WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Unternehmerhaftung Manager am Pranger

Seite 4/5

Vorformulierte Gutachten

Talanx-Logo Quelle: dapd

Die Folge: Statt Forderungen gegen das eigene Top-Management an die große Glocke zu hängen, versuchen Unternehmen, sich im Stillen zu einigen – und dem in Ungnade gefallenen Kollegen die drohende Zivilklage auf Schadensersatz mit Verzicht auf Versorgungsansprüche nach dem Ausscheiden zu ersparen. Die meisten Kanzleien, heißt es in der Branche, seien auf diese Kungelei vorbereitet – mit entsprechend vorformulierten Gutachten.

„Statt zum Wohle des Unternehmens zu handeln, werfen Vorstände und Aufsichtsräte das Geld der Aktionäre aus dem Fenster, nur um sich selbst abzusichern“, sagt Frank Romeike, Experte für Risikomanagement aus München. „Diese bezahlten Kanzleigutachten sind nicht mehr als PR-Tricks.“

"Aus Sicht der Aktionäre sind Gutachten oft nur rausgeworfenes Geld"

Wie man sich mithilfe solcher Gutachten aus der Schusslinie ziehen kann, zeigt das Beispiel Talanx/Gerling. Vor gut drei Jahren war der Versicherer in die Offensive gegangen und gestand vor der versammelten Presse ein, dass er 2004 über einen Zeitraum von zehn Tagen die Verbindungsdaten von Telefonaten und E-Mails seiner Mitarbeiter ausgewertet hatte. Noch bevor sich eventuelle Kritiker dieser Praxis zu Wort melden konnten, zog die Unternehmensspitze ein Gutachten der renommierten Kanzlei Hengeler Mueller aus dem Ärmel. Fazit: Natürlich habe es sich um eine Bespitzelungsaktion gehandelt, doch die sei in Ordnung gewesen.

Mehr noch: Fusionspartner Gerling habe herausfinden wollen und müssen, wo das Leck im eigenen Hause zur Redaktion eines Wirtschaftsmagazins lag. Betriebsinterna vom strauchelnden Versicherer Gerling waren unter der Hand an die Journalisten weitergegeben worden. Dieses Leck zu stopfen sei ihre Rechtspflicht gewesen. Schließlich seien Insiderinformationen von börsennotierten Gesellschaften „pures Gold wert“, und man müsse die Anleger schützen – zur Not eben per Spitzelei.

„Tatsächlich dienen neun von zehn Gutachten nur dazu, das Haftungsrisiko des Aufsichtsrats oder des Vorstands zu begrenzen“, sagt Ulrich Tödtmann, Partner der Kanzlei Eimer Heuschmid Mehle in Bonn und Honorarprofessor an der Uni Mannheim. „Aus Sicht der Aktionäre sind sie oft nur rausgeworfenes Geld. Unterm Strich liegt es aber auch in ihrem Interesse, wenn die Gesellschaft nicht mit kostspieligen Schadensersatzklagen belastet wird.“

