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Von Hesiod bis Wagner Die Top-Ten der Wirtschafts-Literatur – Teil 1

Shakespeare und Goethe Quelle: Marcel Stahn

Noch ein China-Buch? Irgendwas mit Vierpunktnull? Vergessen Sie’s. Lesen Sie, was Sie ein Leben lang begleiten wird. Handreichungen für unternehmerische Menschen.

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1. Hesiod, Werke und Tage (700 v. Chr.)

Die Antike vernachlässigen? Um Himmels Willen. Alle gute Wirtschafts-Literatur geht natürlich mit Hesiod los: „Werke und Tage“. Schon der Titel. Klingt nach Pflichterfüllung. Nach ehrbarer Kaufmann. Nach Maß und Mitte. Und so ist es ja auch: Der dichtende Ackerbauer und Viehzüchter präsentiert sich seinen Lesern als beispielhafter Oikoi (Hauswirt), als Unternehmer erster Stunde, als weiser Ratgeber zweckmäßigen Wirtschaftens: „Sorgfalt ist für sterbliche Menschen das Beste“, dekretiert Hesiod und: „Ich rate dringend, für Tilgung der Schulden und Abwehr des Hungers zu sorgen.“ Schon schade, dass bis heute nicht alle Staatsfrauen und -männer ihren Hesiod gelesen haben.

Gewiss, gemessen an modernen pädagogischen Standards wackelt Hesiods Zeigefinger zuweilen etwas streng. Und natürlich, manche seiner Tipps für den Idealbauern sind heute leicht aus der Zeit gefallen: „Nimm eine Jungfrau, die Du rechten Wandel lehren kannst.“

Schwamm drüber. Man kann Hesiod ganz wundervoll als Versöhner von Ökologie und Ökonomie lesen, als einen, der Selbstsorge als Vorsorge schätzte („Bringe die Feldfrucht ein, damit Du reichlich Vorrat hast“), der Freiheit und Verantwortung im Fleiß wurzeln sah („Schluss mit schattigem Sitzen und Schlaf in den hellen Tag…“) – und der immer erst ans Erwirtschaften dachte, dann ans Verteilen („Schärfe die Sicheln und scheuche die Knechte.“).

Aber halt, bevor Vulgärliberale den armen Hesiod jetzt zu ihrem Kronzeugen aufrufen: Das ist keine Absage an den Mindestlohn. Und schon gar kein Aufruf zur Gewinnmaximierung. Hesiod bereitet in jeder Zeile von „Werke und Tage“ dem ersten Wirtschaftswissenschaftler Aristoteles (viertes Jahrhundert v. Chr.) den Weg, der in vielen Passagen seines Werks, vor allem verstreut über„Nikomachische Ethik“ und „Politik“, streng zwischen gutem (Haus)Wirtschaften (oikonomikè) und (übler) Bereicherung um ihrer selbst willen (chrematistikè) unterschied. Aber das ist ein anderes Thema.

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    2. Fortunatus (1509)        

    Der erste Kaufmannsroman der Welt – gewiss nicht zufällig im Augsburg der Fugger erschienen, mithin im Zentrum des europäischen Frühkapitalismus – muss wie ein Blitz in die Gedankengebäude der christlichen Moralphilosophie und in die Paläste der regierenden Adelsfürsten gefahren sein. Ein Jahrhundertbuch. Ein Ereignis. Lesen Sie es! Sie werden Zeitzeuge der Geburt unserer modernen Wirtschaftswelt.

    Worum geht es? Nun, der anonyme Autor zeichnet die sagenhafte vita activa eines armen Verhältnissen entstammenden Knechts aus Zypern nach, der zu einem steinreichen Freihandelskaufmann aufsteigt. Der Fugger-Fortunatus läuft dabei nicht nur dem ein oder anderen Grafen den Rang ab, sondern bewegt sich bald auch auf Augenhöhe mit Königen, Kaisern und Sultanen, die er mit seinem unerschöpflichen Reichtum beeinflusst und betört.

