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Tauchsieder

Peymann, Klopp und Piëch - es leben die Könige!

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Im Sport gilt noch die Genieverehrung

Doch, lieber Herr Renner, genau das hat es eben doch: mit Hoch- und Subkultur zu tun. Man muss schon demokratisch verblendet sein und liberal verzogen, um political very correct keinen Unterschied mehr zu machen zwischen Goethe und Beethoven einerseits und sagen wir: Donna Leon und Tocotronic andererseits. Der entscheidende Unterschied liegt im "sagen wir", denn hinter diesem "sagen wir" könnten auch Dutzende andere Namen stehen, während Goethe nur mit Goethe und Beethoven nur mit Beethoven vergleichbar ist. Die Werke dieser sind singulär, die Werke jener, mit Verlaub, sind austauschbar; die Werke dieser werden auch in 100 Jahren noch aus guten Gründen gehört und gelesen, die Werke jener aus denselben guten Gründen wahrscheinlich nicht. Damit ist noch nichts über die Qualität von Donna Leon oder Tocotronic gesagt. Wohl aber über die Qualität von Goethe und Beethoven. Nicht wer diese als Ausnahmeerscheinungen preist und ihre Reproduktion und Anverwandlung in Theatern und Konzertsälen vergöttert, wie Peymann, gehört an den Pranger gestellt. Sondern wer ihre Singularität und Bedeutung, wie Renner, relativierend verleugnet. Oder anders gesagt: Während Peymanns despotischer Größenwahn schlimmstenfalls ungefährlich (und unterhaltsam) ist, ist Renners egalitäres Kulturverständnis geniedemokratisch, eventinflationär, kurz: kunsttödlich.

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Allein im Bereich des Sports sind wir, so scheint es, noch zur Genieverehrung bereit. Entsprechend groß ist hier auch die Akzeptanz alleinherrschaftlichen Verhaltens. Pep Guardiola zum Beispiel, dem Trainer des FC Bayern München, wird ein so hohes Maß an Gehorsam und Unterwerfungsbereitschaft entgegen gebracht, dass er seinem gesamten Umfeld erfolgreich weismachen kann, nicht er selbst mit einer mangelhaften Taktik oder aber die Spieler Alonso, Boateng und Dante mit ihren haarsträubenden Fehlern hätten am Mittwoch das Spiel gegen den FC Porto vergeigt, sondern der Medizinmann Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Dass Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund fast gleichzeitig um eine Auflösung des Vertrags gebeten hat, kann nicht wirklich Zufall sein: Klopp muss nach den vielen Niederlagen, die zuletzt auch ihm angerechnet wurden, bitter bewusst geworden sein, dass sein demokratisches "Auf-Augenhöhe-Prinzip" nach ein paar Jahren des Erfolgs an seine Grenzen gestoßen ist - und dass er sein Trainerdasein daher auf ein neues, mit der Aura eines Messias umkränzten, Niveaus heben muss, will er wirklich einmal ins Pantheon der Großen und Größten einziehen. Die Könige sind tot? Es leben die Könige!

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