Tyrannosaurus Boss
Der Milchbaron Theo Müller ist als streitbarer Sturkopf bekannt. Bis er kürzlich Heiner Kamps in die Gruppe holte, duldete er lange kaum andere Manager lange in wichtigen Positionen. Seine Söhne spürten den dominanten Patron ebenfalls. "Taucht der Vater auf, werden die Söhne zu Zwergen", erklärte einmal ein Ex-Mitarbeiter. Auch bei der Sanierung ist er wenig zimperlich. Als er 2004 den Ratiopharm-Manager Klaus Rättig holte um einen Großteil der Arbeitsplätze in der Verwaltung einzusparen, soll Müller gefordert haben: "Es muss Blut fließen." Wirklich wütend wird der "Polterpatriarch", wie ihn das „Manager Magazin“ betitelte aber wenn es um Greenpeace geht. Die Aktivisten führten eine Kampagne gegen "Genmilch" von Müller, der beglückwünschte seine Werksschützer dafür, dass sie Greenpeace-Aktivisten mit einem Feuerwehrschlauch vertrieben. Bei einer anderen Protestaktion lief er selbst mit vors Werktor und soll persönlich in Handgreiflichkeiten verwickelt gewesen sein, bei dem Fotografen verletzt und ihre Ausrüstung beschädigt wurden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg wegen des Verdachts der Körperverletzung wurden gegen Zahlung von 45.000 Euro an karitative Einrichtungen eingestellt. Quelle: dpa
Da sie oft allein in den Filialen schuften mussten, waren Kassiererinnen bei Anton Schlecker lange ein bevorzugtes Opfer von Überfällen. Auch die Bezahlung sorgte immer wieder für Ärger: Schlecker feuerte Mitarbeiter, um sie über eine hauseigene Zeitarbeitsfirma wieder einzustellen. Verdi bezeichnete Schlecker als "Tyrann mit frühkapitalistischen Allüren" und selbst die damalige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sprach vom "Wilden Westen". 1998 wurde Schlecker gar zu einer Bewährungsstrafe und umgerechnet zwei Millionen Euro verurteilt, da er einer Mitarbeitern vorgemacht hatte, er würde sie nach Tarif bezahlen. Quelle: dpa
Wolfgang Grupp ist einerseits ein deutscher Vorzeigeunternehmer, der seit Jahren mit seinem Affen im Fernsehen für die hierzulande genähten Trigema-Klamotten wirbt. Gern wettert er auch in Talkshows gegen Größenwahn und Misswirtschaft in globalen Großkonzernen. Doch Grupp gilt auch als Egomane. Der "König von Burladingen" residiert in einer riesigen Villa mit Butler, Privatkapelle und einem protzigen Mausoleum. Im Umgang mit seinem Mitarbeiter pflegt der Patriarch einen eigenen Stil. Als "fürsorglichen Imperator" bezeichnet ihn sein Biograf Erik Lindner. "Vor jeder Näherin muss immer Ware liegen, damit's vorangeht. Wenn da wenig liegt, wird geschwätzt", erklärt Grupp in einer SWR-Doku die Notwendigkeit von Druck im Unternehmen. Quelle: dpa
Beispielhaft auch eine Episode über den Umgang mit Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Für den streitsüchtigen Fabrikanten ein Anlass, ins Grundsätzliche zu gehen. Als eine Aussiedlerin Ende der Neunziger Jahre kurz nach ihrer Einstellung eine zweiwöchige Krankmeldung einreichte, erhielt sie sofort die Kündigung. Daraufhin kehrte die Frau am nächsten Tag trotz eines ärztlichen Attests an die Maschine zurück, entschuldigte sich schriftlich und bat den Trigema-Chef persönlich um eine zweite Chance. Der aber legte sich lieber mit den Doctores an. "Ich habe schon immer behauptet, daß sinnlos krankschreibende Ärzte mitverantwortlich sind für unsere 4,5 Millionen Arbeitslosen und für die Diskriminierung des deutschen Arbeitsplatze", schrieb er an die Ärzte der Näherin. "Um eine korrekte Entscheidung zu treffen, müsste ich zuerst von Ihnen erfahren, wieso Sie zu dieser langen Krankschreibung kommen." Grupp erhielt keine Antwort, die Aussiedlerin keine zweite Chance; sie könne ihren Ärzten sagen, ließ er die Frau wissen, daß "sie verantwortlich dafür sind, daß Sie Ihren Arbeitsplatz auf Probe verloren haben". Quelle: dpa
Der Apple-Gründer Steve Jobs war so geliebt wie gefürchtet. Als "bezaubernden Tyrann" bezeichnete Ex-Mitstreiter Andy Hertzfeld Jobs einmal. Ein Wort des "iGod" konnte die Arbeit von Monaten zunichte machen und so schnell wie Mitarbeiter in seiner besonderen Gunst standen, wurde sie Ihnen auch wieder entzogen. Der Führungsstil war eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Seine Mails um Mitternacht waren gefürchtet und Mitarbeiter wurden auch mitten in Besprechungen gefeuert oder vor versammelter Mannschaft gedemütigt. "Einen schönen Kuchen hast du da gebacken. Aber als Glasur hast du Hundescheisse genommen", erklärte er dann beispielsweise, wie Alan Deutschman in einem Buch über Jobs schreibt. Quelle: dpa
Der langjährige General-Electric-Boss Jack Welch wurde danach auch zum anerkannten Management-Experten. Doch viele ehemalige Angestellte sind weniger gut auf Welch zu sprechen. Immerhin stammt von ihm die sogenannte 20-70-10-Regel, die er auch praktizierte: Die besten 20 Prozent der Mitarbeiter gehören mit Boni belohnt, die mittleren 70 Prozent gefördert, die schlechtesten zehn Prozent gefeuert. "Minderleister vergiften das Klima", lautet ein beliebter Welch-Spruch. Quelle: rtr

Völlig ohne Risiko ist die zunehmende Gutachteritis für die Manager und ihre Kontrolleure indes auch nicht. Wer bei der Beauftragung von Gutachten allzu großzügig mit fremdem Geld umgeht, weil er sich persönlich absichern will, könnte sich in Zukunft allein deshalb schon den Vorwurf gefallen lassen müssen, gegen das Wohl des Unternehmens verstoßen zu haben. „Es ist ein Skandal, dass die Aktionäre die Kosten für die juristischen Sonderprüfungen von Cromme & Co. tragen müssen, aber noch nicht einmal das Recht haben, Einblick in die Gutachten zu nehmen“, moniert Markus Dufner, Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionäre in Köln. Auch weil die Anwälte ihre Gutachten regelmäßig mit einschränkenden Formulierungen bestücken, um ihr eigenes Haftungsrisiko zu minimieren. So lässt sich ihr Wert von außen kaum beurteilen. Kein Wunder, dass die Kritik an den gutachterlichen Absicherungstaktiken wächst.

So weckte beispielsweise der Vergleichsvorschlag über 812 Millionen Euro zwischen der Deutschen Bank und den Erben des Medienmoguls Leo Kirch anscheinend schlafende Hunde. Auch wenn Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann den zehn Jahre währenden Rechtsstreit mit der Kirch Gruppe vor seinem Ausscheiden aus der Bank gern vom Tisch gehabt hätte angesichts der rund 40 Gerichtsverfahren und vielen Millionen Euro, die die Deutsche Bank für Anwälte und Gutachter in der Sache bereits investiert hatte, empörten sich Aktionärsschützer wie Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), warum die Bank einen Vergleich mit Kirch nicht schon früher ausgehandelt hätte.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%