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Von Tesla bis zur Deutschen Bahn Die Management-Flops 2018

Quelle: REUTERS

Strategische Weitsicht, bescheidener Auftritt, kluge Unternehmensführung? Von wegen. Auch 2018 gab es en masse Fehlleistungen in den Führungsetagen. Die WirtschaftsWoche hat die gefallenen Helden der Wirtschaft gekürt.

Das Jahr 2018 endete wie es begann: mit Verspätungen. Egal ob in der Bahn oder im Flieger, in punkto Unzuverlässigkeit lieferten sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr und Bahn-Lenker Richard Lutz 2018 ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen. Der Lohn: Verärgerte Reisende zuhauf und ein Platz in der diesjährigen Management-Pannenstatistik der WirtschaftsWoche.

Hier werden all jene Talente des nationalen und internationalen Wirtschaftslebens gewürdigt, die das Jahr geprägt haben – und deren Entscheidungen für ungläubiges Staunen bei Mitarbeitern, Kunden und Aktionären sorgten. Sicher, die Liste ist nicht vollständig. Sie deckt die vielfältigen Möglichkeiten des Scheiterns aber durchaus ab.

So legte sich RWE-Chef Rolf Martin Schmitz mit Fledermäusen an – und zog den Kürzeren. Bayer-Boss Werner Baumann, der einst beherzt bei Monsanto zu griff, bekommt nun die Folgen seiner Einkaufslust zu spüren. In Sachen Börsenkommunikation patzte Pieter Haas, zeitweise Chef des Media-Saturn-Mutterkonzerns Ceconomy. Teslas Dauerinnovator und Obertwitterer Elon Musk schwächelte beim Umgang mit der amerikanischen Börsenaufsicht.

Dass die Behörden nicht allzu viel Spaß verstehen, musste auch Ex-Audi-Chef Rupert Stadler erkennen, nachdem er zeitweise eine Zehn-Quadratmeter-Bleibe in der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen bewohnen durfte.

Die Kandidaten in der Einzelwertung

Ceconomy: Pieter allein zu Haus 

Um kraftvolle Ansagen war Pieter Haas nie verlegen: „Das Beste kommt erst noch – für unsere Kunden und Aktionäre“, versprach der Manager vor der Aufspaltung des früheren Metro-Konzern in die Elektronikmärkte (Ceconomy) und den Großhandel (Metro).

Für Haas, der erster Chef von Ceconomy – und damit Herr über Media Markt und Saturn – wurde, war die Aufspaltung „ein bisschen so, wie beim Auszug aus dem Elternhaus“. Man habe sich „lange darauf vorbereitet. Jetzt sind wir volljährig. Es ist Zeit auszuziehen“, konstatierte er.

Pieter Haas Quelle: imago images

Tatsächlich wirkte die Führungstruppe von Europas größtem Elektronikhändler fortan ähnlich dynamisch wie eine studentische Wohngemeinschaft – und die Finanzplanung in etwa so verbindlich wie der WG-Putzplan.

So kappte Haas Mitte September die Jahresprognosen für das Unternehmen. Das allein wäre kein Drama gewesen, hätte er mit der neuen Prognose nicht erneut kräftig daneben gelegen. Und so folgte nur drei Wochen später die nächste Gewinnwarnung – und der Rauswurf von Haas. Kurz vor Weihnachten verabschiedete sich auch Finanzchef Mark Frese, Ceconomy strich die Dividende, die Aktie rauschte auf ein Rekordtief von knapp über 3 Euro.

Die Erkenntnis: Das Leben in der eigenen Bude kann ziemlich anstrengend sein.

Lufthansa: Außergewöhnliche Leistung im Alltagsgeschäft

Meisterstratege, Börsenstar, Serviceheld, Pilotenbändiger, Marktbeherrscher: Ende 2017 war die Flut der Auszeichnungen Lufthansa-Chef Carsten Spohr bei allem Stolz fast ein wenig peinlich. Ein „ausgefuchster Deal“ (Manager Magazin) würde ihm fast zwei Drittel der insolventen Air Berlin sichern. Lufthansa war an der Börse mehr wert denn je, die Linie bekam als erste europäische Linie das Qualitätsprädikat 5-Sterne, die aufsässigen Piloten waren gebändigt und der Konzern stand vor einem Rekordgewinn. Was konnte da noch schiefgehen?

