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Unternehmerhaftung Manager am Pranger

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Gegenläufige Interessen bei Aufsichtsrat und Vorstand

Gerhard Cromme Quelle: REUTERS

Die Folge: Kein Richter, kein Anbieter einer kostspieligen Manager-Haftpflichtversicherung, kein Anlegeranwalt oder Insolvenzverwalter soll auf die Idee kommen, ein Manager sei untätig geblieben.

Grundlage dieser Entwicklung, die durch die Finanzkrise weiter Fahrt aufgenommen hat, ist ein Urteil des Bundesgerichtshofs. Darin wird der Aufsichtsrat des Rechtsschutzversicherers Arag bezichtigt, fahrlässig gegen das Wohl des Unternehmens verstoßen zu haben. Der Grund: Die Kontrolleure hätten tatenlos dabei zugeschaut, wie der Vorstand das Unternehmen geschädigt habe. Ein Urteil, das klarmachte, dass Aufsichtsrat und Vorstand eben nicht auf derselben Seite stehen. Der eine kontrolliert, der andere leitet – was im Schadensfall bedeutet, dass sie auch gegenläufige Interessen verfolgen.

Weil sie befürchteten, von Managerkollegen vor den Kadi gezogen zu werden, hielten sich viele Manager und Kontrolleure nach dem Arag-Urteil zunächst mit Gerichtsverfahren gegen die eigene Kaste zurück. Seit der Säuberungsaktion im Siemens-Korruptionsskandal hat die Beißhemmung in der Managerkaste deutlich nachgelassen: 2008 hatte Siemens-Aufsichtsratschef Cromme dem langjährigen Konzern-CEO und späteren Chefkontrolleur Heinrich v. Pierer, neun Vorstandsmitgliedern sowie dem stellvertretenden Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann per Gutachten der Kanzlei Hengeler Mueller massive Pflichtverstöße attestieren lassen und gleichzeitig sich selbst aus der Schusslinie gebracht. Die Vorwürfe wurden gerichtlich nie erwiesen.

Management by Gutachten

Dennoch ließen sich bis auf Ex-Siemens-Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger die betroffenen Manager auf Vergleichszahlungen aus ihrem privaten Vermögen ein und verließen das Unternehmen. Cromme jedoch, der schon zu Zeiten der schwarzen Kassen bei Siemens als normales Aufsichtsratsmitglied im Prüfungsausschuss des Kontrollgremiums gesessen hatte, manifestierte seine Macht als Chefaufräumer. Die Fähigkeit, im richtigen Moment per Management by Gutachten die Aufmerksamkeit von sich abzulenken und andere in die Schusslinie zu bringen, ist seither überlebenswichtig geworden.

„Bei Verdacht auf Korruption oder Kartellrechtsverstößen trennten sich die Unternehmen früher von den Managern aus der zweiten oder dritten Führungsebene. Die Nummer eins jedoch schützte man und zahlte ihm auch den teuren Strafverteidiger“, sagt Franz-Josef Schillo, Strafrechtler der Kanzlei Noerr. „Heute dagegen herrscht auch auf der Top-Etage immer öfter Null-Toleranz. Die Unternehmen opfern jetzt auch den Mann an der Spitze und kooperieren mit der Staatsanwaltschaft.“

Deutschlands heimliche Herrscher
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Manfred Schneider Quelle: Picture-Alliance/dpa

Was auf den ersten Blick nach einem neuen Bemühen um Transparenz und gute Unternehmensführung aussieht, ist in den meisten Fällen doch nicht mehr als eine verlogene Selbstreinigungsshow. Denn um die eigene Glaubwürdigkeit und das gute Image des Unternehmens wieder herzustellen, stilisiert sich der Aufsichtsrat selbst zum Opfer, das hintergangen wurde. Erklärt sich zum Geschädigten und verfolgt den eigenen Vorstand mit juristischer Schützenhilfe. Die vornehmliche Funktion des bestellten Gutachters: das verlorene Vertrauen in die Spitze des Unternehmens wiederherzustellen und staatliche Ermittlungen obsolet zu machen, um Imageschäden, aber auch Geld- und Haftstrafen zu vermeiden.

Für das Schreiben der Gutachten engagiert man Anwälte der namhaftesten Adressen – in der Branche auch Mietmäuler genannt – und serviert diese als Schutzschild der Presse. Ganz so, als seien sie unabhängige Rechtsgelehrte und keine Dienstleister, die auf Stundenhonorarbasis für sie arbeiten. Sie legen Argumentationsketten zurecht, die mit dem Anspruch richterlicher Urteile daherkommen und Mitarbeiter, Aktionäre und Journalisten von kritischen Nachfragen abhalten sollen. Dass das Unternehmen die Anwälte als Gutachter bezahlt und die Annahmen und Ermittlungen dieser Autoren womöglich nicht fair und unvoreingenommen sind, fällt erst mal nicht auf. Und erstickt gleichzeitig im Keim mögliche Prozesse, die Anlegeranwälten oder Kartellbehörden Argumente für Millionenklagen oder Bußgeldbescheide liefern könnten.

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