers Stada, Hartmut Retzlaff, liegt also mit einer Direktvergütung in Höhe von 3,2 Millionen Euro etwas oberhalb der Mitte. Die durchschnittliche Vergütung betrug 2,3 Millionen Euro und liegt damit auf dem Vorjahresniveau. Quelle: Presse
Auch für den Vorstandsvorsitzenden der ProSiebenSat.1 Media AG, Thomas Ebeling, sah es im vergangenen Jahr finanziell gut aus: Eine Million Euro gab es an Grundvergütung, hinzu kamen ein direkter Bonus in Höhe von 1,55 Millionen Euro sowie ein Bonus Aufschub von 733.800 Euro. Macht in der Summe eine Direktvergütung in Höhe von 3,28 Millionen Euro. "In der Gesamtschau ergibt sich ein stimmiges Bild aus wirtschaftlicher Dynamik und Entwicklung der Vergütungen", sagt Helmuth Uder, der bei Towers Watson die Beratung zu Vorstands- und Aufsichtsratsvergütung leitet. "Sowohl im MDax als auch im Dax bewegen sich die Unternehmensergebnisse und die Vorstandsvergütung parallel zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung." Unternehmen Name Grundvergütung Bonus direkt Bonus Aufschub Long-Term Incentive Direktvergütung Sky Deutschland Brian Sullivan 1,300,000 1,499,000 - 2,788,000 5,587,000 Evonik Industries Dr. Klaus Engel 2) 880,000 2,607,000 - 1,028,000 4,515,000 Fielmann Günther Fielmann 1,643,000 2,062,000 - 881,000 4,586,000 Airbus Group (EADS) Thomas Enders 1,400,004 1,470,000 - 1,398,951 4,268,955 Gerry Weber International Gerhard Weber 755,000 3,000,000 - - 3,755,000 OSRAM Licht Wolfgang Dehen 900,000 748,800 748,800 1,191,514 3,589,114 HOCHTIEF Marcelino Fernández Verdes 900,000 846,000 846,000 846,000 3,438,000 Vergütungsniveau unterhalb der DAX-Vorstandsvergütung Insgesamt liegt die durchschnittliche MDAX-Vorstandsvergütung weiterhin bei ca. der Hälfte der durchschnittlichen DAX-Vorstandsvergütung (2,3 Mio. Euro gegenüber 5,2 Mio. Euro). Im DAX ist auch die Spannbreite der Vorstandsvergütung größer (zwischen 1,3 Mio. Euro und 15 Mio. Euro). „Sowohl DAX als auch MDAX setzen sich aus Unternehmen mit ganz unterschiedlichen Geschäftsmodellen, Branchen und Größen zusammen. Zu den größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland zählen etliche Firmen, die auch im internationalen Vergleich als ‚Schwergewichte‘ gelten können. Daher sind die teils großen Differenzen bei der Vorstandsvergütung nicht überraschend“, erklärt Ralph Lange, Practice Leader Executive Compensation bei Towers Watson. Langfristige variable Vergütung – noch Nachholbedarf Insgesamt wird die Vorstandsvergütung im MDAX stark von der Grundvergütung sowie dem Bonus, der die Erreichung kurzfristiger Geschäftsziele honoriert, geprägt, wie die Towers-Watson-Studie zeigt. Beide Vergütungselemente betragen durchschnittlich jeweils 0,8 Mio. Euro. Knapp ein Drittel (30 Prozent) der Direktvergütung orientiert sich dagegen an der langfristigen Geschäftsentwicklung Pressemitteilung Towers Watson 2 (0,5 Mio. Euro). „Die mehrjährige variable Vergütung wird nur dann in voller Höhe ausgezahlt, wenn sich der Aktienkurs der Gesellschaft positiv entwickelt oder bestimmte, vorab vereinbarte Geschäftsziele erreicht werden“, kommentiert Uder. Darüber hinaus wird ein Teil des kurzfristigen Bonus (durchschnittlich 0,2 Mio. Euro) zunächst einbehalten und erst in den kommenden Jahren ausgezahlt – wenn die hierfür zugrunde gelegten Geschäftsziele auch nachhaltig erreicht wurden. Bei den DAX-Unternehmen haben die mehrjährigen Geschäftsziele einen noch stärkeren Einfluss auf die Vorstandsvergütung: Dort hängen im Schnitt 42 Prozent der Vergütung von der Erreichung der langfristigen Ziele ab. „Es ist zu erwarten, dass der MDAX hier in den kommenden Jahren nachziehen wird“, so Lange. Abbildung: Durchschnittliche Vorstandsvergütung im MDAX (Vergütung der Vorstandsvorsitzenden). Quelle: dpa