Leider so ziemlich alles. Denn für 2018 bilanziert die Lufthansa wieder ein Rekordfestival, allerdings eines der peinlichen Art: 45 000 abgesagte Flüge, je nach Zählweise wohl gut 20 000 weitere stark verspätet. Dazu kommt wachsende Unruhe bei Personal und Kunden – und der Börsenkurs sackte um gut ein Drittel auf das Niveau von 2014.

Carsten Spohr Quelle: imago images

Den Sprung zum Marktführer der Unzuverlässigkeit schaffte Lufthansa mit einem bewährten Mittel der Branche: Selbstüberschätzung. Für das Flugchaos der vergangenen Monate waren zwar das ungewöhnlich schlechte Wetter, in die Überforderung gesparte Lotsen und die Triebwerkspannen beim neuen Airbus A320neo mitverantwortlich. Am Ende verdankt die Kranichlinie ihre operative Leistung vor allem sich selbst.

Die EU-Wettbewerbshüter warnen mehrfach vor Auflagen bei der Übernahme von Air Berlin? Wettbewerber wie Easyjet mieten sicherheitshalber Reserve-Flugzeuge? Der Flugsicherung fehlen reichlich Lotsen? Alles kein Grund für Deutschlands Marktführer den Sommerflugplan mit einem ernsthaften Puffer zu planen.

Damit 2019 nicht erneut für unfreiwillige Rekorde sorgt, holt Spohr nun einen Qualitätsmanager in den Vorstand. Das sichert der Lufthansa zumindest eine neue Bestleistung: den größten Konzernvorstand aller Zeiten.

Bayer: Baumann, der Baumeister

Als Student hat Werner Baumann im Blaumann, damals in der WG in Köln-Lindenthal, erstmal eigenhändig die Wohnung renoviert. Und später, als er schon mit der Familie in Krefeld wohnte, erfolgreich die Spüle repariert. Um sich dann an sein größtes Heimwerker-Projekt zu wagen – den Umbau von Bayer.

Werner Baumann Quelle: dpa

Gleich ein ganz neues Geschoss („Raum Monsanto“) hat er eingezogen, um dem ganzen Gebilde mehr Stabilität zu verleihen. 62,5 Milliarden Dollar hat der Ausbau gekostet. Und wie das so ist mit Bauprojekten – es dauerte dann doch länger als gedacht, bis alle Genehmigungen vorlagen.

Als Baumeister Baumann endlich loslegen konnte, trat Heimwerker-Regel Nummer eins in Kraft: Wenn man mal an einer Stelle anfängt rumzubasteln, tun sich gleich noch anderswo Löcher auf. Im Fall Bayer heißt das: Das Geschäft mit den rezeptfreien Arzneimitteln läuft nicht und bei den verschreibungspflichtigen Präparaten gibt es zu wenig neue Präparate.

Und dann, Heimwerker-Regel Nummer zwei, meckern sowieso immer alle rum: Die Investoren, weil der Aktienkurs abstürzt. Die Öffentlichkeit wegen Glyphosat. Und dann auch noch die Eindringlinge von Elliott, die womöglich noch ganz andere Baupläne haben. Ob Baumann, der Baumeister, noch Erfolg hat? Fortsetzung folgt.

Management-Flops 2018: Tesla, RWE, Audi, Deutsche Bahn

     

Tesla: Teuerster Tweet der Geschichte

Elon Musk mag ein begnadeter Unternehmer sein, der seine Raketen nicht nur erfolgreich zur Raumstation ISS fliegen lässt, dem 2018 die Massenproduktion von Elektroautos gelungen ist und der mit seinem Schnellzug in der Röhre – Hyperloop genannt – den Deutschen bald zeigen könnte, wie ein funktionierender „Transrapid“ aussieht.

Unter all die Erfolge mischte sich 2018 aber ein gigantischer und möglicherweise noch sehr folgenschwerer Fehler: Am 7. August um 12.48 Uhr twitterte er auf dem Weg zum Flughafen: „Denke darüber nach, Tesla zu einem Aktienpreis von 420 Dollar von der Börse zu nehmen.“

Was damals wie ein konkreter Plan klang und den Kurs der Aktie nach oben schnellen ließ, entpuppte sich knapp drei Wochen später als vage, unverbindliche Idee. Aus der Nachricht wurde ein möglicher Versuch der Marktmanipulation.

