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Wissenschaftler Joachim Schwalbach „Vorstände profitieren übermäßig vom Unternehmenserfolg”

Joachim Schwalbach ist emeritierter Professor für Internationales Management an der Humboldt-Universität Berlin. Quelle: Presse

Der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Schwalbach hat Vorstandsgehälter in den vergangenen 30 Jahren analysiert. Im Interview erklärt er, warum die Chefs so viel mehr verdienen als ihre Belegschaft und wie ein besseres Vergütungssystem aussehen könnte.

Joachim Schwalbach, emeritierter Professor für Internationales Management an der Humboldt-Universität Berlin und Enrico Prinz, Professor für Finanzwirtschaft und Corporate Governance an der Universität Straßburg, haben die Geschäftsberichte der Konzerne ausgewertet, die seit der Gründung des Dax Bestandteil des deutschen Aktienindex sind - darunter Allianz, Siemens und Volkswagen. Das Ergebnis: Die Vergütung der Vorstände hat sich in den vergangen 30 Jahren verzehnfacht.

WirtschaftsWoche: Herr Schwalbach, im Schnitt verdienen Dax-Vorstände heute 4,35 Millionen Euro, Vorstandsvorsitzende zum Teil sogar mehr als zehn Millionen. Ist das noch angemessen?
Joachim Schwalbach: Ich persönlich kann die Leistung eines Vorstands aus der Ferne nicht objektiv beurteilen, deshalb kann ich auch nicht sagen, ob dessen Bezahlung angemessen ist oder nicht. Vor allem möchte ich nicht in die Kritik einstimmen, dass kein Mensch zehn Millionen Euro verdienen sollte. Das sind populistische Argumente, das ist völlig unökonomisch gedacht. Ich finde aber, wenn man Gehälter in dieser Größenordnung bezahlt, muss man sie zum einen überzeugend mit der Vorstandsleistung begründen und zum anderen ins Verhältnis zur Vergütung der Gesamtbelegschaft setzen. Das passiert bei den Unternehmen aber noch zu selten.

Deshalb haben Sie das in Ihrer aktuellen Untersuchung nachgeholt. Was waren Ihre Ergebnisse?
Unsere Studie zeigt, dass die Vorstände übermäßig von den Gewinnen durch die Globalisierung und die gute Konjunktur und damit vom Unternehmenserfolg profitiert haben. Wir haben dazu die Vorstandsvergütung pro Kopf ins Verhältnis gesetzt zu den Personalkosten pro Kopf für den Rest der Belegschaft. Im Jahr 1987 verdienten Vorstände der von uns analysierten Konzerne 15-mal so viel wie ihre „normalen“ Mitarbeiter, 30 Jahre später verdienen sie das 58-fache.

Finden Sie das fair?
Wenn Gewerkschaften um jeden Prozentpunkt höherer Löhne hart kämpfen müssen, aber Vorstandsgehälter regelmäßig um ein Vielfaches steigen, dann ist etwas aus dem Ruder gelaufen.  Das Unternehmensergebnis wird aber nicht alleine von der Leistung des Vorstands, sondern auch von der der Mitarbeiter bestimmt. Dieser Erfolg sollte leistungsgerecht verteilt werden, sonst wirkt die wachsende Ungleichheit demotivierend auf die Belegschaft und schadet so dem gesamten Unternehmen.

Wie konnte es überhaupt passieren, dass diese Einkommensschere zwischen Vorstand und Mitarbeitern so weit aufging?
Da kommen verschiedene Gründe zusammen. Die Schere öffnete sich etwa ab der Mitte der 90er-Jahre. Das war die Zeit noch vor der Dotcom-Blase, als es der Wirtschaft durch die Globalisierung und Öffnung von Märkten sehr gut ging. Vorstände hatten dadurch eine gute Verhandlungsposition gegenüber ihren Aufsichtsräten, die ja am Ende über die Gehälter entscheiden. Dazu kommt, dass die Vergütungssysteme immer komplexer wurden. Ich schätze, dass mittlerweile viele der Aufsichtsratsmitglieder nicht mehr verstehen, wie sich Vorstandsgehälter zusammensetzen.

Die umstrittensten Managergehälter
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Warum ist das so?
Wie viel Geld ein Vorstand am Ende des Jahres verdient hat, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Es gibt ein Festgehalt, einen Jahresbonus und mittel- bis langfristige Sonderzahlungen. Diese überlappen sich zum Teil, so dass man nie genau weiß, wofür genau jemand gerade wie viel Geld bekommen hat. Die Unternehmen lassen die genauen Strukturen der Vergütung im Dunkeln.

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