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Verwundbarkeit Trauen Sie sich, Schwäche zu zeigen

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Unsere Schwächen machen uns echt

Die verbindende Macht des Makels. „Langfristig mit sich und der Welt im Reinen sein kann man nur, wenn man lernt, es kurzfristig überhaupt nicht zu sein“, sagt Brown rückblickend über ihren Seelen-Striptease. Dort oben zu stehen und den Panzer abzulegen war in diesem Moment schrecklich. Doch langfristig hat Brown dadurch gelernt, dass ihr Forschungsthema viel mehr Menschen berührt, als sie sich das jemals hätte träumen lassen. Und dass die Scham, die sie nach dem Auftritt verspürte, völlig unbegründet war. Statt Ablehnung bekam sie durch ihre Offenheit millionenfach geteilte Sympathie und Bewunderung.

Wer Schwäche zeigt, dem wird vertraut

Paula Niedenthal, Professorin für Psychologie an der Universität von Wisconsin-Madison, nennt diesen Prozess „Echo“. Erst die Schwäche mache unsere Beziehungen echt, glaubt sie. Jemand, der uns anlächelt, bekommt ein Gegenlächeln. Einem Chef, der seine emotionale Deckung verlässt, vertrauen die Mitarbeiter eher. Als sich etwa abzeichnete, dass Hillary Clinton die US-Wahl nicht gewinnen würde und sie deshalb ihren Auftritt auf der Party der Demokraten absagte, machten sich nur wenige darüber lustig. Ganz im Gegenteil: Die meisten konnten Clintons Scham über die verlorene Wahl nur allzu gut nachvollziehen. Auf einmal wirkte die oft kühle Clinton viel menschlicher und sympathischer.

Diesen Effekt bestätigt auch die Wissenschaft. „Die größte Stärke ist, Schwäche zu zeigen und nach Schwächen zu fragen“, sagt etwa Psychiater Manfred Lütz.

So vermeiden Sie Perfektionismus
1. Behalten Sie das große Ganze im Auge.Viele Perfektionisten verzetteln sich in vermeintlich wichtigen Details. Effekt: Das Projekt dauert länger, als es sollte, wird deshalb meist auch teurer als geplant, und die Sache wächst den Betroffenen schließlich über den Kopf. Konzentrieren Sie sich lieber vorrangig auf jene Punkte, die wirklich erfolgsentscheidend sind. Quelle: Fotolia
2. Analysieren Sie weniger.Man kann Probleme durchaus überanalysieren. Auch das ist eine Form von Detailversessenheit. Oder von Aufschieberitis: Aus Angst, loslegen zu müssen und dann womöglich Fehler zu machen, wird immer weiter bedacht, geplant, diskutiert. Nichts gegen gute Planung, aber betrügen Sie sich dabei nicht selbst! Quelle: Fotolia
3. Seien Sie gnädig mit sich selbst.Hören Sie auf, sich selbst zu zerfleischen, wenn etwas mal nicht geklappt hat wie erhofft. Laborieren Sie nicht an dem, was Sie eh nicht können, sondern stärken Sie Ihre Stärken. Chronische Selbstzweifel ziehen runter und machen Sie mit jedem Mal unsicherer. Quelle: Fotolia
4. Vergleichen Sie sich nicht mit anderen.Jeder kann etwas – und manche eben etwas mehr als andere. Talente sind nun mal ungleich verteilt. Ihre Aufgabe ist aber nicht, für Gerechtigkeit zu sorgen, sondern das Beste aus Ihren eigenen Begabungen zu machen. Quelle: Fotolia
5. Setzen Sie realistische Erwartungen.Kein Mensch wird von Ihnen Wunder erwarten. Es reicht, dass Sie versuchen, Ihre Sache gut zu machen. Oft genügen bereits 80 Prozent vom Optimum, um sein Ziel zu erreichen. Quelle: Fotolia
6. Rechnen Sie damit, Fehler zu machen.Kein Mensch ist unfehlbar. Und das ist sogar gut so: Aus unseren Fehlern lernen wir in aller Regel mehr als aus unseren Erfolgen. Sehen Sie diese also nicht als Feind an, sondern als Chance, über sich hinauszuwachsen. Oder gar auf diesem Weg unverhofft zu einem globalen Durchbruch zu gelangen. Sie erinnern sich: Auch Post-it-Klebezettel, Penicillin oder Viagra verdanken ihre Entdeckung Fehlern, Schlampereien und Mängeln. Quelle: Fotolia
7. Bitten Sie um Hilfe.Keiner kann alles alleine schaffen. Es ist sogar eher ein Zeichen von Größe, seine eigenen Schwächen zu kennen und an eben jenen Punkten um Hilfe zu bitten, um den Nachteil durch einen wahren Experten auszugleichen. Quelle: Fotolia

Im beruflichen Umfeld heißt das: Sprechen Sie den Kollegen an, der im Morgenmeeting nach einem Ihrer Beiträge mit den Augen gerollt hat. Vielleicht hat er einfach zu wenig geschlafen, vielleicht erwartet sie aber auch Kritik. Trauen sollten Sie sich trotzdem, denn zum einen wissen Sie nun Bescheid, und zum anderen können Sie aus dem Feedback vielleicht sogar lernen.

Ebenso gehört dazu, bei einer Rede Nervosität zu gestehen. „Das nimmt sofort für die vortragende Person ein“, so TED-Chef Chris Anderson. In seinem Buch „TED Talks – Die Kunst der öffentlichen Rede“ schreibt er, dass es kaum eine bessere Möglichkeit gibt, das Publikum zu entwaffnen, als wie ein Cowboy in den Vortragssalon zu marschieren, den Mantel zu öffnen und zu zeigen, dass kein Revolver im Colt steckt. „In dem Moment sind alle entspannt“, so Anderson.

Zu diesem Schluss kommt auch der amerikanische Bestsellerautor Timothy Ferriss in seinem Buch „Tools of Titans“. Darin beschäftigt er sich mit den Taktiken herausragender Persönlichkeiten. Sein Resümee: Allen Großgeistern gemein ist die Fähigkeit, ihre Schwächen in einen Wettbewerbsvorteil umzumünzen. Als Beispiel führt Ferriss etwa Arnold Schwarzenegger ins Feld, Bodybuilder, Schauspieler, Immobilienmakler, Gouvernator. Auf dem Weg von der Steiermark hinauf zur Gipfelspitze seiner Karriere hat „Arnie“ nie einen Hehl aus seinen Macken gemacht. Ulkiger Zungenschlag, einfache Herkunft, zu viele Muskeln. Aber gerade deshalb hat jeder ihn, ob beeindruckt oder belustigt, als echt wahrgenommen. „Erfolg beruht nicht darauf, keinen Makel zu haben. Er kommt dadurch zustande, persönliche Stärken zu identifizieren und Gewohnheiten drumherum zu kreieren“, so Ferriss.

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