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Theranos-Skandal „Elisabeth Holmes wollte weiblicher Steve Jobs sein“

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„Emotionen übermannen im Silicon Valley regelmäßig die Vernunft“

Macht es dieser Herdentrieb im Silicon Valley Hochstaplern wie Elizabeth Holmes leichter?
Absolut. In Goldrauschphasen sieht man immer auch Exzesse. Emotionen übermannen dann regelmäßig die Vernunft. Das macht es Betrügern leichter. Hinzu kommt, dass im Silicon Valley heute nicht mehr jeder schnell an die Börse will, da die Unternehmen auch so genug Kapital aufnehmen können. Es fließt so viel Geld in die Bay-Area, dass die Gründer den Investoren ihre Bedingungen diktieren können. Das ist an keinem anderen Ort der Welt und keiner anderen Industrie vergleichbar.

Hat das Silicon Valley aus dem Fall Theranos etwas gelernt?
Ich bin mir nicht sicher. Von Venture Capitalists höre ich immer wieder, dass Theranos eigentlich kein gutes Beispiel sei, da die späteren Investoren keine Tech-Experten waren, sondern einfache Milliardäre. Die Player im Valley hielten hingegen Abstand. Das stimmt zum großen Teil, aber es ignoriert, dass die Kultur des Silicon Valley Elizabeth Holmes erst möglich gemacht hat. Der Mythos des jungen Genies, das keine Fehler macht, ist dort fest verankert. Elizabeth Holmes surfte auf dieser Welle. Sie wollte die weibliche Version von Steve Jobs sein. Hinzu kommt, dass im Valley das alte Facebook-Motto „Move Fast And Break Things“ fest verankert ist: Also der Ansatz, Produkte auch dann auf den Markt zu werfen, wenn sie noch nicht ganz fertig sind, um sie dann zu verbessern. Das kann man mit Software durchaus machen. Mit Medizintechnik allerdings nicht. Man kann den Silicon-Valley-Ansatz nicht anwenden, wenn es um Menschenleben geht. Wenn wir das nicht lernen, haben wir noch viele Probleme vor uns.

Aber braucht es nicht auch manchmal den Steve-Jobs-Ansatz, das Wort „Nein“ nicht zu akzeptieren, um wirklich große Veränderungen zu erreichen?
Ich habe mit vielen ehemaligen Kollegen von Jobs gesprochen, die mir erzählt haben, dass er Widerspruch durchaus akzeptiert hat. Am Ende war es dann die Mischung aus seiner Leidenschaft und der Rat seines Teams, die Apple groß gemacht hat. Elizabeth Holmes hatte hingegen nie jemanden auf Augenhöhe um sich, der ihr widersprechen konnte und ihr sagte, wenn sie zu weit ging.

Wie wichtig war ihre Persönlichkeit für den Erfolg von Theranos?
Sie war von enormer Bedeutung. Holmes war die erste Frau, die in der Liga der großen Silicon-Valley-Legenden mitspielte. Das hatten zuvor nur Männer erreicht. Sie würde die erste weibliche Tech-Milliardärin werden – und sie würde es mit einem Produkt schaffen, dass nicht nur Computer verbessern, sondern Leben retten würde. Diese Komponente machte ihren vermeintlichen Erfolg noch attraktiver. Ihr Ehrgeiz war viel mehr am Fortschritt der Gesellschaft ausgerichtet als eine Smartphone-App, mit der man ein Auto rufen kann. Das hat die Öffentlichkeit stark angesprochen. Man wollte ihre Geschichte glauben.

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    An vermeintlichen Top-Talenten mangelt es im Silicon Valley nicht. Wie hat Holmes sich von ihrer Konkurrenz abgesetzt?
    Sie war die erste weibliche Gründerin, deren Charisma sich mit dem von Steve Jobs und Elon Musk vergleichen ließ. Sie hat viel für ihre öffentliche Wirkung getan. Sie nahm Sprachunterricht, trug nur noch schwarze Rollkragenpullover und schwarze Hosen, senkte ihre Stimme und setzte sich auf Podien breitbeinig und nach vorne gebeugt. Das war alles genau kalkuliert. Und es hat funktioniert.

    Hatten Sie angesichts der einhelligen Begeisterung für Elizabeth Holmes bei Ihren Recherchen jemals die Sorge, dass nicht alle anderen daneben liegen könnten, sondern Sie?
    Nein, denn ich fand sehr schnell heraus, was hinter den Kulissen von Theranos vorging. Ich hatte früh gute Quellen, die meinen ursprünglichen Verdacht erhärteten. Man geht nicht nach einem Jahr von der Universität ab und revolutioniert dann die Wissenschaft. Ich arbeite schon lange an Medizin-Themen und ich weiß, dass man sich die notwendigen Kenntnisse nicht im Keller der Eltern aneignet. Das, zusammen mit meinen Recherchen, hat mich früh überzeugt, dass die Wissenschaft „Full of Shit“ ist.

    Was kommt als nächstes für Elizabeth Holmes?
    Vermutlich im kommenden Jahr wird sie wegen Betrugsvorwürfen vor Gericht stehen. Ich vermute, dass sie ins Gefängnis muss. Im schlimmsten Fall drohen ihr bis zu zwanzig Jahre Haft. Es können aber auch weniger werden.

    Wird sie noch einmal als Unternehmerin arbeiten?
    Wird sie direkt nach dem Gefängnis zurück ins Silicon Valley gehen und ein neues Unternehmen gründen? Darauf würde ich alles setzen. Es gibt wenige Dinge, denen ich mir sicherer bin. Sie ist noch jung, sie hat alle Zeit für einen zweiten Akt. Das hier ist Amerika. Donald Trump ist unser Präsident.

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