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Tauchsieder

Peymann, Klopp und Piëch - es leben die Könige!

Mit Größenwahnsinn gegen die demokratische Methode? Deutschland staunt über das Absolute, Despotische und Manische seiner Eliten in Wirtschaft, Kunst und Sport. 

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Ferdinand Piëch, Jürgen Klopp und Claus Peymann Quelle: imago (2), AP, Montage

Zu den zwei größten Geistlosigkeiten, die jeder Journalist heutzutage jederzeit straffrei aufschreiben darf, gehört die Formel vom "Zuwachs des Wissens" in einer "fortschrittlichen" Welt und die Winston Churchill entlehnte Behauptung, bei der Demokratie handele es sich um die schlechteste aller Staatsformen - mit Ausnahme der übrigen. Wie das eine mit dem anderen zusammen hängt, davon handelt diese Kolumne. 

Mit den Argumenten von Platon

Denn wenn die vergangene Woche eines gezeigt hat, dann doch wohl dies: Wir haben es uns so sehr angewöhnt, in demokratischen Mustern und konsensual abgestimmten Lösungen zu denken, dass wir gar nicht mehr wagen, über die Vorzüge alternativ verfasster Gemeinwesen nachzudenken - womit wir leider auch den Sinn für die Ärthetik cäsarischer Entscheidungen eingebüßt haben. Was für unwiderbringliche Verluste! 

Diese 20 entscheiden über Winterkorns Zukunft
Der Familienpatriarch und Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch hat am Freitag die Diskussion um die künftige Führungsstruktur bei Volkswagen losgetreten. Er sei „auf Distanz“ zu VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, so Piëch. Bislang hatte Winterkorn als möglicher Piëch-Nachfolger gegolten. Quelle: dpa
VW-Vorstandschef Winterkorn (l.) ließ am Samstag verlauten, er werde sich nicht so schnell geschlagen geben im Führungskampf. Ein Grund für diesen Optimismus: Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat stellten sich hinter ihn – und auch die Vertreter des Landes Niedersachsens, die auf der Kapitalseite sitzen, klingen versöhnlich. Quelle: dpa
Im VW-Aufsichtsrat, der über Winterkorns Zukunft entscheidet, sitzen zehn Arbeitnehmervertreter und zehn Arbeitgebervertreter. Bei Stimmengleichheit entscheidet der Vorsitzende Ferdinand Piëch. Quelle: dpa
Al-Abdullah ist Vertreter des Emirats Katar. Der Staat am Persischen Golf hält über die Gesellschaft Qatar Holding insgesamt 17 Prozent der Stimmrechte an Volkswagen. Zu den aktuellen Vorgängen gibt es keine Äußerungen von ihm - und es sind auch keine zu erwarten. Diskretion zeichnet den Anker-Aktionär aus. Dass Katar Piëch in den Rücken fällt, ist unwahrscheinlich. Quelle: dpa
In der Öffentlichkeit präsent ist hingegen das Land Niedersachsen, das 20 Prozent der Stimmrechte an VW hält. „Diskussionen dieser Art sind in jedem Fall schädlich für das Unternehmen“, sagte Ministerpräsident Weil am Samstag der Tagesschau zum Machtkampf. „Wenn man etwas zu besprechen hat, dann sollte man das intern tun. Die Vertreter des Landes Niedersachsen werden sich nicht an einer öffentlichen Diskussion beteiligen.“ Das ist zumindest kein weiterer Dolchstoß für Winterkorn. Quelle: dpa
Der Wirtschaftsminister Niedersachsens ist der zweite Vertreter des Landes im Aufsichtsrat. Er stärkte gegenüber der Bild am Sonntag Winterkorn den Rücken. „Wir schätzen die Arbeit des Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn sehr. (...) Ich sehe der Ankündigung durch Herrn Piëch auch aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Aufsichtsrat sehr gelassen entgegen.“ Das bedeutet, dass das Land Niedersachsen sich bei einer Kampfabstimmung auf die Seite der Arbeitnehmer schlagen könnte. Quelle: dpa
Die Familien Porsche und Piëch halten über die Porsche Automobil Holding SE die Mehrheit am Volkswagen-Konzern. Ob Piëchs Vorstoß mit dem Porsche-Clan abgestimmt war, ist nicht bekannt. Aus dem Umfeld von Wolfgang Porsche (links, neben Porsche-CEO Michael Müller), dem Sprecher des Familienclans, hieß es am Wochenende: „Am Ende ziehen die Familien bei wichtigen Entscheidungen an einem Strang.“ Damit kann Winterkorn hier wohl nicht auf Rückendeckung zählen. Offiziell wollte sich kein Porsche-Familienvertreter äußern, so die Bild am Sonntag. Quelle: dpa