Allerdings bekommen die Vorstände aus dem MDax nur halb so viel Geld wie die Chefs der Dax30-Konzerne. Über die 3,4 Millionen Euro, die Hochtief-Chef Marcelino Fernández Verdes im vergangenen Jahr verdiente, kann VW-Chef Martin Winterkorn mit seinen 15 Millionen Euro nur lachen. Quelle: dpa
Während die durchschnittliche Vergütung der MDax-Vorstände bei 2,3 Millionen Euro liegt, bekommen die Dax30-Chefs im Mittel 5,2 Millionen Euro. Im Dax ist allerdings auch die Spannbreite der Vorstandsvergütung größer: Während Winterkorn 15 Millionen bekommt, verdient Ex-Lufthansa-Chef Christoph Franz nur eine Million Euro. Darüber kann wiederum der Vorstandsvorsitzende von Osram Licht nur lachen. Wolfgang Dehen (Mitte) bekam im Jahr 2013 rund 3,6 Millionen Euro. Quelle: dpa
Insgesamt wird die Vorstandsvergütung im MDax stark von der Grundvergütung sowie dem Bonus geprägt, wie die Towers-Watson-Studie zeigt. Der Vorstandsvorsitzende der Gerry Weber International AG, Gerhard Weber, bekam mit 755.000 Euro beispielsweise ein vergleichsweise schmales Grundgehalt. Der erfolgsabhängige Bonus in Höhe von drei Millionen Euro katapultierte ihn dann aber auf Platz fünf im Vergütungsranking der MDax-Chefs. Quelle: dpa
Beim EADS-Chef Thomas Enders verteilen sich die rund 4,3 Millionen Euro relativ gleichmäßig auf die Grundvergütung (1,4 Millionen), direkten Bonus (1,5 Millionen) und Bonus Aufschub (1,4 Millionen). Der Aufschub entsteht im Übrigen dadurch, dass Teile der kurzfristigen Boni (durchschnittlich 0,2 Millionen Euro) zunächst einbehalten und erst in den kommenden Jahren ausgezahlt werden – wenn die Geschäftsziele auch nachhaltig erreicht wurden. Quelle: dpa
Der dritte Platz im MDax-Gehaltsranking geht an Günther Fielmann, Vorstandsvorsitzenden der Fielmann AG. Er bekam im vergangenen Jahr rund 4,6 Millionen Euro. Quelle: dpa

Die Rolle der Kontrolleure als Sparringpartner der Vorstände wird vor allem bei der Deutschen Bank deutlich: Dort rief Aufsichtsratschef Paul Achleitner seine Mitaufpasser 2013 insgesamt achtmal zu Plenumssitzungen zusammen. Die Ausschüsse trafen sich 34 mal, außerdem wurde ein Sonderausschuss für Integrität eingerichtet. „Das unterstreicht das ernsthafte Bemühen des Aufsichtsrats um eine Aufarbeitung der Krisenfolgen“, lobt Ruhwedel. 

Für seine zum dritten Mal durchgeführte Studie wertet Ruhwedel Geschäftsberichte und andere frei verfügbare Dokumente des Geschäftsjahres 2013 aus. Bewertet werden die Kontrolleure nach Arbeitsweise, Eignung, Unabhängigkeit, Vielfalt und der Transparenz ihrer Arbeit. Bei der Arbeitsweise, die zu 40 Prozent in den Gesamtscore einfließt, geht es um die Zahl der Sitzungen des Vollgremiums und der Ausschüsse sowie die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden.

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