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Unfaire Entlassungen Der Zorn der Übriggebliebenen

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Faires Verhalten des Arbeitgebers ist betriebswirtschaftlich sinnvoll

In der aktuellen Studie wollte Heinz aber nicht diese direkten Auswirkungen untersuchen, sondern beobachten, wie sich eine Entlassung indirekt auf die verbliebenen Mitarbeiter auswirkt. Dazu wurde er für acht Wochen selbst zum Arbeitgeber. Für diese Zeit mieteten er und seine Kollegen ein komplettes Callcenter-Büro. Hier sollten rund 200 Menschen in jeweils zwei Schichten à dreieinhalb Stunden eine Telefonumfrage zum Thema "Flüchtlinge und Ehrenamt" machen.

Rekrutiert wurden die Arbeiter im Internet, über Flyer und auf der Straße. Der Großteil waren Studenten, es waren aber auch Arbeitslose und Rentner darunter. Wichtig für Heinz und seine Kollegen war: Fast keiner der Teilnehmer ahnte, dass das Callcenter eigentlich ein großes Labor war. Nur so konnten die Forscher davon ausgehen, dass das Ergebnis auch der Realität in Unternehmen nahe kommt.

Die erste ihrer Schichten arbeiteten alle Probanden ganz normal. Vor der zweiten Schicht teilten sie die Forscher in drei Gruppen auf. Eine Kontrollgruppe arbeitete ohne Veränderung weiter. Ein Fünftel der Teilnehmer aus den beiden anderen Gruppen wurde bereits Tage vorher informiert, dass ihre Dienste am zweiten Tag nicht mehr benötigt würden.

Weil dies für Ökonomen keine ganz alltägliche Forschungsweise ist und Heinz die möglichen negativen Folgen einer Kündigung so genau kennt, ließ er den Versuchsaufbau von einer Ethikkommission prüfen. So entstand die Auflage, die Entlassung nicht zu negativ zu gestalten. "Wir waren sehr nett. Die Leute haben uns das größtenteils nicht übel genommen", sagt Matthias Heinz.

Die Kollegen der Entlassenen waren das eigentliche Forschungsobjekt für Heinz’ Forschungsteam. Ein Teil dieser verbliebenen Arbeiter wurde vor Schichtbeginn nüchtern informiert, dass die Belegschaft an diesem Tag um 20 Prozent kleiner war. Der andere Teil bekam die bewusst "asoziale" Nachricht, dass aus Kostengründen zufällig ausgewählten Kollegen gekündigt wurde.

Die Forscher verglichen dann die Arbeitsleistung und -qualität zwischen erster und zweiter Schicht. Das klare Ergebnis: Diejenigen, deren Kollegen unfair behandelt wurden, machten zwölf Prozent weniger Anrufe. "Das ist ein sehr großer Effekt, äquivalent zu einer Lohnkürzung", sagt Heinz. "Das heißt, indirektes unfaires Verhalten schadet der Produktivität im Unternehmen in etwa so sehr, wie direktes unfaires Verhalten." Dazu kommt: Auch die Qualität der Arbeit nahm ab. Mündeten in der ersten Schicht noch 20 Prozent der Anrufe in einem erfolgreichen Gespräch, waren es in der zweiten nur noch 15 Prozent.

In einer Umfrage ein paar Wochen nach dem eigentlichen Experiment offenbarten die Forscher den Teilnehmern, dass sie Teil eines Versuchs waren. Sie sollten dann schildern, wie sie sich bei der Arbeit gefühlt hatten. Mit den persönlichen Arbeitsbedingungen waren alle zufrieden.

Aber: Die Gruppe, deren Kollegen ungerecht behandelt wurden, waren darüber sehr unzufrieden. Ein klares Indiz dafür, dass die Produktivitätsverluste größtenteils aus dem Zorn der Übriggebliebenen resultierten.

In einem echten Unternehmen könnten nach als unfair wahrgenommen Kündigungswellen also Umsätze sinken und Beschwerdezahlen steigen – und so das genaue Gegenteil des ökonomischen Kalküls der Firmen bewirken. Der Kölner Professor Matthias Heinz sieht darin aber eine gute Nachricht. "Die negative Reaktion der Mitarbeiter, die noch im Unternehmen sind, schützt die Entlassenen vor zu harten Maßnahmen", so Heinz. Denn um die negativen Effekte zu vermeiden, bemühten sich Arbeitgeber um einen sozialverträglichen Stellenabbau.

So könnte es auch im Fall von Siemens geschehen. Während Am Montag Personalvorständin Janina Kugel mit Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries diskutierte, versammelten sich vor dem Ministerium etwa 200 Siemens-Mitarbeiter zum Demonstrieren. Arbeitskampffähig sei man, so hieß es dort. Für den Fall, dass der Konzern hartnäckig bei seinen Plänen bleiben sollte, könnte es also unter Umständen zu teuren Streiks kommen. Personalchefin Kugel gab sich dann auch gleich konziliant. Die 6900 Stellen gäben den aktuellen Planungsstand wieder – darüber werde mit Arbeitnehmervertretern noch zu diskutieren sein.

Auch wenn es für die Siemens-Angestellten wenig mehr als ein wager Hoffnungsschimmer ist: Die dunkle Seite der schöpferischen Zerstörung lässt das wenigstens ein bisschen heller erscheinen.

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