Vielfalt in Unternehmen Deutschland ist Diversity-Entwicklungsland

Diversity wird immer wichtiger am Arbeitsplatz. Die Vielfalt innerhalb der Belegschaft hat außerdem positive Auswirkungen auf die Mitarbeiter. Nur den deutschen Unternehmen ist das offenbar egal.

Warum sich Vielfalt in Unternehmen lohnt
Absolventen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität werfen ihre Barette in die Luft. Quelle: dpa
Kinder werfen einen Globus in die Luft Quelle: REUTERS
Riesige Glühbirne mit dem Schriftzug "Solution unlimited" Quelle: REUTERS
eine junge Audi-Mitarbeiterin steht vor einem Audi Quelle: obs
"Dankbar für Vielfalt" steht auf einem Plakat, das Teilnehmer der Kundgebung von "Bündnis Nazifrei" auf dem Schlossplatz in Dresden (Sachsen) tragen. Quelle: dpa
Eine Hand hält fächerförmig eine größere Anzahl Fünfig-Euro-Banknoten Quelle: dpa
Menschen verschiedenen Alters und Hautfarbe unterhalten sich Quelle: Fotolia

Vielfalt, das zeigt eine aktuelle Diversity-Studie von Page Group, ist für deutsche Unternehmen mehr als nur Balsam für die Unternehmerseele. „Diversity stärkt nicht nur die Unternehmenskultur, sondern treibt auch Arbeitsprozesse voran“, erklärt Goran Barić, Deutschland-Geschäftsführer Personalberatung. „Das ist insofern erstaunlich, weil die positiven Auswirkungen schon klar zu erkennen sind, obwohl der Begriff Diversity in Deutschland noch sehr unklar definiert ist.“

Wer hätte das gedacht – in Deutschland steht Diversity nicht (nur) für Toleranz, Multikultur oder Gender-Themen. Überraschenderweise sind die drei häufigsten Antworten auf die Frage: „Was bedeutet Diversity am Arbeitsplatz für Sie?“ vor allem flexible Arbeitszeitmodelle und Work-Life-Balance-Angebote (66 Prozent) sowie genderspezifische Förderung (57 Prozent) und familienfreundliche Angebote (45 Prozent).

Obwohl der Begriff Diversity in Deutschland noch sehr diffus wahrgenommen wird, geben bereits 68 Prozent der Befragten an, dass Diversity ihre Verweildauer im Unternehmen beeinflusst. Rund 73 Prozent sagen sogar, dass Diversity durchaus ein Kriterium bei der Bewerbung auf einen neuen Job darstellt. „Diversity wird als durchaus wichtig wahrgenommen und immer in Verbindung mit einer Verbesserung des Arbeitsumfeldes gebracht“, sagt Barić.

Laut der Studie stärkt Diversity die Arbeitsmoral der Mitarbeiter und intensiviert deren Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen. Eine Investition, die sich also auch wirtschaftlich auszahlen wird, auch wenn die Effekte vorerst auf einer emotionalen Ebene der Mitarbeiter festzustellen sind. Aber auch die, so heißt es in der Studie, werden schließlich auch positiven Einfluss auf deren Arbeitsperformance haben. „Jeder Mensch bringt ein einzigartiges Set an Ideen und Fähigkeiten mit ins Unternehmen.

Die Studie bestätigt, dass eine aktive Förderung von Vielfalt bessere Zusammenarbeit und produktivere Teams schafft“, so Barić. Interessanterweise wird Diversity bei einem potentiellen neuen Arbeitgeber vordergründig durch persönlichen Kontakt wahrgenommen: Die Befragten nannten hauptsächlich Vorstellungsgespräche (53 Prozent) sowie den ersten persönlichen Kontakt (46 Prozent) mit dem Ansprechpartner des Unternehmens oder den ersten Eindruck des Arbeitsplatzes (43 Prozent) als Quelle.


"Diversity sollte Chefsache sein"

Ausgerechnet beim Thema Diversity weist das sonst sehr fortschrittliche Deutschland laut Page Group Nachholbedarf auf. Knapp zwei Drittel (62 Prozent) der Befragten sind demnach der Meinung, Deutschland würde im internationalen Vergleich hinten anstehen. Dabei ist die Außenwahrnehmung deutlich besser als die Eigenwahrnehmung, denn 32 Prozent der Befragten, die in international tätigen Unternehmen in Deutschland arbeiten, sagen, dass Deutschland auf einem guten Weg sei; nur 16 Prozent der Befragten aus Unternehmen, die ausschließlich in Deutschland tätig sind, sehen dies so. Vor allem in den Bereichen flexible Arbeitsmodelle (63 Prozent), Gleichstellung und Förderung von Frauen (50 Prozent) sowie gesellschaftliche Offenheit und Toleranz (46 Prozent) herrscht Nachholbedarf.

"Ich freue mich, dass Diversity grundsätzlich als etwas sehr Positives wahrgenommen wird", kommentiert der Kölner Digital- und Diversity-Berater Robert Franken die Studienergebnisse. Und kritisiert: "Dummerweise scheint klassisches Diversity Training in den Unternehmen aber das Gegenteil zu bewirken." Deswegen findet Franken, dass es sehr wichtig wäre, wenn möglichst viele Führungskräfte an einer Kulturveränderung mitwirken würden. "Je mehr Mitarbeiter_innen mit unterschiedlichen Kolleg_innen zusammenarbeiten, desto besser ist die Interaktion vor dem Hintergrund von Vielfalt. Und erst dann, wenn ich Rechenschaft für Vielfalt in meinem direkten Umfeld ablegen muss, kann echte Diversity auch nachhaltig entstehen."

Daher, ergänzt die Berliner Expertin für New Work und Digital Leadership Inga Höltmann, sollte Diversity in jedem Unternehmen Chefsache sein. "Ohne aufrichtige und nachhaltige Unterstützung von ganz oben werden die Bemühungen nämlich einfach verpuffen. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Vielfalt am Arbeitsplatz ist kein Gefallen an Frauen oder an irgendwelche vermeintlichen Minderheiten. Jeder hat das Recht darauf!"

Die Ergebnisse der Studie, so Höltmann, deuten auch noch auf einen anderen interessanten Fakt hin: "Arbeitnehmer koppeln Diversity schon heute ganz selbstverständlich mit Strategien des Neuen Arbeitens und das ist auch ganz richtig so. Wer Vielfalt im Unternehmen haben will, muss vielfältige Strukturen aufbauen. Diversity wird damit ein Wettbewerbsvorteil im War for Talent. Die Arbeitnehmer erwarten das von ihrem Arbeitgeber und sie erwarten das zu recht. Wir sehen gerade, dass die Menschen sich "ihre" Arbeitswelt zurückerobern. Das ist eine tolle Entwicklung, wie ich finde."

Bewerbern rät die Berlinerin daher, schon im Vorstellungsgespräch konkret danach zu fragen: Was bietet mir das Unternehmen an? Welchen Stellenwert hat so etwas im Unternehmen? Darüber von Anfang an offen zu sprechen helfe ja auch dem Arbeitgeber.

Über die Studie: Die Diversity Studie der Page Group Deutschland wurde im Sommer 2016 durchgeführt. 131 Arbeitnehmer in Deutschland haben an der Befragung teilgenommen.

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