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Theranos-Skandal „Elisabeth Holmes wollte weiblicher Steve Jobs sein“

Elisabeth Holmes galt lange als das Wunderkind des Silicon Valleys. Quelle: AP

Warum die Mentalität im Silicon Valley Betrugsfälle wie den des Start-ups Theranos begünstigt und welche Rolle die charismatische Gründerin Elisabeth Holmes dabei spielte, berichtet „Wall Street Journal“-Redakteur John Carreyrou in seinem neuen Buch „Bad Blood“.

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Elisabeth Holmes galt lange als das Wunderkind des Silicon Valleys. Mit gerade mal 19 Jahren gründete sie 2003 die Firma Theranos, die Bluttests für zu Hause herstellen sollte. Investoren waren von der Idee begeistert. Mehr als 700 Millionen US-Dollar sammelte das Start-up über mehrere Jahre ein. Die Bewertung des Unternehmens lag zwischen zeitlich bei neun Milliarden US-Dollar. Doch dann kam der Absturz. Eine Recherche des US-Journalisten John Carreyrou aus dem Jahr 2015 entlarvte die Technologie als nicht funktionsfähig. Aus der einstigen Erfolgsgeschichte wurde einer der größten Betrugsfälle, den das Silicon Valley je erlebt hat.

WirtschaftsWoche: Herr Carreyrou, war Elizabeth Holmes eine erfolgreiche Unternehmerin?
John Carreyrou: Sie demonstrierte auf jeden Fall viele Eigenschaften, die erfolgreiche Unternehmer brauchen. Sie war voller Energie, ein Workaholic, hochgradig optimistisch und mehr als alles andere eine fantastische Verkäuferin. Gerade Letzteres ist ausgesprochen wichtig. Als Unternehmerin muss man Menschen mitreißen und davon überzeugen, an einen zu glauben. Darin war sie hervorragend. Aber es gibt eine Grenze zwischen Übertreibungen im Verkaufsgespräch und Lügen, und Elizabeth Holmes hat diese Grenze überschritten. Sie hat nie zugegeben, wenn sie Rückschläge erfuhr, weder vor ihren Investoren, noch vor dem Aufsichtsrat, der Öffentlichkeit oder ihren Patienten. So wurde aus ihren Lügen schließlich eine Lawine – und schlussendlich Betrug.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Theranos von Anfang an mit Problemen zu kämpfen hatte, die Mitarbeitern und Außenstehenden nicht verborgen blieben. Warum dauerte es trotzdem so lange, bis der Schwindel aufflog?
Man darf nicht vergessen, dass der Betrug erst in den späteren Jahren von Theranos das enorme Ausmaß annahm, von dem wir heute sprechen. Zwar gab es auch in den frühen Jahren des Unternehmens unethisches Verhalten, auf das Whistleblower durchaus hingewiesen haben. Aber damals befand sich die Firma noch im Forschungsmodus, das heißt: Die Auswirkungen der Verfehlungen waren überschaubar. Das ändert sich 2013, als Theranos seine Bluttests erstmals in Filialen der Drogeriekette Walgreens in Kalifornien und Arizona anbietet.

John Carreyrou hat an der Duke University studiert und arbeitet seit 1999 als investigativer Journalist beim Wall Street Journal mit Stationen in Brüssel, Paris und New York. 2013 und 2015 hat er den Pulitzer-Preis für seine Wirtschaftsreportagen gewonnen. Carreyrou hat den Theranos-Skandal im Wall Street Journal nach und nach enthüllt und dafür mehrere Journalistenpreise erhalten. Zusammen mit seiner Frau und drei Kindern lebt er in Brooklyn. Quelle: Michael Lionstar

An diesem Punkt überschreitet Elizabeth Holmes eine rote Linie. Sie setzt nicht nur Patienten einer Technik aus, die nicht funktioniert, sondern sie nutzt auch den vermeintlichen Einsatz ihrer Technik, um erneut viel Geld einzuwerben. Von der rund eine Milliarde US-Dollar, die Theranos insgesamt von Kapitalgebern bekommen hat, fließen in den Jahren 2014 und 2015 mehr als 700 Millionen, unter anderen von Rupert Murdoch, der jetzigen US-Bildungsministerin Betsy DeVos oder dem mexikanischen Milliardär Carlos Slim. Während die Investoren aus der Anfangsphase genau wussten, dass sie auf eine 20-jährige College-Abbrecherin mit einer Vision aber ohne funktionierende Technik setzen, glaubten diese späteren Kapitalgeber, dass sie es mit einem funktionierendem System zu tun hatten, das von Behörden und dem Drogerieriesen Walgreens umfassend überprüft worden ist. Das war aber nicht der Fall.