    Es ist die Umwertung aller mittelalterlichen Werte. Plötzlich ist Gelderwerb nicht mehr ruchbar, so wie früher  („Eher geht ein Kamel…“). Statt dessen heißt es künftig: Geld regiert die Welt – und das ist auch gut so, weil dieses Geld die vormals ständische Welt nivelliert und demokratisiert: Jeder ist seines Glückes Schmied!

    Dass der junge Fortunatus seinen Reichtum in London „mit schoenen frawen mit spilen mitt wolleben“ durchbringt; dass er sich, von der „Jungfrau des Glücks“ vor die Wahl gestellt, für „Geld“ statt „Weisheit“ entscheidet – man vernimmt das Echo noch heute in Wohlstandsneid und Reichenkritik. Aber der Fortunatus ist eben auch ein Schumpeterianer, der lustvoll mit der Gewalt der Tradition, des Vorbilds und der Autorität bricht, ein Spekulant, der Schiffe nach „Cathelonia, Portugall, Hyspania, Engeland“ schickt, ein innovierender Gründer, der sich buchstäblich unternehmungslustig ins Leben stürzt, um mit seinen frischen Ideen die Welt zu erobern: „Ich byn jung, starck unnd gesund, ich will gan in frembde land… Es ist noch vil glücks in diser welt.“

    3. William Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig (1598)

    Shylock ist ein Ekel, keine Frage, und Shakespeare räumt seinem (christlichen) Tugendensemble viel Platz ein, um die „schurkische Seele“ des Zinsjuden anzuklagen. So weit, so stereotyp. Das Zerrbild des geldgierigen und verschlagenen Wucherers jüdischen Glaubens zieht sich durch die europäische Wirtschafts-Literatur.

    Aber Shakespeare wäre nicht Shakespeare, wenn Shylock bloß „empty from any dram of mercy“ wäre, ein Mann von eindimensionaler Bösartigkeit, der Antonio 3.000 Dukaten verleiht und ihm ein Pfund Fleisch aus den Rippen zu schneiden droht, sollte er das Geld nicht binnen drei Monaten zurückzahlen. Nein, Shylock ist zugleich ein Verstoßener, der auf Rache sinnt für all die Erniedrigungen, die er als Geldverleiher auf dem Rialto erleidet – ein Outlaw, der gezwungen wird, das Vorurteil der Charakterlosigkeit zu bestätigen, das von der scheinmoralisch „guten“ Gesellschaft Venedigs gegen ihn erhoben wird.

    Shakespeares „Kaufmann“ ist daher auch ein Stück wider die Verlogenheit, mit der in den nächsten Jahrhunderten Kaufmänner im Namen der „wirtschaftlichen Freiheit“ ausziehen werden, um das Fremde, Andersartige, für minderwertig Erachtete ebendieser Freiheit zu berauben. Und noch heute aktuell mit Blick auf das verbreitete Unbehagen und kulturelle Vorbehalte gegen eine moderne Einwanderungsgesellschaft.

    Vor allem aber ist der „Kaufmann“ deshalb interessant, weil Shakespeare in ihm die kulturelle Basisinnovation der heraufdämmernden Marktgesellschaft entdeckt: die Verwandlung von persönlicher Schuld in finanzielle Schulden. Eine Verbindlichkeit, so Shakespeare, ist im Kapitalismus keine zwischenmenschliche Ehrensache, sondern juristisch obligatorisch: „I’ll have my bond. I will not hear thee speak / I’ll have my bond… I stand for judgement„, sagt Shylock, der uns daher von heute aus gesehen wie ein Gläubiger alter Schule erscheinen will, wie ein guter Freund der   Ordnungspolitik à la Eucken, Röpke, Müller-Armack – und wie ein Kumpel von Jens Weidmann, der ja auch noch „die Einheit von Handeln und Haften“ hochhält und darauf pocht, dass „Bonds“ verbindlich sind – und ihre Gläubiger verpflichten.

    4. Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre (1829)

    Goethe. Klar. Der zweite Teil des Faust. „Krieg, Handel und Piraterie / dreieinig sind sie, nicht zu trennen“ – einer von vielen Zweizeilern für die Ewigkeit. Goethe weist mit ihm nicht nur zurück auf den Fortunatus, sondern vor allem hin auf die Zeit des Kolonialismus, in der die Eroberer vor allem auf die Organisationsform des Public-Private-Partnership („East India Company“) setzten, um ferne Länder ertragreich auszubeuten.

