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Übergeswapt
Frauen legen ihr Geld anders an als Männer - und das zahlt sich bislang für die wenigsten von ihnen aus. Quelle: dpa

Eine Quote für Anlagegeschäfte

Die Mehrheit der Frauen hält finanzielle Unabhängigkeit für sehr wichtig. Dennoch scheuen es die meisten, ihr Geld an der Börse anzulegen. Das muss sich ändern – aber wie?

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Nachmittags auf einem beliebigen Spielplatz in Deutschland. Die Kinder buddeln munter im Sand. Ihre Mütter verhandeln in Feierabendlaune die alltäglichen Fragen des Daseins: Welcher Fonds passt zu meiner aktuellen Lebensphase? Wie finanziere ich mir die ersehnte Weltreise? Und welche Finanzphilosophie garantiert einen möglichst sorglosen, sicheren Ruhestand?

Klingt fantastisch? Ist es auch, und zwar leider ziemlich weit von der Realität entfernt. Wenn Frauen alltägliche Fragen verhandeln, sprechen sie über fast alles – aber nicht über das Thema Geldanlage. Dabei sollten sie es dringend tun. Denn Selbstfürsorge beginnt nicht auf einer Yogamatte, sondern im Webtrading-Portal.

Eine gute Nachricht gibt es immerhin: Die meisten Frauen arbeiten mittlerweile, auch Mütter, und verdienen ihr eigenes Geld. Für ihre Rente wird es dennoch nicht reichen. Denn sie bekommen immer noch weniger Gehalt als die männlichen Kollegen – woran am heutigen Equal Pay Day Feministinnen und Journalisten, Politiker und Coaches zwar wieder erinnern, woran sich aber trotzdem nur wenig ändert. Erstaunlicherweise haben die meisten Frauen trotzdem kein Bewusstsein dafür, dass sie ihr erwirtschaftetes Geld erst recht gut anlegen müssen. Emanzipierte finanzielle Eigenständigkeit bedeutet: Ran an die Börse, rein in Aktien oder ETFs, Risiko abwägen und Geld für den späteren Ruhestand anlegen.

Bargeld zurücklegen? Das ist Harakiri!

Interessant ist, dass die große Mehrheit der Frauen finanzielle Unabhängigkeit für sehr wichtig hält. Das hat jüngst auch eine europaweite Umfrage der US-amerikanischen Bank J.P. Morgan ergeben. Fast zwei Drittel halten Finanzbildung für bedeutsam – darin unterscheiden sie sich übrigens nicht von Männern. Sehr wohl aber ziehen Frauen andere Schlüsse daraus: Zwei Drittel halten es laut Umfrage für die beste Idee, Bargeld zurückzulegen oder Sparprodukte zu halten. In Nullzins-Zeiten, die absehbar nicht enden werden, ist das nichts anderes als Harakiri.

Woran liegt dieser Investment-Gap zwischen Männern und Frauen? Und, die noch wichtigere Frage, wie kann man ihn verkleinern? 

Eine Antwort darauf gibt zugleich einen Hinweis auf eine Lösung des Problems: Frauen sind risikoscheuer. Frauen legen daher Wert auf verständliche, sichere und sinnvolle Geldanlagen, die einen ökologischen oder ethischen Mehrwert haben. In der Herangehensweise von Frauen liegt somit eine enorme Chance für Finanzinstitute. Wer es schafft, Frauen als Anlegerinnen zu gewinnen, erhält klug und bedacht eingesetztes Vermögenskapital.

In Deutschland setzt sich diese Erkenntnis nur langsam durch. International aber gibt es zunehmend eigene Finanzprodukte, die nach dem Kriterium der Gleichberechtigung in den jeweiligen Unternehmen zusammengestellt werden. Dieses sogenannte Gender Lens Investing spricht selbstverständlich nicht nur Frauen an, dürfte aber naturgemäß für Frauen besonders interessant sein. 

Und der deutsche Markt? Hier tut sich immerhin etwas auf Seiten der Finanzanlageberater, die Frauen als Zielgruppe entdeckt haben. Start-ups wie FinMarie oder Madame Moneypenny versuchen, Frauen mit passgenauer Beratung zu Investitionen an der Börse ermutigen. Bezogen auf den gesamten Markt der Anlagegeschäfte machen diese Angebote jedoch einen verschwindend geringen Anteil aus. Um dies in großem Stil zu ändern, muss die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ihren gesellschaftspolitischen Auftrag ernst nehmen und endlich handeln.

Zum einen sollte sie die Banken dazu auffordern, eine bestimmte Anzahl an Angeboten für Frauen in ihr Portfolio aufzunehmen. Verhallen diese Appelle, sollte sie ihrer regulatorischen Funktion nachkommen und eine Quote im Produktbereich einführen. Dagegen können Anlageberater dann widerwillig antwittern oder vielleicht sogar Klage einreichen. Schlaue Geldinstitute würden es darauf aber erst gar nicht ankommen lassen. Stattdessen sollten sie die eigenen Mitarbeiter über bestimmte Anreize dazu bringen, mehr Kundinnen für ihre Produkte zu gewinnen. Ein internes Bonussystem in diesem Bereich wäre ein guter Anfang. Selbstverständlich dürfte die BaFin diese Anreize wiederum nicht verbieten.

Zum anderen sollte die Finanzaufsicht als Verbraucherinstanz neben bereits bestehenden Informationsangeboten spezielle Aufklärung für Frauen leisten. Sie erreicht man offensichtlich mit einer anderen Ansprache als männliche Investoren. Was ja nicht weiter tragisch ist – man muss die Erkenntnis nur umsetzen. Zur Not klebt zukünftig eben ein Schnuller auf dem Aktienpaket

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