Der Verdacht: Musk wollte mit der Aussage einfach den Tesla-Kurs treiben.

Der Tesla-Chef hat sich mit der Börsenaufsicht SEC bereits auf eine Strafe geeinigt: Er verliert für drei Jahre seinen Posten als Verwaltungsratschef und muss zusammen mit dem Unternehmen 40 Millionen US-Dollar Strafe zahlen. Ein Schuldanerkenntnis ist das nicht.

Damit ist die Sache aber nicht vom Tisch: Eine „Flut von Schadensersatzklagen, die das Unternehmen finanziell schwer belasten können“, erwartet etwa Thomas Möllers, Professor für Wirtschaftsrecht an der Uni Augsburg und Experte für amerikanisches Aktienrecht. Durch die Kurskapriolen, die der Tweet ausgelöst hat, haben Anleger teilweise horrende Summen verloren. „Wir sprechen hier über Milliardenbeträge“, sagt Seth Ottensoser, Partner der Kanzlei Keller Lenkner, die bereits im Auftrag eines Shortsellers Klage gegen Telsa und Musk eingereicht hat.

Elon Musk Quelle: imago images

So rund wie derzeit Produktion und Verkauf des Tesla-Massenmodells Model 3 laufen, würden Milliardenzahlzungen an geprellte Anleger dem Autobauer wohl nicht das Genick brechen. Trotzdem: Musks Tweet könnte als einer der teuersten in die Geschichte eingehen.

RWE: Der Oberförster des Jahres

Selten hat ein Wald für so viel Ärger bei einem Dax-Chef gesorgt. Dabei hatte RWE-Lenker Rolf Martin Schmitz den Hambacher Forst im Geiste schon längst abgeholzt. Da kann die ganze Republik mit Schrecken ins Rheinland blicken, wo sich ein Aufgebot an Polizei mit strammen Ökos in den Wipfeln und im Unterholz Gefechte um den Hambacher Forst im Rheinischen Braunkohle-Revier liefert, der Hüter der Kohle pocht auf sein Recht: mein Wald, meine Kohle.

Rolf Martin Schmitz Quelle: dpa

Wird der Wald nicht abgeholzt, gehen im Industrieland Deutschland bald die Lichter aus, so das Mantra des Energiemanagers. Nach dem Motto: Was hilft uns ein besseres Klima, wenn wir dann alle im Dunkeln hocken?

Das Problem: So wirklich glaubt Schmitz das selbst nicht. Er weiß nur zu genau, das fossile Zeitalter geht zu Ende. Sonst hätte er nicht plötzlich das Potenzial von Sonne und Wind entdeckt. Genehmigen die EU-Wettbewerbsbehörden den Deal mit dem Rivalen E.On, wird ausgerechnet Klimakiller RWE bald der drittgrößte Ökostromerzeuger in Europa sein.

Dass der Hambacher Wald noch steht, ist aber nicht das Werk des Oberförsters aus Essen. Die Fledermaus hat ihn ausgetrickst. Ein Gericht will klären, ob die nicht gefährdet ist, wenn im „Hambi“ kreischende Sägen ihr Werk verrichten. Eine Entscheidung des Gerichts wird in zwei Jahren erwartet.

Audi: Vorsprung durch alles Mögliche

Für Rupert Stadler wollen wir an dieser Stelle mal die Samthandschuhe anziehen. Denn der wegen des Abgasskandals erst in U-Haft genommene und später vom Volkswagen-Aufsichtsrat entmachtete Ex-Audi-Chef hat im zurückliegenden Jahr wahrlich genug Prügel bezogen und genügend einsame Knasttage abgesessen. Natürlich darf man sauer sein über die Dieselbetrügereien, die viele Menschen krank machen und Diesel-Käufer und VW-Aktionäre um Milliarden brachten.

Aber erstens ist nicht bewiesen, ob Stadler dabei wirklich die Finger im Spiel hatte – er beteuert hartnäckig seine Unschuld. Und zweitens stürzte Stadler aus dem VW-Firmenjet auf die so ziemlich niedrigste gesellschaftliche Stufe, eine zehn-Quadratmeter-Zelle in der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen. Da ist Nachtreten unnötig.

Rupert Stadler Quelle: imago images

Also, keine neuen Attacken an dieser Stelle. Was aber trotz vorweihnachtlicher Milde erlaubt sein muss: Wundern. Sich wundern über einen Manager, der jahrelang offenbar in seinem ganz eigenen Film lebte.