Wie groß ist vor diesem Hintergrund die Verantwortung von Walgreens?
Es ist für mich der verrückteste Teil der Geschichte, dass dieses Fortune-500-Unternehmen seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Sie haben in ihren Filialen eine medizinische Dienstleistung angeboten, ohne zu überprüfen, ob sie funktioniert. Und dass, obwohl ein Berater mehrfach massive Bedenken angemeldet hat. Doch er wurde ignoriert.

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    Wird dieses Versagen in der Öffentlichkeit ausreichend gewürdigt?
    Ich glaube nicht. Zwar wird Walgreens in einem Verfahren als Mitangeklagter geführt, die Öffentlichkeit hat sie aber weitgehend vom Haken gelassen. Das Unternehmen war nicht Teil des Betrugs. Sie wurden auch hinters Licht geführt. Aber was ihnen passiert ist, sollte anderen großen Unternehmen eine Lektion im Umgang mit Start-ups sein: Überprüft, was sie euch erzählen!

    John Carreyrous „Bad Blood - Die wahre Geschichte des größten Betrugs im Silicon Valley“ ist am 01. April 2019 auf deutsch im Spiegel-Verlag (DVA) erschienen. Quelle: Presse

    Hat Ihre Recherche Ihren Blick darauf verändert, wie im Silicon Valley Investitionsentscheidungen getroffen werden?
    Angesichts des Goldrausches im Silicon Valley sind viele Investoren von der Angst geblendet, das nächste große Ding zu verpassen. Jeder will ins nächste Facebook oder Uber investieren – und manchmal werden die Menschen dabei unvorsichtig und schauen nicht mehr genau genug hin. Das ist auch bei Theranos passiert. Das Unternehmen war bereits zehn Jahre alt, als die letzten Investitionsrunden liefen. Nach so viel Zeit muss man sich nicht mehr nur auf den Sales-Pitch des CEO verlassen. Man kann Finanzunterlagen anfordern – und einige Interessierte haben genau das getan. Ich habe mit dem CEO einer großen Bank gesprochen. Er plante, in Theranos zu investieren, wollte aber zunächst die Bücher prüfen. Nachdem Elizabeth Holmes ihn mehrfach hingehalten hatte, entschied er sich gegen das Geschäft und vermied so das Desaster. Andere schauten hingegen nur, wer bereits investiert hatte, sahen große Namen wie Tim Draper und wollten schnell noch einsteigen.

    „Emotionen übermannen im Silicon Valley regelmäßig die Vernunft“

    Macht es dieser Herdentrieb im Silicon Valley Hochstaplern wie Elizabeth Holmes leichter?
    Absolut. In Goldrauschphasen sieht man immer auch Exzesse. Emotionen übermannen dann regelmäßig die Vernunft. Das macht es Betrügern leichter. Hinzu kommt, dass im Silicon Valley heute nicht mehr jeder schnell an die Börse will, da die Unternehmen auch so genug Kapital aufnehmen können. Es fließt so viel Geld in die Bay-Area, dass die Gründer den Investoren ihre Bedingungen diktieren können. Das ist an keinem anderen Ort der Welt und keiner anderen Industrie vergleichbar.

    Hat das Silicon Valley aus dem Fall Theranos etwas gelernt?
    Ich bin mir nicht sicher. Von Venture Capitalists höre ich immer wieder, dass Theranos eigentlich kein gutes Beispiel sei, da die späteren Investoren keine Tech-Experten waren, sondern einfache Milliardäre. Die Player im Valley hielten hingegen Abstand. Das stimmt zum großen Teil, aber es ignoriert, dass die Kultur des Silicon Valley Elizabeth Holmes erst möglich gemacht hat. Der Mythos des jungen Genies, das keine Fehler macht, ist dort fest verankert. Elizabeth Holmes surfte auf dieser Welle. Sie wollte die weibliche Version von Steve Jobs sein. Hinzu kommt, dass im Valley das alte Facebook-Motto „Move Fast And Break Things“ fest verankert ist: Also der Ansatz, Produkte auch dann auf den Markt zu werfen, wenn sie noch nicht ganz fertig sind, um sie dann zu verbessern. Das kann man mit Software durchaus machen. Mit Medizintechnik allerdings nicht. Man kann den Silicon-Valley-Ansatz nicht anwenden, wenn es um Menschenleben geht. Wenn wir das nicht lernen, haben wir noch viele Probleme vor uns.

