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Tauchsieder

Peymann, Klopp und Piëch - es leben die Könige!

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Urteil ist gesprochen, Vollstreckung steht noch aus

Aber aus diesem weichen Holz ist Piëch nicht geschnitzt. Einer wie er hält es nicht mit dem alten und milden, sondern mit dem jungen und wilden Karl V. - und mit dessen Leitspruch "Plus ultra": "Immer weiter. Immer besser." Wobei Piëch sich selbst als Person versteht, die immer weiter und besser ist als alle anderen, versteht sich - und alle anderen als Personen, denen Fehler unterlaufen. Vor allem wähnt sich Piech immer weiter und besser als seine Vorstandschefs, die von dero Aufsichtsgnaden vorübergehend die VW-Geschäfte führen dürfen. Ihrer pflegt sich Piëch nicht im Stile offiziellen Anstands ("in gegenseitigem Einvernehmen..."), sondern höchst standesgemäß, sprich: im Wege des rhetorischen Diktums und des beiläufig fallen gelassenen Dekrets zu entledigen. 

Die Opfer des Ferdinand Piëch
Porsche-Miteigner und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch Quelle: dapd
Audi Quelle: dpa
Franz-Josef Kortüm Quelle: obs
Herbert Demel Quelle: dpa
Franz-Josef Paefgen Quelle: AP
José Ignacio López Quelle: REUTERS
Bernd Pischetsrieder Quelle: dpa

Auf die Frage etwa, ob der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking noch sein Vertrauen genieße, antwortete Piëch vor sechs Jahren: "Zurzeit noch - Streichen Sie das Noch." Das war herrlich ironisch, sarkastisch, rasierklingen-kalt und verdammt nah dran am Nero-Daumen - weshalb VW-Chef Martin Winterkorn seine Degradierung als Auszeichnung empfinden sollte: "Ich bin auf Distanz", so Piëch vor wenigen Tagen - klingt das nicht fast schon nach monarchischer Milde mit einem lieben Untertanen? Nein, Piëch möchte Winterkorn nicht vernichten. Er möchte ihn nur loswerden. Und natürlich wird er ihn los. Wie albern, dass einige Kommentatoren in den vergangenen Tagen tatsächlich von einem "Machtkampf" im VW-Aufsichtsrat gesprochen haben, von einer Niederlage Piëchs gar. Die Wahrheit ist: Iuvavia locuta, causa finita. Das Urteil über Martin Winterkorn ist gesprochen. Allein die Vollstreckung steht noch aus. 

Peymann, der anarchistische Monarch

Auch der Name eines zweiten Tyrannen ist eng mit Salzburg verbunden, der Name von Claus Peymann, keine zwei Monate jünger als Piëch, doch anders als dieser ein Freund des wortreichen Blitzgewitters. Peymann hat sich vor Jahrzehnten als allergrößter Uraufführer der allergrößten Stücke des allergrößten Dramatikers Thomas Bernhard (unter anderem bei den Salzburger Festspielen) die Auszeichnung des überhaupt Allergrößten verdient. Seit 1999 allerdings ist Peymann nur noch Intendant des Berliner Ensembles, eines kleinen, traditionsreichen Theaters in Berlin, was angesichts seiner Bedeutung nicht nur einer Beleidigung Peymanns gleich kommt, sondern zugleich eine einzige Schande ist - eine einzige Schande für ganz Deutschland, das alle seine Theater mit Claus Peymanns ausstatten müsste, wollte es sich wirklich als reiches und glückliches Land verstehen dürfen.

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Nun hat Peymann in einem sprachgewaltigen Interview mit der ZEIT den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner als "einen dieser Lebenszwerge" beschimpft, "die jetzt überall die Verantwortung haben" - und am Beispiel dieses "leeren, netten weißen Hemdes" den "vollständigen Dilettantismus" der "Nichtkenner, Nichtkönner und Nichtwisser" des Kulturbetriebs beklagt. Dabei war Peymann nicht nur größenwahnsinnig gut, wie so oft, sondern erhabener denn je über jeden Selbstzweifel, wie schön: ein Sonnenkönig des Theaters fürwahr, von Gott begnadet, von den Musen geküsst und vom Steuerzahler gepäppelt... Aber was heißt schon gepäppelt: Peymann pflegt den Hinweis darauf, dass der Steuerzahler sein segensreiches Wirken in den vergangenen 15 Jahren mit mehr als 100 Millionen Euro bezuschusst hat, mit dem Hinweis darauf zu kontern, dass er, Peymann, recht eigentlich noch viel mehr verdient gehabt hätte...

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Peymann ist mit der offensiven Verteidigung der finanzparasitären Lebensform nicht nur so etwas wie der Varoufakis des deutschen Theaterlandschaft, sondern auch ein bürgerlicher Held wider Willen: ein anarchistischer Monarch, der mit despotischer Verschwendungslust auf das Effiziengehampel einer rational durchorganisierten Welt reagiert und mitten in der Wüste einer seelenlosen Zivilisation die Fahne der antikapitalistischen Kunstreligion hisst. Vor allem aber, und das ist das Schönste an diesem barocken Schelmenstück, gibt der beschimpfte Herr Renner dem beschimpfenden Herrn Peymann in seiner Replik auch noch nachträglich Recht: "Es geht schon lange nicht mehr um Wagner versus Rammstein oder Brecht versus Element of Crime", schreibt Renner: "Man kann das eine gut oder den anderen schlecht finden, das hat aber nichts mehr mit Hoch- und Subkultur zu tun, mit Kulturgut oder Gebrauchskunst, sondern lediglich mit den individuellen Wahrnehmungsperspektiven der Zuschauer und Zuhörer." 

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