Platon und Aristoteles zum Beispiel, die alten Griechen, konnten vor fast 2500 Jahren noch trefflich jonglieren mit Verfassungsformen und Staatslehren. Sie machten sich Gedanken über die Geburt der Demokratie aus dem Geist der Armut und über den schleichenden Übergang der Volksherrschaft in die Tyrannei, über die feinen Unterschiede zwischen guten (Königtum, Aristokratie und Politie) und schlechten Formen staatlicher Verwaltung (Tyrannis, Oligarchie, Demokratie) - und über geeignete Mischformen des Regierens, die alle Maßlosigkeiten und Mängel zum Ausgleich bringt.

Platon etwa preist dem Leser die Demokratie als "buntes Kleid" an, das uns, "geziert mit den Farben aller ihrer Sitten, sehr schön erscheint". Doch was, wenn die Menschen "sich über den Durst am ungemischten Wein der Freiheit berauschen"? Dann, so Platon, kümmert sich niemand mehr um die Gesetze - und die übergroße Freiheit schlägt in übergroße Knechtschaft um...

Piëch und seine Figuren

Damit es im Jeder-macht-was-er-will-Liberalismus westlicher Ist-alles-egal-Demokratien nicht soweit kommt, würde Platon heute argumentieren, braucht auch die deutsche Gesellschaft dringender denn je Figuren wie Ferdinand Piëch, Claus Peymann und Pep Guardiola. Sie alle stehen für den Einbruch des Absoluten, Despotischen, Totalen in unsere Gemeinwesen. Sie alle eröffnen uns durch die gottähnliche (Selbst-)Herrlichkeit ihrer Machtweisen und Ansprüche Horizonte des Möglichen und Denkbaren. Dafür verdienen sie nicht nur unseren Respekt, sondern auch Reichtum, Ehrfurcht, Bewunderung - und Dank. 

Ferdinand Piëch zum Beispiel, von den Medien irrtümlich als "Konzernpatriarch" bei Volkswagen eingeführt - in Wirklichkeit muss es sich um den letzten Spross der Habsburger mit Stammsitz im Salzburger Land handeln -, ist am vergangenen Freitag 78 Jahre alt geworden. Man darf unterstellen, dass Piëch aller materiellen Sorgen ledig ist, dass er sich also längst, wie soll man sagen, seine Krawatte hätte lockern, sich aufs Jagen verlegen oder aber seinen zahlreichen Kindern mehr Zeit widmen können. In der Ahnengalerie der Habsburger gibt es, jeder weiß es, ein herausragendes Beispiel fürs rechtzeitige, ehren- und würdevolle Abdanken. Als Karl V. am 25. Oktober 1555 seinem Sohn Philipp die Regierungsgeschäfte übergab, tat er dies im rhetorischen Büßergewand: "Was mich betrifft: Ich weiß, dass ich viele Fehler begangen habe, große Fehler... Aber bewusst habe ich niemandem Unrecht getan, wer es auch sei. Sollte dennoch Unrecht entstanden sein... Ich bedaure es öffentlich und bitte jeden, den ich gekränkt haben könnte, um sein Verzeihen."