Ein Beispiel: 2015 war der Abgasskandal aufgeflogen. Während Volkswagen Kopf stand, ließ Stadler ein Statement verschicken, wonach es bei der VW-Nobeltochter Audi solche Dieselmanipulationen nicht gegeben habe. Heute wissen wir: Audi hat die Betrugsmasche nicht nur erfunden und sie ein Jahrzehnt lang perfektioniert, sondern hat sie auch noch zu VW exportiert und hat, als wäre nichts gewesen, bis in das Jahr 2018 hinein manipulierte Autos verkauft. Audi war nicht beteiligt am Betrug, Audi war der Betrug.

2016 dann stellte Stadler den Audi-Slogan „Vorsprung durch Technik“ in Frage. Aber nicht etwa, weil ihm bewusst geworden wäre, dass Audis vorübergehender „Vorsprung durch Täuschen“ den alten Slogan ad absurdum geführt hatte.

Nein, Stadler wollte den Slogan ändern, weil ihm der Vorsprung von Audi noch so viel größer, so viel genereller erschien: „Vorsprung ist eine Geisteshaltung. Die erwarte ich im Vertrieb genauso wie in der technischen Entwicklung und in der Produktion.“ Deshalb könnte, so Stadler, das Wort Technik aus dem Slogan wegfallen: „Vorsprung durch Technik ist uns bei Audi mit Blick auf die Zukunft zu eingeschränkt. Audi. Vorsprung. Das können wir uns sehr gut vorstellen.“

Deutsche Bahn: Hochmut kommt vor dem Halt

Um ehrgeizige Ziele waren Bahnchefs nie verlegen. Hartmut Mehdorn wollte die Bahn an die Börse bringen, Nachfolger Rüdiger Grube den Umsatz auf 70 Milliarden Euro verdoppeln und Richard Lutz die Pünktlichkeit im Fernverkehr auf 85 Prozent hochschrauben. Realisiert davon ist bis heute nichts. Die Bahn befindet sich komplett in Staatshand, der Umsatz liegt bei 43 Milliarden Euro - und die Pünktlichkeit im November bei 70 Prozent.

Vor Führungskräften sprach Lutz im Frühjahr vom „kollektiven Burnout“, in dem sich die Deutsche Bahn befinde. Den Kunden geht es nicht anders. Dabei startete die Bahn 2018 im Fernverkehr vielversprechend. Vor zwölf Monaten im Januar lag die Pünktlichkeitsquote bei ordentlichen 82 Prozent. Dann ging es abwärts, jeden Monat wurde es schlechter. 2018 geht als weiteres Krisenjahr in die Geschichte der Deutschen Bahn ein. Bahnchef Lutz, seit März 2017 oberster Eisenbahner in Deutschland, bekommt die Züge einfach nicht in die Spur.

Richard Lutz Quelle: dpa

Die Probleme bei der Bahn kumulieren sich im Monatsrhythmus. Es fehlen Lokführer und Werkstattmitarbeiter, die Gleise sind überlastet und sanierungsbedürftig, die Güterbahn verliert Kunden und Marktanteile.

Ist die Deutsche Bahn überhaupt steuerbar? Der Wettergott meinte es 2018 ja eigentlich gut mit der Bahn. Es war zwar heiß. Aber Züge sollten der Hitze trotzen können. Außerdem hatte der Konzern bereits Ende 2015 Reformen eingeleitet, die selbst Kritiker der Bahn als „Schritt in die richtige Richtung“ gelobt haben. Lutz war damals Finanzvorstand und maßgeblich an dem Projekt „Zukunft Bahn“ beteiligt. Nun wollte er die Früchte seiner Mühen ernten. Doch wieder kamen Reisende 2018 im Zugverkehr zwar ans Ziel, doch meistens verspätet. Und eigentlich ist die Lage sogar viel schlimmer. Jeden Tag fallen drei Prozent der Halte im Fernverkehr aus - statistisch gesehen haben ausgefallene Züge auf die Pünktlichkeit aber keinen Einfluss.

2019 soll alles besser werden. Natürlich. Die Politik fordert bis März 2019 eine neue Organisationsstruktur. Klingt irgendwie nach Mehdorn. Täglich grüßt das Murmeltier.

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