    An Geld sollte es dabei nie mangeln, das wusste auch Goethe, weshalb sich im zweiten Teil des Faust auch die Urszene der Geldschöpfung aus dem Nichts befindet: „Ich habe es satt das ewige Wie und Wenn“, sagt EZB-Chefin Christine Lagarde an einer Stelle, Verzeihung, sagt der Kaiser natürlich: „Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff' es denn.“ Goethes Kaiser war die kühne Belehnung des vielen Goldes, das in den Bergen seines Landes noch ungeborgen schlummerte, nicht geheuer: „Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug." Aber er lässt die Finanzjongleure an der Börsen, Verzeihung: lässt Mephisto dann eben doch machen – und hält wenig später stolz ein Scheinchen in die Höhe: „Zu wissen jedem, der’s begehrt: / der Zettel hier ist tausend Kronen wert“.

    Der Faust also. Unübertrefflich. Unübertrefflich? Goethe setzt in den „Wanderjahren“ noch eins drauf. Er sieht im Spätherbst seines Lebens bereits die industrielle Revolution heraufziehen – und erahnt sie in seinem Roman als Epoche des Mobilitätszwangs, als Ära der Stoppuhr, als Welt der Arbeitsathleten und Berufs-Sportler. In jeder Zeile dieses großartigen Werks spürt man von ferne den Takt der Moderne, das maschinelle Metrum, den stampfenden Rhythmus einer fordistisch formierten Zukunft – Karl Marx und Friedrich Engels werden nicht mal 20 Jahre später schreiben, dass „die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung“ die neue „Bourgeois-Epoche“ auszeichnet.

    Aber das Erstaunliche ist, dass der gut 70-jährige Goethe, dieser alte weiße Mann, nicht etwa einschnappt, trauert, wütet, nur weil die Welt sich weiterdreht, sondern ganz im Gegenteil versöhnliche Töne anschlägt: Die bewusste Selbstverengung auf profundes Spezialwissen, die gründliche Einübung von partikularen Fähigkeiten, das tapfere Absehen von universaler Bildung und umfassender Gelehrsamkeit (die er selbst so sehr genoss) – das alles werde der Mensch als „Entsagender“ nun einmal lernen müssen, will er sich auch künftig als wertvoller Teil einer Gesellschaft begreifen.

    Den künftig Entwurzelten, so Goethe, ist halt kein residenzstädtisch-ruhiges Leben in Weimar mehr vergönnt. Sie werden Schollenvertriebene sein, zu Umtriebigkeit und fachberuflicher Monotonie gezwungen: Wanderer, denen im Roman nur das Abenteurer der Emigration nach Amerika bleibt, der tätige Neuanfang oder die verzichtsvolle Anpassung an die neue Zeitökonomie.

    Der Mensch der Moderne muss sich regen, ob er will oder nicht – das ist die Quintessenz der „Wanderjahre“. Goethe selbst dürfte seinen nahenden Tod daher durchaus als Gnade des rechtzeitigen Ablebens empfunden haben. Aber der bleibende Wert seiner „Wanderjahre“ besteht darin, dass dem Roman ein zutiefst melancholischer, zugleich unbedingt lebensbejahender Ton eignet.

    Man spürt bereits die „Entfremdung“ und das „stahlharte Gehäuse“ des Sachzwangs, die Beschleunigung des Lebens und die kalte Anonymität des Großstadtlebens, die ganze Generationen von Soziologen, Ökonomen, Philosophen und Schriftstellern nach Goethe beschäftigen werden (von Karl Marx, Max Weber und Werner Sombart über Georg Simmel und Theodor Adorno bis hin zu Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa) – und wähnt sich doch „entsagend“ einverstanden mit dieser ausdifferenzierten, arbeitsteiligen Welt, in der jeder Mensch an seinem Platz den „Forderungen des Tages“ (Goethe) nachkommt.

