„Wir sind ein junges Team“ Mit diesen Formulierungen vergraulen Firmen ältere Bewerber

Ältere Mitarbeiter können Lücken füllen, die in Firmen wegen des Personalmangels klaffen. Studien zeigen jedoch, dass Unternehmen sich bei der Suche nach betagten Mitarbeitern selbst im Weg stehen. Wie es besser geht.

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Der Verkäufer von Autos und Reisemobilen, um den ein Autohaus aus dem sächsischen Dachau in einer Online-Stellenanzeige wirbt, sollte doch bitte eine abgeschlossene kaufmännische oder technische Ausbildung und Erfahrung im Vertrieb mitbringen. Durchsetzungsvermögen und kaufmännisches Verständnis wären auch großartig. Das Autohaus bietet seinerseits einen „krisensicheren Arbeitsplatz“ und ein „junges Team“. Die Erfolgsaussichten, mit dieser gewöhnlich klingenden Stellenanzeige einen wirklich erfahrenen Mitarbeiter zu finden, dürften sich jedoch in Grenzen halten. Und das liegt an der Wortwahl des Unternehmens.

Laut einer Studie der Jobplattform Indeed fühlen sich 60 Prozent der Bewerber zwischen 45 und 54 Jahren nicht angesprochen, wenn das Wort „jung“ in einer Stellenanzeige steht. Bei den über 60-Jährigen sind es sogar 71 Prozent. Das Unternehmen befragte dafür 1000 Erwerbstätige zwischen 45 und 67 Jahren und 400 Personaler aus deutschen Unternehmen. Sozialforscher sprechen von Ageism, wenn Menschen aufgrund ihres Alters diskriminiert werden und Bewerber als „zu alt“ abgestempelt werden. 

Das Autohaus aus Dachau ist mit seiner Stellenanzeige nur ein Beispiel unter Tausenden. 43 Prozent der befragten Personaler gaben in der Umfrage von Indeed an, Formulierungen wie „junges Team“ in Stellenanzeigen zu verwenden. Bei 19 Prozent sind Formulierungen mit „jung“ sogar Bestandteil sämtlicher Stellenanzeigen.

Das ist vor allem deshalb problematisch, weil der Mangel an Arbeitskräften eigentlich ein Umdenken erfordert: Ältere Arbeitnehmer können Lücken füllen, die Firmen zwar gerne mit jüngeren Bewerbern besetzen würden, welche sie jedoch nicht finden. Sie bringen zudem Erfahrung, Wissen und breite Netzwerke mit. „Der demografische Wandel belastet jetzt schon den Arbeitsmarkt. Ohne die älteren Arbeitnehmenden wird der Wirtschaftsmotor schon bald ins Stocken geraten“, sagt auch Annina Hering, Arbeitsmarktökonomin bei Indeed. Das scheint vielen Firmen durchaus bewusst zu sein: Jeder dritte Beschäftigte zwischen 45 und 67 Jahren hat den Eindruck, dass Unternehmen ihn wegen des Fachkräftemangels häufiger zu Bewerbungsgesprächen einladen.

„Jung geblieben“ klingt offen, ist es aber nicht

Doch um den also durchaus gefragten älteren Kandidaten nicht mit Formulierungen wie „junges Team“ vor den Kopf zu stoßen, sollten Unternehmen inklusiver kommunizieren, rät Hering. „Man kann das Team ebenso gut als gemischt, offen oder divers beschreiben.“ Ein Beispiel dafür: „Wir schätzen Vielfalt in unserem Unternehmen und freuen uns über Bewerbungen von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen.“ Unternehmen könnten auch ganz direkt betonen, dass jüngere und ältere Kandidaten gleichermaßen willkommen seien, so Hering.

