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Tauchsieder

Willkommen in der Bürofabrik

Der Fortschritt ist keine Schnecke, sondern ein Huhn - meinen Forscher, die unter “Office Innovation” die Unterbringung ihrer Mitarbeiter in “Bürolandschaften mit Raumgliederungselementen” verstehen. Von der Proletarisierung der Büroarbeit und der Zukunft geistiger Legebatterien.

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Das Büro der Zukunft zeichnet sich durch “kollaborative Arbeit in Teambüros”, “räumliche  Flexibilität bei der Arbeitsplatzauswahl”, durch “Bereiche, die zur Kreativität anregen und Inspiration ermöglichen” - so der Imagefilm des Office of Innovation Center. Nach dem Video stellt sich beim Zuschauer Fassungslosigkeit ein. Quelle: Fotolia

Mit dem Fortschritt ist es so eine Sache. Francis Bacon mochte wohl Anfang des 17. Jahrhunderts noch daran glauben, das regnum hominis, das Zeitalter der Herrschaft des Menschen über die Welt, errichten zu können. Der englische Frühaufklärer (“Wissen ist Macht”) fand, dass die Scholastik mit ihren ständigen Spekulationen und Gottesbeweisen “seit Jahrhunderten fast unbeweglich auf der Stelle” klebe und immer neue Generationen von Lehrern und Schülern hervorbringe, die sich in ihren Untersuchungen wieder und wieder darin erschöpften, “das bereits Gefundene zu verzieren und zu verehren”.

Die Streitfragen der Theologen und Metaphysiker seien zahllos, fürwahr, ihre Leistungen hingegen unfruchtbar, so Bacon: Sie nützten dem Menschen nichts. Deshalb rief er zur instauratio magna auf, zur “großen Erneuerung” der Wissenschaften auf der Basis von sinnlicher Erfahrung,  Experiment und systematischer Empirie. Es gehe darum, so Bacon, eine “Kampffront gegen das stehende Heer der Vorurteile” zu bilden - und mit “gesundem Sinn” und “gereinigtem Verstand” den “Nutzen für die Größe der Menschheit” zu mehren.

Vier Jahrhunderte später drängt sich die Frage auf, ob der Fluch von Bacons Optimierungsoptimismus für den modernen Menschen nicht viel böser ist als es der Fluch metaphysischer Spekulationen für den spätmittelalterlichen Menschen je war. Immerhin hat der Glaube an die Möglichkeit menschlicher Selbstvervollkommnung zwischenzeitlich nicht nur so unterschiedlich fortschrittspositiv gestimmte Geister wie G.W.F. Hegel, James Watt oder Louis Pasteur hervorgebracht, sondern auch allerlei Faschisten und Kommunisten auf den Plan gerufen, deren Feldlaborversuche zur Verbesserung des Loses der Menschheit bekanntlich gründlich missglückt sind.

Heute wiederum, nach dem Fall der Mauer und dem Vergehen der Sowjetunion, hält sich der zivilisierte Teil der Menschheit im ideologischen Abklingbecken auf, frisch geimpft mit dem kosmopolitischen Geist von Good Governance, Globalization und Green Sustainability - und vertraut auf andere, auf strahlend weiße Fortschrittskonzepte, wie sie etwa liberale Ökonomen, Amazon-Apple-Designer, Genetiker und Reproduktionsmediziner propagieren. In diesen Konzepten ist viel von der Entfesselung kreativer Kräfte die Rede und von der Bildung, Pflege und Vermehrung des  Humankapitals, von den wunderbaren Möglichkeiten des präimplantationstechnischen Feintunings und den Segnungen algorithmischer Assistenzsysteme, die uns kognitiv entlasten, indem sie uns die schöne, neue Konsumwelt unseren Vorlieben gemäß, wie auf dem Tablett servieren.

Diese Konzepte erzählen uns von digital-individuellen, selbstbestimmten, unternehmerischen Café-Latte-Personen, die viel auf ihre Flexibilität halten - und von jungen Arbeitsathleten, für die “die Vereinbarkeit von Familie und Beruf” ein Kinderspiel ist, weil ein Laptop überall da und jederzeit plug-and-play-bereit ist, wo sich der ursprünglich petrischal aufgezüchtete Nachwuchs gerade effektiv frühbildet. 