Urteil ist gesprochen, Vollstreckung steht noch aus

Aber aus diesem weichen Holz ist Piëch nicht geschnitzt. Einer wie er hält es nicht mit dem alten und milden, sondern mit dem jungen und wilden Karl V. - und mit dessen Leitspruch "Plus ultra": "Immer weiter. Immer besser." Wobei Piëch sich selbst als Person versteht, die immer weiter und besser ist als alle anderen, versteht sich - und alle anderen als Personen, denen Fehler unterlaufen. Vor allem wähnt sich Piech immer weiter und besser als seine Vorstandschefs, die von dero Aufsichtsgnaden vorübergehend die VW-Geschäfte führen dürfen. Ihrer pflegt sich Piëch nicht im Stile offiziellen Anstands ("in gegenseitigem Einvernehmen..."), sondern höchst standesgemäß, sprich: im Wege des rhetorischen Diktums und des beiläufig fallen gelassenen Dekrets zu entledigen. 

Die Opfer des Ferdinand Piëch
Porsche-Miteigner und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch Quelle: dapd
Audi Quelle: dpa
Franz-Josef Kortüm Quelle: obs
Herbert Demel Quelle: dpa
Franz-Josef Paefgen Quelle: AP
José Ignacio López Quelle: REUTERS
Bernd Pischetsrieder Quelle: dpa

Auf die Frage etwa, ob der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking noch sein Vertrauen genieße, antwortete Piëch vor sechs Jahren: "Zurzeit noch - Streichen Sie das Noch." Das war herrlich ironisch, sarkastisch, rasierklingen-kalt und verdammt nah dran am Nero-Daumen - weshalb VW-Chef Martin Winterkorn seine Degradierung als Auszeichnung empfinden sollte: "Ich bin auf Distanz", so Piëch vor wenigen Tagen - klingt das nicht fast schon nach monarchischer Milde mit einem lieben Untertanen? Nein, Piëch möchte Winterkorn nicht vernichten. Er möchte ihn nur loswerden. Und natürlich wird er ihn los. Wie albern, dass einige Kommentatoren in den vergangenen Tagen tatsächlich von einem "Machtkampf" im VW-Aufsichtsrat gesprochen haben, von einer Niederlage Piëchs gar. Die Wahrheit ist: Iuvavia locuta, causa finita. Das Urteil über Martin Winterkorn ist gesprochen. Allein die Vollstreckung steht noch aus. 

Peymann, der anarchistische Monarch

Auch der Name eines zweiten Tyrannen ist eng mit Salzburg verbunden, der Name von Claus Peymann, keine zwei Monate jünger als Piëch, doch anders als dieser ein Freund des wortreichen Blitzgewitters. Peymann hat sich vor Jahrzehnten als allergrößter Uraufführer der allergrößten Stücke des allergrößten Dramatikers Thomas Bernhard (unter anderem bei den Salzburger Festspielen) die Auszeichnung des überhaupt Allergrößten verdient. Seit 1999 allerdings ist Peymann nur noch Intendant des Berliner Ensembles, eines kleinen, traditionsreichen Theaters in Berlin, was angesichts seiner Bedeutung nicht nur einer Beleidigung Peymanns gleich kommt, sondern zugleich eine einzige Schande ist - eine einzige Schande für ganz Deutschland, das alle seine Theater mit Claus Peymanns ausstatten müsste, wollte es sich wirklich als reiches und glückliches Land verstehen dürfen.

Klopp sorgt für Diskussionen an der Börse

Nun hat Peymann in einem sprachgewaltigen Interview mit der ZEIT den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner als "einen dieser Lebenszwerge" beschimpft, "die jetzt überall die Verantwortung haben" - und am Beispiel dieses "leeren, netten weißen Hemdes" den "vollständigen Dilettantismus" der "Nichtkenner, Nichtkönner und Nichtwisser" des Kulturbetriebs beklagt. Dabei war Peymann nicht nur größenwahnsinnig gut, wie so oft, sondern erhabener denn je über jeden Selbstzweifel, wie schön: ein Sonnenkönig des Theaters fürwahr, von Gott begnadet, von den Musen geküsst und vom Steuerzahler gepäppelt... Aber was heißt schon gepäppelt: Peymann pflegt den Hinweis darauf, dass der Steuerzahler sein segensreiches Wirken in den vergangenen 15 Jahren mit mehr als 100 Millionen Euro bezuschusst hat, mit dem Hinweis darauf zu kontern, dass er, Peymann, recht eigentlich noch viel mehr verdient gehabt hätte...