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Formulierungen wie „jung geblieben“ oder „in den besten Jahren“ sollen offen klingen, täten dies aber nicht. Hering stößt bei ihrem Arbeitgeber auch immer wieder auf Stellengesuche, die „junge bis erfahrene“ Mitarbeiter oder „neue oder erfahrene Köpfe“ suchen. Ein Wort wie „älter“ wird also bewusst vermieden, obwohl auch ältere Mitarbeiter gemeint sind. „Diese Vermeidungstaktik“, sagt Hering, „zeigt das Diskriminierungspotenzial von Alter. Bei all diesen Formulierungen können Stichworte wie ‚gemischt‘, ‚divers‘ oder ‚vielfältig‘ ein Signal setzen, dass Ältere wirklich mitgemeint sind“, sagt die Arbeitsmarktökonomin.

Die Personaler beschreiben in der Studie gleich mehrere Vorzüge der älteren Mitarbeiter. So etwa Lebenserfahrung (76 Prozent), berufliche Erfahrung (71 Prozent), Zuverlässigkeit (57 Prozent) und eine abgeschlossene Familienplanung (48 Prozent). Allerdings scheinen die Vorteile mit einem gewissen Alter zu verfallen. Immerhin 28 Prozent der Personaler finden Bewerber, die über 60 Jahre alt sind, generell zu alt für ihr Unternehmen. Jeder fünfte Personaler hält 55-jährige Bewerber für zu alt. Und wer über 45 Jahre alt ist, darf sich bei acht Prozent der Personaler überhaupt keine Chancen ausmalen. „Da wurden in vielen Personalabteilungen die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt, wenn eine so große und wichtige Gruppe der Arbeitnehmenden als ‚zu alt‘ abgestempelt wird“, sagt Hering.

Ungefragte Rentner

Dabei sind sich Ökonomen einig, dass selbst Rentner noch eine Zielgruppe sind, die der Wirtschaft im Kampf gegen den Mangel an Arbeitskräften hilft. Und weil die Rente bei vielen nicht ausreicht, um sich vollends zur Ruhe zu setzen und wieder andere noch fit sind und einfach gerne noch weiter arbeiten, sollten Unternehmen auch um Rentner als neue Mitarbeiter werben. Das geschieht jedoch erst äußerst zaghaft, zeigen Daten der auf Personaldaten spezialisierten Agentur Index. Das Unternehmen aus Berlin wertet regelmäßig die Stellenanzeigen in Hunderten Printmedien, Online-Stellenbörsen und auf 200.000 Firmenwebseiten aus. Für die WirtschaftsWoche hat Index ermittelt, wie sich die Stellenanzeigen, in denen Firmen um Rentner werben, in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Demnach haben die Stellenanzeigen, in denen das Wort „Rentner“ auftaucht, im ersten Halbjahr 2022 nur um gut fünf Prozent gegenüber dem Vorjahreswert zugelegt. Und im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 haben Unternehmen zuletzt sogar 31 Prozent weniger Stellenanzeigen geschaltet, in denen sie um Rentner werben. 

Die Daten von Index zeigen auch, in welchen Branchen Rentner gerade besonders gefragt sind. Die meisten Stellenanzeigen für Rentner stammten im ersten Halbjahr aus den Branchen Transport und Logistik. Dahinter folgen Handwerk, Verkauf, Sekretariat und das Hotel- und Gastgewerbe. Im Personalwesen und der Forschung und Entwicklung suchen jedoch kaum Firmen nach Mitarbeitern, die den Arbeitsmarkt auf dem Papier bereits längst verlassen haben.

Und mit der Suche allein ist es nicht mal getan. Annina Hering ist überzeugt, dass Unternehmen die wachsende Bedeutung der Älteren für den Arbeitsmarkt unterschätzen: „Wir kommen schon sehr bald an den Punkt, an dem sich die Unternehmen fragen müssen: Was können wir den Älteren bieten, damit sie bei uns bleiben?“ Beim Autohaus in Dachau erhielten sie zumindest noch „eine sehr abwechslungsreiche Tätigkeit mit Freude am Erfolg“. Und eben das junge Team.

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