Das Büro der Zukunft


Heile Welt im Büro? Wohl kaum. Im Großraumbüro geht der Geist zugrunde. Quelle: Fotolia

Das alles klingt cool und duftet nach Freiheit, fürwahr: nach einer lässig durchmischten Zeit, in der Arbeitsstunden zu Freizeitstunden, Kollegen zu Freunden werden. Und natürlich lassen es auch die Unternehmen im “aktiven täglichen Streben nach praktischer Verbesserung der menschlichen Lage” (Auguste Comte, 1844) nicht an Anstrengungen fehlen, die zunehmend rar werdenden Ressourcen (Stichwort Fachkräftemangel) für sich zu gewinnen. Weshalb man sich glücklich schätzen darf, in einem Land zu leben, das dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart eine Heimstatt bietet, wo ein “multidisziplinäres Forscherteam” im “Competence Center Workspace Innovation” an Konzepten zur Optimierung unserer Arbeitswelten feilt. Ein Land toller Arbeitsumfelder könnte sich im internationalen Wettbewerb schließlich mal als Standortvorteil erweisen.

Freilich: Was man sich unter so einem modernen Arbeitsumfeld genau vorzustellen hat, gibt das “Office Innovation Center” in einem knapp vierminütigen Selbstbewerbungsfilm preis, den sich kein garstiger Satiriker besser hätte ausdenken können. “Wie muss die Arbeitsumgebung des Menschen in Zukunft gestaltet sein, damit Kreativität gefördert, Kommunikation angeregt und Konzentration gesteigert wird, um in der Summe die Produktivität eines Unternehmens zu erhöhen?”, fragt eine  metallen klingende Frauenstimme, um sich wenig später selbst die charmantesten Antworten zu geben: Das Büro der Zukunft zeichne sich durch “kollaborative Arbeit in Teambüros”, “räumliche  Flexibilität bei der Arbeitsplatzauswahl”, durch “Bereiche, die zur Kreativität anregen und Inspiration ermöglichen” und durch “Zonen” aus, in denen “Recreation bereitgestellt” wird.

Eine solche “zukunftsweisende Arbeitsumgebung“, weiß man in Stuttgart, trägt “zur Erleichterung der Arbeit bei, steigert die Motivation und erhöht die Performanz eines Unternehmens”. Ins Normaldeutsche übersetzt heißt das: Großraumbüros ohne festen Arbeitsplatz,  aber mit geteilter Chaise-Lounge für den gezielten Geistesblitz und mit Ruhebezirken für den effektiven Fünf-Minuten-Schlaf sind so ziemlich genau das, was sich deutsche Spitzenforscher unter dem “Büro der Zukunft” vorstellen. 

Hat man sich das Video bis zum Ende angesehen, weiß man zunächst einmal gar nicht wohin mit seiner Fassungslosigkeit. Die gleichzeitige Verheiligung des kreativ arbeitenden Individuums und seine totale Degradierung zu einem Kosten- und Produktionsfaktor, zu einer zahlenhaften, vermessbaren, buchhalterischen Größe, machen einen schier sprachlos. Sicher, man weiß seit Karl Marx, dass man als abhängig Beschäftigter in der Optik der Wirtschaft (Marx: des Kapitalisten) ein Produktivfaktor neben anderen ist.

Einzelbüros nur für eingepasste Mitarbeiter


Der Knigge fürs Großraumbüro
"Fenster zu!" Dem einen ist es zu kalt und zugig, dem anderen zu warm und stickig. Einer der Hauptstreitpunkte in Großraumbüros ist die Raumtemperatur. Das bestätigte auch eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Gut ein Viertel der Befragten gab an, dass es um die Temperatur im Büro immer wieder Diskussionen gibt. Da hilft nur, Frostbeulen und Kollegen mit Dauerhitzewallungen in getrennten Räumen unterzubringen. Quelle: dpa
Ein Mann und eine Frau reden in einem Büro Quelle: Rofeld Hempelmann
Meeting Quelle: Kzenon-Fotolia.com
Eine Frau telefoniert Quelle: Hanik - Fotolia.com
Ein Mann mit zugeklebtem Mund Quelle: Mirko Raatz - Fotolia
Eine Frau schreit aus einem Computer heraus Quelle: SnappyStock
Mann an einem Kopierer Quelle: Arne Pastoor - Fotolia