Die erfolgreichsten CEOs börsennotierter Großunternehmen

Peymann ist mit der offensiven Verteidigung der finanzparasitären Lebensform nicht nur so etwas wie der Varoufakis des deutschen Theaterlandschaft, sondern auch ein bürgerlicher Held wider Willen: ein anarchistischer Monarch, der mit despotischer Verschwendungslust auf das Effiziengehampel einer rational durchorganisierten Welt reagiert und mitten in der Wüste einer seelenlosen Zivilisation die Fahne der antikapitalistischen Kunstreligion hisst. Vor allem aber, und das ist das Schönste an diesem barocken Schelmenstück, gibt der beschimpfte Herr Renner dem beschimpfenden Herrn Peymann in seiner Replik auch noch nachträglich Recht: "Es geht schon lange nicht mehr um Wagner versus Rammstein oder Brecht versus Element of Crime", schreibt Renner: "Man kann das eine gut oder den anderen schlecht finden, das hat aber nichts mehr mit Hoch- und Subkultur zu tun, mit Kulturgut oder Gebrauchskunst, sondern lediglich mit den individuellen Wahrnehmungsperspektiven der Zuschauer und Zuhörer." 

Im Sport gilt noch die Genieverehrung

Doch, lieber Herr Renner, genau das hat es eben doch: mit Hoch- und Subkultur zu tun. Man muss schon demokratisch verblendet sein und liberal verzogen, um political very correct keinen Unterschied mehr zu machen zwischen Goethe und Beethoven einerseits und sagen wir: Donna Leon und Tocotronic andererseits. Der entscheidende Unterschied liegt im "sagen wir", denn hinter diesem "sagen wir" könnten auch Dutzende andere Namen stehen, während Goethe nur mit Goethe und Beethoven nur mit Beethoven vergleichbar ist. Die Werke dieser sind singulär, die Werke jener, mit Verlaub, sind austauschbar; die Werke dieser werden auch in 100 Jahren noch aus guten Gründen gehört und gelesen, die Werke jener aus denselben guten Gründen wahrscheinlich nicht. Damit ist noch nichts über die Qualität von Donna Leon oder Tocotronic gesagt. Wohl aber über die Qualität von Goethe und Beethoven. Nicht wer diese als Ausnahmeerscheinungen preist und ihre Reproduktion und Anverwandlung in Theatern und Konzertsälen vergöttert, wie Peymann, gehört an den Pranger gestellt. Sondern wer ihre Singularität und Bedeutung, wie Renner, relativierend verleugnet. Oder anders gesagt: Während Peymanns despotischer Größenwahn schlimmstenfalls ungefährlich (und unterhaltsam) ist, ist Renners egalitäres Kulturverständnis geniedemokratisch, eventinflationär, kurz: kunsttödlich.

Management



Allein im Bereich des Sports sind wir, so scheint es, noch zur Genieverehrung bereit. Entsprechend groß ist hier auch die Akzeptanz alleinherrschaftlichen Verhaltens. Pep Guardiola zum Beispiel, dem Trainer des FC Bayern München, wird ein so hohes Maß an Gehorsam und Unterwerfungsbereitschaft entgegen gebracht, dass er seinem gesamten Umfeld erfolgreich weismachen kann, nicht er selbst mit einer mangelhaften Taktik oder aber die Spieler Alonso, Boateng und Dante mit ihren haarsträubenden Fehlern hätten am Mittwoch das Spiel gegen den FC Porto vergeigt, sondern der Medizinmann Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Dass Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund fast gleichzeitig um eine Auflösung des Vertrags gebeten hat, kann nicht wirklich Zufall sein: Klopp muss nach den vielen Niederlagen, die zuletzt auch ihm angerechnet wurden, bitter bewusst geworden sein, dass sein demokratisches "Auf-Augenhöhe-Prinzip" nach ein paar Jahren des Erfolgs an seine Grenzen gestoßen ist - und dass er sein Trainerdasein daher auf ein neues, mit der Aura eines Messias umkränzten, Niveaus heben muss, will er wirklich einmal ins Pantheon der Großen und Größten einziehen. Die Könige sind tot? Es leben die Könige!

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