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Tapetenwechsel Warum Unternehmen alle fünf Jahre umziehen sollten

Mit der Zeit sammelt sich im Büro vieles an, was den Blick auf Neues verstellt. Quelle: imago images

Im Büro staut sich mit der Zeit einiges an: Material, das niemand benötigt, Karteileichen und vergilbte Post-Its. Aber auch veraltete Prozesse und Denkmuster. Wer sich von Altlasten nicht löst, landet in der Pathologie.

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Die Metapher „Tapetenwechsel“ bedeutet Veränderung der gewohnten Umgebung – und tut uns allen mal ganz gut. Aber alle fünf Jahre umziehen? Das würde so einige Unternehmen vor große logistische und finanzielle Herausforderungen stellen – und ist auch nicht wortwörtlich zu verstehen. Als Interim Manager sehe ich allerdings sehr viele und sehr unterschiedliche Unternehmen von innen. Was sie gemeinsam haben: das Anstauen überflüssigen Gerümpels – im Büro wie im Kopf. „Wenn ein überladener Schreibtisch ein Zeichen für einen überladenen Geist ist“, fragte Albert Einstein, „wovon ist dann ein leerer Schreibtisch ein Zeichen?“. Kreativen Köpfen sagt man oftmals eine gewisse Unordnung nach, die sie für ihr Schaffen benötigen. Das ist aus Unternehmersicht Quatsch. Mitarbeitende vergeuden mindestens eine Arbeitsstunde pro Woche mit der Suche von Dingen. Eine reine Ressourcen-Verschwendung!

Klare Ordnung bedeutet klare Sicht

Es heißt, in einem gesunden Körper stecke ein gesunder Geist. Ich sage: in einem geordneten Unternehmen stecken saubere Prozesse und fokussierte Mitarbeiter. Wenn das Flipchart noch die letzten 80 vollgekritzelten Seiten hat und ein Tsunami an Kaffeetassen aus den Küchenschränken wallt, spiegelt das die Arbeitsethik eines Unternehmens wider. Auch Tage alte Kaffeeflecken am Schreibtisch und Monate oder Jahre alte vergilbte Post-Its am Bildschirmrand sorgen für einen sich langsam einschleichenden Schlendrian, der wie eine Nebelwand die Sicht auf das Wesentliche verdeckt.

Ulvi Aydin ist Interim Manager, Unternehmens- und Unternehmer-Entwickler und Buchautor. Als international agierender Interim-CEO und -CSO unterstützt er mittelständische Unternehmen und Konzerne bei Marken- und Marktentwicklung, Neu-Positionierung, Restrukturierung und Vertriebsexzellenz. Über seine Erfahrungen als Interim Manager schreibt er in diversen Wirtschaftsmedien. Quelle: Presse

Wissenschaftler des Neuroscience Institute der University of Princeton haben schon 2015 herausgefunden, dass Chaos die Konzentrationsfähigkeit behindert. Das visuelle Durcheinander konkurriert mit der Aufmerksamkeitsfähigkeit unseres Gehirns und ermüdet mit der Zeit unsere kognitiven Funktionen. Oder umgekehrt: Klare Ordnung bedeutet klare Sicht. Ein geordneter Schreibtisch hat also nichts mit Spießigkeit zu tun, sondern mit Produktivität. Und Professionalität. Von einem Feuerwehrmann erwarten wir auch, dass er bei Alarm in wenigen Sekunden Einsatzbereit im Wagen sitzt – und nicht erst noch seinen Helm suchen muss, oder?

Mit gutem Beispiel voran

Bei der Infineon Technologies AG müssen alle Mitarbeiter einmal im Jahr ihr komplettes Büro ausmisten. Alles auf den Flur. Zurück kommt nur, was wirklich nötig ist. Ein Reset, der das System wieder zum Laufen bringt. In anderen Unternehmen gilt die sogenannte Clean-Desk-Policy: Bevor es in den Feierabend geht, muss jeder seinen Schreibtisch aufräumen. Jeden Tag. Das sorgt für klare Gedanken und produktiveres Arbeiten.

Seit einigen Jahren schwappt noch ein weiterer Trend aus London zu uns herüber: das sogenannte Hot Desking, bei dem es keine fest zugeteilten Arbeitsplätze mehr gibt und die Mitarbeitenden immer wieder einen neuen Schreibtisch besetzen. Die Idee dahinter ist, fachübergreifend die Arbeit der Kolleginnen kennenzulernen und somit neue Perspektiven auf die eigene Arbeit zu gewinnen.

Der Umzug im Kopf

Es gibt also positive Beispiele – ohne, dass man gleich umziehen muss. Zumindest nicht physisch. Aber mental. Der Umzug im Kopf tut allen im Unternehmen gut. Denn: Wer umzieht, sortiert aus. Endlich nehmen wir uns die Zeit, uns von Dingen zu trennen, die wir nicht mehr brauchen. Im Unternehmen sind das, neben dem Grümpel im Büro, auch veraltete oder hinderliche Denkweisen, Strategien und Prozesse. Um verkalkte Denkmuster aufzubrechen, müssen wir diese Abläufe immer wieder auf den Prüfstand stellen. Aber auch eigene Gewohnheiten sollten immer wieder hinterfragt werden. Sobald Sie sich mit einer Struktur bequem gemacht haben, sollten Sie diese Komfortzone schnellstmöglich wieder verlassen.

Wie beim Umzug sollten sich alle Beteiligten im Unternehmen regelmäßig fragen: Was benötigen wir noch – und was kann weg? Was ist Teil unserer Vergangenheit – und was ist Teil unserer Zukunft? Eine Neuordnung hat eine reinigende Wirkung. Wir schaffen Platz. Platz für das Wesentliche und für Neues. Und wir verändern die Umgebung. In einer Welt des Überflusses tut es gut, einmal den angesammelten Müll rauszutragen und dafür zu sorgen, dass sich davon so schnell nichts mehr anstaut. Wir werfen mental Ballast ab und können wieder volle Leistung liefern. Probleme lösen heißt, sich von den Problemen zu lösen.

Alles eine Frage der Haltung

Es kann so einfach sein: Den mehrere hundert Seiten vollen Strategieordner kann man zusammenfassen – mit nur den wichtigsten Punkten klar und geordnet auf wenigen Seiten. Oder einmal im Jahr den „Saustall“ ausmisten, wie bei Infineon, neue Ordnung schaffen. Im Büro und im Kopf. Klare Ordnung bedeutet, die Übersicht zu behalten und nicht per Tunnelblick durch die Altlasten zu navigieren. Das ist alles eine Frage der Haltung.

Nun nehme ich alle Verantwortlichen in die Pflicht, ihre Führungshaltung kontinuierlich zu hinterfragen und sich regelmäßig zu überlegen: Wenn das Unternehmen heute umziehen müsste, was käme dann mit und was bliebe in der Tonne? Auch für den Neustart 2020 gilt: Lösen Sie sich von Altlasten, von Mist, von Folklore! Öffnen Sie sich für neue Ideen, wechseln Sie die Perspektive. Sonst landet Ihr Unternehmen in der Pathologie.

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