Aber war der Kapitalismus nicht schon lange auf einem guten, kompensatorischen Weg, Marx Lügen zu strafen? Hatte sich das Los der Proletarier nicht stetig verbessert? Waren die meisten Fabrikarbeiter, deren Physis einst brutal ausgebeutet wurde, nicht gleichsam zu den Angestellten empor gewachsen, mit denen sie die gleichen Interessen als Konsumbürger teilten? Gaben sich nicht alle Unternehmer in diesen Breiten längst Mühe, die monotone Arbeit am Fließband zumindest ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten

Nun, offenbar hat sich Bacons Fortschrittsidee irgendwann in den vergangenen 20 Jahren restlos erschöpft, jedenfalls seinen aufs Individuelle gerichteten Fokus verloren. Offenbar zielen heute auch liberale Optimierungsvektoren nicht mehr darauf, dem (einzelnen) Menschen zu nützen, sondern das (kollektive) Los eines abstrakten Teils der Menschheit (vulgo: “der Wirtschaft”) zu verbessern. Anders lässt sich kaum erklären, dass auf der Entproletarisierung der Arbeiterschaft nun die Proletarisierung der Büroarbeit folgen soll. Denn um nichts anderes handelt es sich ja bei der Implementierung von Kollektivarbeitsflächen: um die Standardisierung von Denkprozessen zur Erzielung von Skaleneffekten, um das Heben von Produktivitätsreserven durch das Ausmerzen von Störfaktoren. Anders gesagt: Früher, im Industriekapitalismus, ging die körperliche Gesundheit der Arbeiter vor die Hunde. Heute, im Wissenskapitalismus, dem linierte Fachkompetenz heilig und Bildung ein Gräuel ist, geht der Geist zugrunde.

Oder sagen wir es besser: Der Geist des überwiegenden Teils einer Belegschaft. Denn wir wollen durchaus nicht verschweigen, dass das Fraunhofer-Institut “je nach Arbeitsanforderung” auch das ein oder andere Einzelbüro für geboten hält, in dem “konzentriertes selbständiges Arbeiten” möglich ist. Wir ahnen: Diese Einzelbüros sind exklusiv für besonders funktionelle Mitarbeiter reserviert, die sich dem Firmenchef gegenüber durch den hohen Grad ihrer eingepassten “Persönlichkeit” auszeichnen und den übrigen Mitarbeitern gegenüber eben dadurch, dass sie nicht sich selbst, wohl aber ihnen die  Belegung von “Cubicles” angeraten sein lassen. Es sind Spitzenkräfte, die Subordinierten den  Aufbau gutnachbarschaftlicher Verhältnisse empfehlen und sie beim Herausgehen bitten, doch freundlichst die Türe zu schließen. Es sind Chefs, die viel von den Vorzügen “flacher Hierarchien” halten, solange sie die Funktionstüchtigkeit des Großraumheeres erhöhen - und solange ihre eigene Befehlsgewalt  einen büroräumlich-stattlichen Ausdruck findet.

Denken unerwünscht


Wie Sie Ihre Kollegen auf die Palme treiben
Zeigen Sie, dass Sie sich auch für die geistige Gesundheit Ihrer Mitmenschen interessieren und stellen Sie Ihren Kollegen mysteriöse oder zweideutige Fragen. Notieren Sie ihre Antworten in einem Heft, auf das Sie "Psychologische Profile" geschrieben haben und murmeln Sie dabei "sehr interessant, wirklich äußerst bemerkenswert." Quelle: Fotolia
Pope Benedict XVI Quelle: dpa
Können sich Ihre Kollegen gut konzentrieren oder sind sie zu leicht abzulenken? Testen Sie die Konzentration Ihrer Mitmenschen, in dem Sie laut Zufallszahlen rufen, wenn einer Ihren Kollegen zählt oder etwas ausrechnet. Quelle: Fotolia
actress Natalie Portman, wearing an ensemble styled by Kate Young, arrives at the 83rd Academy Awards in the Hollywood section of Los Angeles. Quelle: dapd
Ein freundlicher Empfang ist alles. Also zeigen Sie den neuen Kollegen oder dem Praktikanten, dass Sie sich für ihn oder sie interessieren. Fragen Sie zu allererst, welches Geschlecht der oder die neue hat. Quelle: Fotolia
Konzentrationsförderung Teil II: Benutzen Sie keine Punkte Kommas Ausrufe- oder Fragezeichen Egal wann oder wem Sie schreiben Besonders anspruchsvoll wird es wenn Sie gelbe Schrift auf weißem Grund benutzen und nur noch in kleinbuchstaben schreiben mal sehen wie gut das leseverständnis ihrer mitmenschen ist
Eine Rolle Toilettenpapier liegt auf einer Herrentoilette Quelle: dpa

