Verantwortung von Unternehmen Wer einmal mit einer Lüge durchkommt, lügt wieder

VW hat derzeit viel zu erklären. Bei der Suche nach dem Schuldigen zeigt jedoch jeder auf den anderen. Das ist einerseits menschlich. Aber: Kommt ein Unternehmen damit durch, wird so etwas immer wieder vorkommen.

Volkswagen US-Chef Michael Horn vor dem Kongress: Wie glaubhaft waren seine Aussagen? Quelle: AP

Michael Horn hebt die rechte Hand und schwört, „die Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ zu sagen. Ab jetzt steht Volkswagens US-Chef unter Eid. Der Abgas-Skandal hat den 53-Jährigen zu einem Top-Manager im Büßergewand gemacht. „Im Namen unseres ganzen Unternehmens und meiner Kollegen in Deutschland möchte ich eine aufrichtige Entschuldigung anbieten“, sagt Horn, bevor er in Washington ins Kreuzverhör der Abgeordneten genommen wird.

Die Empörung in den USA über die Dreistigkeit von VW ist groß und der Ruf nach drastischen Strafen laut. „VW wird einen hohen Preis für dieses dreckige kleine Geheimnis bezahlen“, sagt der republikanische Abgeordnete Fred Upton. Die Politiker im Kongressausschuss beklagen mangelnde Aufklärung. „Wir wissen einige Dinge, aber wir wissen nicht genug“, sagt die Demokratin Dianna DeGette. „Wir müssen klären, wer verantwortlich ist.“

Zentrale Personalentscheidungen bei VW

Wirtschaftlich denkende Unternehmen und ihre moralische Verantwortung – zwei Dinge, die oft nicht wirklich zueinander passen. Mit moralischer Denkweise hätten die VW-Techniker wohl nie die betrügerische Software entwickelt. Lässt man die Moral beiseite, war der illegale Software-Kniff die naheliegendste Möglichkeit, die Schadstoff-Anforderungen mit den Kostenvorgaben zu vereinen. Der Gedanke war dann offenbar wohl doch zu verführerisch.

Horn weist Mitschuld von sich

Schenkt man zahlreichen Medienberichten Glauben, warnten Ingenieure bereits 2011 intern vor dem massenhaft laufenden Betrug. Unternommen hat Volkswagen nichts, bis die Motorengeneration, die zum Teil schon als „Höllenmaschine EA 189“ bezeichnet wird, zwei Jahre später turnusmäßig aussortiert wurde. Auch als US-Chef Horn nach eigener Aussage vor dem Kongress bereits im Frühjahr 2014 von Unregelmäßigkeiten bei den Emissionstests erfuhr, blieben öffentliche Aktionen des Autobauers aus. Horn will erst am 3. September 2015 über das „Defeat Device“, also die Manipulations-Software, informiert worden sein.

Eine Mitschuld wies er weit von sich: Er habe von nichts gewusst, die Schuld liege in Wolfsburg. Konkret: bei einigen Ingenieuren, die auf eigene Faust beschlossen haben, die Software zum Austricksen der Abgas-Tests einzubauen. Jedenfalls sei das keine Unternehmensentscheidung gewesen: „Es hat kein Vorstandstreffen gegeben, auf dem das beschlossen wurde“, sagte Horn vor dem Kongress. Und das ist nur schwer vorstellbar. Entsprechend schwer taten sich auch die Kongressabgeordneten mit der Version, dass die Angestellten hinter dem Rücken der Führungsriege Millionen Autos manipuliert haben. Vor allem das Motiv ist fragwürdig. So sagte auch der Republikaner Chris Collins, dass er nicht glauben können, dass es sich bei Dieselgate um „das Werk einiger verbrecherischer Ingenieure“ handele.

Sollte Volkswagen mit dieser Antwort allerdings durchkommen, wird der nächste Skandal nur eine Frage der Zeit sein, wie eine Studie der Londoner Cass Business School zusammen mit der finnischen Aalto-Universität beweist. Dort heißt es, dass Unternehmen, die einen Fehler erfolgreich verharmlosen, diesen Fehler wiederholen werden. „Uns ist aufgefallen, dass viele in große Skandale verwickelte Unternehmen – oder ihre Wettbewerber – letztlich Jahre später die gleichen Fehler wieder begehen“, sagt Sébastien Mena, Mitautor von „On the Forgetting of Corporate Irresponsibility“.

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