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WiWo Live-Talk Die Marke lockt sie, die Führungskultur vertreibt sie

Die zehn wichtigsten Erkenntnisse übers Talentmanagement aus dem WiWo Live-Talk mit Alfred Quenzler, Professor an der Technischen Hochschule Ingolstadt.

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1. Herr Quenzler, was ist für Sie ein Talent?

Ein Talent ist eine Begabung, die als naturgegeben angesehen wird. Es ist etwas das einem in die Wiege gelegt worden ist. Ein Talent muss zwar nicht Weltklasse sein, aber über dem Durchschnitt. Einer der größten Irrtümer ist aber, dass jemand der Talent hat, nicht trainieren müsste - das zeigt sich zum Beispiel im Sport. Neben dem notwendigen Fleiß gehört auch die Fähigkeit dazu, mit Niederlagen umzugehen.

2. Was verstehen im Gegensatz dazu Unternehmen unter einem Talent?

Im Kontext der modernen Personalwirtschaft sind Talente jene Zielgruppen, die für ein Unternehmen erfolgsentscheidend sind. Es geht um diejenigen, die auf dem Arbeitsmarkt schwer zu bekommen sind. Das müssen nicht nur Führungskräfte sein, das kann auch der Metzgerlehrling sein. Im Grunde muss jedes Unternehmen selbst analysieren, wo es in Zukunft hin will und welche Mitarbeiter es braucht, um dieses Unternehmensziel zu erreichen.

Alfred Quenzler Quelle: Presse

3. Früher bekamen die Unternehmen einen Stapel Bewerbungen auf den Tisch, die besten zehn wurden eingeladen. Ist es schwerer heute die talentiertesten Mitarbeiter zu bekommen?

Der demographische Wandel wird ab 2016 deutlich spürbarer werden, dann wird der berühmte Fachkräftemangel seine Wirkung zeigen. Für kleinere und mittelständische Unternehmen ist es heute schon sehr schwer, Talente zu finden. Deshalb gehen viele Firmen schon heute auf die Zielgruppe Fünfzig Plus zu - und bieten ihnen zum Beispiel lebenszyklusorientierte Arbeitszeitmodelle. Tendenziell geht es heute stärker darum, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren - zum Beispiel in dem man in den sozialen Medien vertreten ist oder bei Arbeitgeber-Rankings möglichst weit vorne landet.

4. Auch in den eigenen Reihen verstecken sich Talente. Wie finde ich diese und bereite sie auf zukünftige Positionen vor?

Man braucht als Personalmanager einen guten Überblick über die besonderen Fähigkeiten und Qualifikationen seiner Angestellten. Man muss sich bei den talentierten Mitarbeitern fragen, ob sie im Unternehmen richtig eingesetzt sind oder ob sie auch in einer anderen Position arbeiten könnten. Will man jene Talente halten, sollte man sich intensiv um sie kümmern. Zum Beispiel indem ihnen Mentoren zur Seite gestellt werden, die ihnen den Karriereweg ebnen und Entwicklungsschritte anbieten. Dann sollten regelmäßige Treffen mit den Führungskräften auf der Tagesordnung stehen.

5. Wie entscheide ich in einem Unternehmen, welche Mitarbeiter ich fördere?

Ich sollte nicht aus dem Bauch heraus entscheiden. Es ist wichtig die Entscheidung zu objektivieren. Das gelingt mit standarisierten eignungsdiagnostischen Verfahren.  Persönliche Beziehungen oder Sympathien sollte man außen vor lassen. Besonders wichtig sind auch die Einschätzungen anderer Fach- und Führungskräfte, die das Talent aus bereichsübergreifenden Projekten kennen.