Es ist hier nicht der Platz, die vielen Argumente für und wider das Großraumbüro und die Aufgabe fester Arbeitsplätze zu wägen. Im Kern laufen sie alle darauf hinaus, dass sie “in Unternehmen” aus Kostengründen befürwortet und von der Belegschaft aus verschiedenen Gründen (Lärm, Hygiene, Überwachung, Schutz der Privatsphäre) abgelehnt werden. Die Unternehmen argumentieren, dass sich mit “Bruttogeschossflächenreduzierungen” bis zu 20 Prozent der Raumkosten einsparen  ließen. Die Mitarbeiter kontern, dass mit dem Lärm und Enge auch Stress, Unzufriedenheit, Krankheit, kurz: die Kosten steigen. Auf einen Kompromiss läuft so was in der Regel nicht hinaus.

Aber das ist hier auch nicht der Punkt. Der Punkt ist die Unverschämtheit, mit der die “liberale Elite” wochentags das Gegenteil von dem exekutiert, von dem sie sonntags unredlich spricht. Sie redet gern in höchsten Tönen von der “Freiheit des Individuums” - und richtet es im Arbeitsalltag zu einem möglichst monoton schnurrenden Wegarbeiter ab. Nachdenken, Zögern, Zaudern, das alles sind für einen ausgezeichneten Büroproletarier keine Qualitäten, sondern Funktionsstörungen. Es ist gewiss kein Zufall, dass die “cubicle offices” als “trading rooms” besonders von Finanzdienstleistern geschätzt werden: Die Börsen sind heute ja geradezu sprichwörtlich als exklusive Bezirke definiert, in denen die Mitarbeiter auf alles Menschliche (Gefühle) verzichten, um die Optimierung abstrakter Zwecke auf die Profitspitze zu treiben. Muss man also Mitleid mit den Bewohnern geistiger Legebatterien haben, deren einziger Sinn und Zweck darin besteht, statt eines Eis am Tag zwei zu legen - bis endlich irgendwann ein Algorithmus vorbeikommt, der drei legt? 

In Arbeit
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Naja, was heißt Mitleid? Die Freiheit stirbt scheibchenweise, heißt es so schön und das Gute daran ist: Wir merken es nicht. Wir sind dabei, uns den “gesunden Sinn” und den “gereinigten Verstand”, von dem Bacon vor vier Jahrhunderten sprach, mit allerlei technischer Hilfe abzutrainieren und richten uns recht selbtzufrieden in einer hühnerhaften Intellektualität ein - wobei den einen schon ein Käfig reicht und andere auf ihre Freilandhaltung pochen. Immerhin: Wie hühnerhaft wir dabei längst geworden sind, wie wohlig wir es uns eingerichtet haben in einer Arbeitswelt, die uns das Nachdenken über sie erspart - das kann man buchstäblich nachsehen, wenn man sich Jacques Tatis Film “Playtime” aus dem Jahre 1967 aufs iPad streamt.

Die “herrlichen Zeiten”, in denen der Konformismus und die Sterilität der dort dargestellten Arbeitswelten uns noch ein waches, gegen uns selbst gewendetes Lächeln abrang, sind ein für alle Mal vorbei. Damals noch sah Tati normierte Architektur, linierte Flure, rationalisierte Abläufe als etwas Äußerliches an uns herantreten. Heute sind wir schon einen Schritt weiter. Wir haben das Normierte und Linierte verinnerlicht. Und uns dem Großraum geistig glänzend angepasst. Der Fortschritt, lieber Bacon, hat eben viele Gesichter.

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