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Von Startups lernen So werden Mittelständler „Digital-Checker“

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Wo man schnell per Du ist, wird es schnell persönlich

Geschäfte machen wollen aber auch andere. So fanden sich die beiden Reisenden bei einem ihrer ersten Berlinbesuche unversehens in einem Thai-Restaurant wieder, vor sich einen schnittigen jungen Berater, „Size-Zero-Typ“, der ihnen vorschlug, erst einmal für 300.000 Euro ein Digitalprojekt anzuschieben, als Testlauf quasi. Der Lerneffekt dabei: Man kann in Digitalien ohne Ende Geld verballern. Den Autoren ist deshalb wichtig, Bodenständigkeit nicht mit Rückständigkeit gleichzusetzen. „Bodenständigkeit heißt In-sich-Gehen. Brauche ich das wirklich? Sitzt das Geld bei uns so locker? Ertrage ich es, dass mich mein Gesprächspartner aus Digitalien für uncool und provinziell hält? Will ich mich von ein paar arroganten Hipstern über den Tisch ziehen lassen? Sollen wir uns als gestandene Manager wirklich von ein paar Digitalberatern Angst einjagen lassen, die nie ein Unternehmen unserer Größe geführt und nie Verantwortung getragen haben?“

Zu den Kulturschocks für ebensolche gestandenen Manager gehört diese Mischung aus horrenden Summen, die scheinbar für normal gehalten werden, und einem Umgang, den sie womöglich nicht einmal aus ihrem privaten Umfeld kennen. Da wird man sofort geduzt, kennt von kaum jemandem den Nachnamen, wird von wildfremden Businessleuten umarmt. Nur um mit totaler Verachtung gestraft zu werden, sobald man die Angebote nicht annimmt. „Wenn du ihren Geschichten nicht traust, … lassen sie dich gnadenlos spüren, wie wenig sie von dir halten. Und da ihr mit dem Du ohnehin schon auf einer sehr persönlichen Ebene seid, wird es auch sehr schnell persönlich.“

Festhalten wollen Rheidt und Wagenführer aber auch: Die Reise lohnt sich trotz mancher schlechter Erfahrung. „Was man oft hört, sind die ganz großen Namen, an denen man sich zu orientieren habe. Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, werden Begriffe ins Englische übersetzt. Und schon sieht es so aus, als wäre der Gegenüber im Silicon Valley großgeworden. Das ist schon eine große Kunst, was wir da zum Teil präsentiert bekommen haben“, berichtet Wagenführer. „Es gibt aber auch die andere Seite: ganz viele Leute, die einem auch helfen können.“ Es kann eben nur sein, dass man diese Leute erst beim 25. Mittagessen trifft.

Dann ist wichtig, verstanden zu haben, was Startups gut können und wo ihnen etablierte Unternehmen voraus sind. „Startups sind wahnsinnig agil, wahnsinnig schnell, sehr kreativ und sehr findungsreich, was neue Themen und neue Geschäftsfelder angeht. Im weitesten Sinne sind die gut für eine Produktentwicklung“, meint Christopher Rheidt. Ihnen fehlten aber Strukturen für Vertrieb und Service, um dem Kunden nachher eine vernünftige Qualität zur Verfügung zu stellen. „Und das ist genau das, was wir Startups in Partnerschaften anbieten. Das ergänzt sich dann sehr gut.“

Wie bei jeder Reise entfalten die Kulturschocks ihre interessantesten Effekte dann, wenn man wieder daheim ist. So geht es jetzt auch in Norderstedt lockerer zu – aber anders als in Berlin. Von Startups lernen heißt eben nicht blind nachahmen. So haben Rheidt und Wagenführer beschlossen, die Fehlerkultur in ihrem Unternehmen zu überprüfen. „Das sind so Kleinigkeiten. Jetzt kommt es vor, dass wir auf Mitarbeiterversammlungen eine gute Flasche Rotwein an denjenigen vergeben, der einen Fehler gemacht hat und offen damit umgegangen ist, sodass wir als Unternehmen daraus lernen konnten“, sagt Rheidt.

Quelle: Murmann Verlag

Von loungigen Ecken oder Tischtennisplatten halten die Norddeutschen immer noch nichts. „Wir haben in manchen Coworking Spaces Dinge gesehen, die wahnsinnig viel Geld gekostet haben, aber gar nicht bespielt und gar nicht genutzt wurden. So etwas können wir uns schlichtweg nicht leisten“, sagt Rheidt. Umgehauen habe ihn dafür, welche große Resonanz ein einfacher Ideenwettbewerb bei den Mitarbeitern auslösen kann. Der erste Preis ist übrigens eine Startup-Tour nach Berlin.

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