    Aber braucht es nicht auch manchmal den Steve-Jobs-Ansatz, das Wort „Nein“ nicht zu akzeptieren, um wirklich große Veränderungen zu erreichen?
    Ich habe mit vielen ehemaligen Kollegen von Jobs gesprochen, die mir erzählt haben, dass er Widerspruch durchaus akzeptiert hat. Am Ende war es dann die Mischung aus seiner Leidenschaft und der Rat seines Teams, die Apple groß gemacht hat. Elizabeth Holmes hatte hingegen nie jemanden auf Augenhöhe um sich, der ihr widersprechen konnte und ihr sagte, wenn sie zu weit ging.

    Wie wichtig war ihre Persönlichkeit für den Erfolg von Theranos?
    Sie war von enormer Bedeutung. Holmes war die erste Frau, die in der Liga der großen Silicon-Valley-Legenden mitspielte. Das hatten zuvor nur Männer erreicht. Sie würde die erste weibliche Tech-Milliardärin werden – und sie würde es mit einem Produkt schaffen, dass nicht nur Computer verbessern, sondern Leben retten würde. Diese Komponente machte ihren vermeintlichen Erfolg noch attraktiver. Ihr Ehrgeiz war viel mehr am Fortschritt der Gesellschaft ausgerichtet als eine Smartphone-App, mit der man ein Auto rufen kann. Das hat die Öffentlichkeit stark angesprochen. Man wollte ihre Geschichte glauben.

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      An vermeintlichen Top-Talenten mangelt es im Silicon Valley nicht. Wie hat Holmes sich von ihrer Konkurrenz abgesetzt?
      Sie war die erste weibliche Gründerin, deren Charisma sich mit dem von Steve Jobs und Elon Musk vergleichen ließ. Sie hat viel für ihre öffentliche Wirkung getan. Sie nahm Sprachunterricht, trug nur noch schwarze Rollkragenpullover und schwarze Hosen, senkte ihre Stimme und setzte sich auf Podien breitbeinig und nach vorne gebeugt. Das war alles genau kalkuliert. Und es hat funktioniert.

      Hatten Sie angesichts der einhelligen Begeisterung für Elizabeth Holmes bei Ihren Recherchen jemals die Sorge, dass nicht alle anderen daneben liegen könnten, sondern Sie?
      Nein, denn ich fand sehr schnell heraus, was hinter den Kulissen von Theranos vorging. Ich hatte früh gute Quellen, die meinen ursprünglichen Verdacht erhärteten. Man geht nicht nach einem Jahr von der Universität ab und revolutioniert dann die Wissenschaft. Ich arbeite schon lange an Medizin-Themen und ich weiß, dass man sich die notwendigen Kenntnisse nicht im Keller der Eltern aneignet. Das, zusammen mit meinen Recherchen, hat mich früh überzeugt, dass die Wissenschaft „Full of Shit“ ist.

      Was kommt als nächstes für Elizabeth Holmes?
      Vermutlich im kommenden Jahr wird sie wegen Betrugsvorwürfen vor Gericht stehen. Ich vermute, dass sie ins Gefängnis muss. Im schlimmsten Fall drohen ihr bis zu zwanzig Jahre Haft. Es können aber auch weniger werden.

      Wird sie noch einmal als Unternehmerin arbeiten?
      Wird sie direkt nach dem Gefängnis zurück ins Silicon Valley gehen und ein neues Unternehmen gründen? Darauf würde ich alles setzen. Es gibt wenige Dinge, denen ich mir sicherer bin. Sie ist noch jung, sie hat alle Zeit für einen zweiten Akt. Das hier ist Amerika. Donald Trump ist unser Präsident.

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