    5. Richard Wagner Das Rheingold (1854/1869)

    Zweieinhalb Stunden Kapitalismuskritik der schärfsten Sorte, anderthalb Jahrhunderte alt – bis heute unerreicht: Wagners Geld-Welt ist die pure Negation von Goethes Utopie. Er trennt das „goldene Zeitalter“, in der sich „Welt“ noch nicht auf „Geld“ reimte, vom Unheil einer liebe-losen Moderne, stellt ein Ensemble der materiell Entseelten, Getriebenen, Verdorbenen auf die Bühne - und führt uns die Geld-Welt in all' ihrer schillernden Ambivalenz vor Augen (und Ohren): 

    Der geldgeile Schatzkanzler Wotan etwa hat sich das den Rheintöchtern geraubte Geld seinerseits unrechtmäßig angeeignet (Schwarzgeld! Dateien!) – und sieht als sorgender Staatsmann überhaupt nicht ein, warum er die Steuermehreinnahmen lieber den Menschen überlassen soll: „Was schwer ich mir erbeutet, / ohne Bangen wahr“ ich’s für mich.“ Zwerg Alberich wiederum, der um des Geldes willen auf die Liebe verzichtet und sich statt dessen darauf verlegt, geldwerten Sex zu kaufen, knechtet als eine Art Proto-Kapitalist nicht nur seine Arbeiter, sondern kann sein sadistisch-parasitäres Dasein mit einem Tarnhelm auch noch zum Verschwinden bringen – ganz so wie ein Aktionär es mit seinem Zylinder tut, wenn er als „frommer Christ“ und „Wohltäter der Armen“ auftritt (George Bernhard Shaw in seinem Wagner-Brevier).

    Und der Riese Fafner? Dient Wagner zu einer grandiosen Verulkung der Marxschen Utopie: Nachdem der Prolet(arier) seinen Bruder Fasolt aus blinder Gier erschlagen und den Nibelungenschatz geraubt hat, weiß er mit dem Geld nichts anzufangen – und weiht sein Leben, dumm, blöd und schläfrig, der Bewachung des Hortes – offenbar weckt das Geld in den Händen des gemeinen Volkes nur den Entschluss, zu verhindern, dass andere es bekommen: Es ist, wenn es nicht von Spekulanten bewettet oder Unternehmern investiert wird, unproduktiv, also praktisch wertlos. 

    Aber Wagner geht es im Rheingold noch um viel mehr: Das Geld wird den Untiefen der Kohlegruben und Goldminen abgetrotzt und in den Hochöfen und Schmelztiegeln zu Profit geschmiedet, und dabei wird Mutter Erde verwundet, die Luft geschwärzt – mithin das „gute Klima“ zwischen Mensch und Natur beschädigt.

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    Und mit dem Motiv der Unersättlichkeit und des Raubbaus an der Natur schließt sich hier auch der Kreis zur Antike: Kallimachos und Ovid erzählen die Sage des Erysichthon, der in den heiligen Hain der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres einbricht und dort schamlos „die Doppelaxt“ kreisen lässt, um sich mit dem Holz eine schicke Villa zu bauen und seine Freunde mit Festessen verwöhnen zu können. Dass er mit dem heiligen Baum (Mutter Natur) die Grundlage seiner künftigen Gastmähler zerstört, entgeht ihm in seiner blinden Gier, die auch bei Wagner das Movens des Verderbens ist. Ceres entscheidet sich schließlich, Erysichthon mit Unersättlichkeit zu strafen, weshalb sich der Unselige am Ende selbst zerfleischt: eine kräftigere Metapher der Umweltzerstörung und Ressourcenverschwendung lässt sich nicht denken.

    Ein Fazit? Vielleicht dies: Sie können statt Hesiod und den Fortunatus-Roman, statt Shakespeare, Goethe und Wagner auch den ein oder anderen Fachaufsatz über die Externalisierung von Kosten und das Auslagern von Verantwortung, über die Bedeutung des freien Unternehmertums und die Folgen der Geldgier und Kapitalkonzentration lesen. Aber warum – wenn man die gleiche Ernte auch mit guter Literatur einfahren kann?

    Weitere Handreichungen für unternehmerische Menschen: Die Top-Ten der Wirtschafts-Literatur – Teil 2

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