Die Unternehmenskultur ist zentral

Was sich Apple und Co. für neue Mitarbeiter einfallen lassen
Wandern mit Mark ZuckerbergWenn Facebook-Gründer Mark Zuckerberg jemanden einstellen will, dann geht er mit der Person in den Wald. Dabei erzählt er dem potenziellen neuen Mitarbeiter von seiner Unternehmensvision, macht deutlich, dass Geld keine Rolle spielt und dass er oder sie sofort anfangen kann. Quelle: dpa
Marissa Mayer liest jeden LebenslaufYahoo-Chefin Marissa Meyer kennt all ihre Mitarbeiter – besser gesagt ihren Lebenslauf. Der Lebenslauf jedes neu eingestellten Mitarbeiters wandert über ihren Schreibtisch. Quelle: REUTERS
Bunte Mützen für neue Google-MitarbeiterNeue Google-Mitarbeiter, also „New Googler“ heißen im Unternehmensjargon „Noogler“. An ihrem ersten Freitag im Unternehmen tragen die neuen traditionell eine bunte Mütze mit der Aufschrift Noogler. Quelle: AP
Ein Besuch bei GandhiDer Mitbegründer von Twitter und  Chef des Smartphone-Bezahldienstes Square, Jack Dorey, besucht mit neuen Mitarbeitern gerne eine Gandhi-Statue mit Blick auf die Golden-Gate-Bridge in San Francisco. Quelle: Screenshot
Ein Tisch aus einer alten Tür bei AmazonFrüher mussten neue Amazon-Mitarbeiter einen Tisch aus einer alten Tür zusammen bauen – wobei die Tür selbst als Tischplatte dient. Mittlerweile bekommen sie den Tisch gleich fertig montiert geschenkt. Quelle: dpa
Eine Geschenktüte von LinkedInNeue Mitarbeiter beim Jobportal LinkedIn bekommen eine Geschenktüte mit einer Wasserflasche, dem Buch „The Startup of You“ von Firmengründer Reid Hoffman und weiteren Geschenken je nach den Interessen des neuen Mitarbeiters. Quelle: AP
Ein iMac für Apple-NeulingeWer neu bei Apple anfängt, bekommt ein iMac geschenkt. Das müssen die Neulinge jedoch selbst installieren, um sich mit dem Apple-Produkt auseinander zu setzen. Quelle: AP

6. Wie schaffe ich es, dass die Mitarbeiter, die nicht gefördert werden, nicht frustriert sind?

Es muss klar sein, wieso einige Kollegen gefördert werden und andere nicht. Dabei sollte eine Führungskraft den anderen Mitarbeitern aber nicht das Gefühl vermitteln, dass sie keine Zukunft im Unternehmen haben, sondern dass sie mit ihrer Arbeit trotzdem eine wichtige Säule bilden. Und wer weiß, vielleicht landen ja auch diese Mitarbeiter einige Jahre später in einem solchen Talentpool.

7. Werden Unternehmen aus dem demographischen Wandel heraus, in Zukunft gezwungen sein, Arbeitsverträge, Weiterbildungen oder Arbeitszeiten individuell mit jedem Mitarbeiter zu verhandeln? (Frage via Facebook)

Ich kenne genügend Unternehmen, die das bereits tun. Solche individuellen Verhandlungen werden an Bedeutung gewinnen. So sollte ein Unternehmen zum Beispiel seinen Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, alle zwei Jahre die Arbeitszeit gemeinsam neu zu verhandeln. Mal statt Freitags, Samstags arbeiten zum Beispiel. Ob Arbeitszeitflexibilität, Elternzeit oder Sabbatical - das ist ein Muss. Gerade die Generation Y, also jene Mitarbeiter zwischen 25 und 30 Jahren, empfindet das als besonders wichtig.

8. Raten Sie einem Mitarbeiter dazu, selbst auf den Vorgesetzen zugehen, wenn er gefördert werden will?

Das hängt von der Unternehmenskultur ab. Ein Talent macht auch aus, dass es sich aktiv für seine Belange einsetzt. Wenn sie immer darauf warten, dass jemand ihr verstecktes Talent entdeckt, werden sie wahrscheinlich verbittert.

Trends



9. Welche Regeln sollte ein Unternehmen beachten, um für Talente attraktiv zu sein?

Wichtig ist eine gut gemachte Karrierewebsite - und das bedeutet nicht bunt und blinkend - sondern sie muss authentisch sein. Die Seite soll die Kultur und die Werte vermitteln, die in einem Unternehmen herrschen. Meine Fragen zur Work-Life-Balance oder zur Familienplanung sollten dort beantwortet werden. Optimal sind dafür natürlich auch Facebook oder Blogs - da können die Vorgesetzten Fragen beantworten. Sie sollten nicht in ihrem stillen Kämmerlein bleiben, sondern raus gehen und sich umhören: Der Personaler von heute braucht einen guten Einblick  in die Trends und Tendenzen, die es gibt.

10. Welche Rolle spielt beim Talentmanagement die Unternehmenskultur?

Eine ganz zentrale. Denn passt die Unternehmenskultur nicht zum Bewerber oder dem Talent, bleiben die Mitarbeiter häufig nur kurz im Unternehmen. Viele kommen wegen der Marke und gehen nach einigen Jahren wegen der Führungskultur. Ein guter Name bringt also wenig, wenn er nicht hält, was er verspricht. 

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