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Wut am Arbeitsplatz „Wo Menschen sind, ist immer Reibung“

Zoff unter Arbeitskollegen Quelle: Getty Images

Zum Äußersten kommt es nur selten, aber auch schwelende Konflikte können die Produktivität in Unternehmen stark verringern. Mediatoren können in diesem Fall vermitteln – und raten Führungskräften, früh aktiv zu werden.

Dass in Büros Papierkörbe und Akten durch die Luft fliegen, kommt mal vor, ist aber nicht unbedingt Alltag. Eher extrem ist der Fall, den das Landgericht Hildesheim seit diesem Mittwoch zu verhandeln hat: Ein Mann hatte im Februar seinen ehemaligen Chef vor dessen Haus mit Benzin übergossen und versucht anzuzünden – aus Rache für den verlorenen Arbeitsplatz. Was dagegen wohl jeder kennt, sind die kleinen Nickeligkeiten unter Kollegen und Schreibtischnachbarn. Im ungünstigsten Fall können auch daraus Konflikte entstehen, die ganze Abteilungen nach unten ziehen.

Wut muss sich nicht immer in offen aggressivem Verhalten äußern, so die Beobachtung von Mediatorin Gaby Schramm aus Gütersloh. „Wut ist eine Grundemotion, sie kann sich aber in ganz unterschiedlichen Symptomen äußern“, sagt Schramm. Aggression und aktive Feindseligkeit bis hin zu Handgreiflichkeiten und Sabotageakten sind nur eine Spielart der Wut. Genauso kann Wut in Depression, innere Kündigung, häufiges Krankmelden oder Zynismus münden.

Wann, warum und ob Menschen Wut empfinden, könnten sie nur bedingt selbst steuern, sagt die Wirtschaftsmediatorin Dagmar de Baat Doelman: „Weil circa 95 Prozent der Persönlichkeit vom Unterbewusstsein mit all unseren Vorerfahrungen, Erwartungshaltungen und Motiven gesteuert wird.“ Jeder reagiere in bestimmten Situationen auf seine Weise. „Das ist normal, jede Situation kann von anderen ganz anders gedeutet und bewertet werden“, sagt de Baat Doelman. Nach ihrer Erfahrung beruhen viele Konflikte zwischen Kollegen auf einer Verkettung von gegenseitigen Missdeutungen und Wahrnehmungen.

Für andere sichtbar werden Konflikte meist nur, wenn sie ‚heiß‘ ausgetragen werden, also mit Streit, Angriffen, Frontbildung oder – im Extremfall – Tätlichkeiten. Dann ist meist schon eine kritische Stufe erreicht, die die zuständigen Führungskräfte eigentlich gar nicht erst entstehen lassen sollten. „In der Praxis ist es so, dass eine Mediation meist erst dann organsiert wird, wenn es fast zu spät ist“, sagt Ines Meyrose, die ebenfalls in Konflikten innerhalb von Unternehmen vermittelt. „Meist haben die Beteiligten dann bereits körperliche Beschwerden oder können sich eine weitere Zusammenarbeit mit dem jeweils anderen nicht mehr vorstellen. Sie sagen dann: ‚Der oder ich muss gehen‘“, erklärt die Hamburgerin.

Dabei könnten die Gründe von außen betrachtet banal wirken. „Häufig entstehen solche Zerwürfnisse aus einem Wertekonflikt. Zum Beispiel empfindet der eine das Verhalten des anderen als nicht wertschätzend, zieht daraus Schlüsse und fühlt sich verletzt. Oder einer will durch lange Anwesenheit vor dem Chef glänzen, während der andere lieber zügig arbeitet und pünktlich Feierabend macht. Daraus kann eine Konkurrenzsituation entstehen“, erklärt Meyrose. Auch hier seien Führungskräfte gefragt, für klare Verhältnisse zu sorgen.

Mit wem wir uns im Beruf am häufigsten streiten

Generell sind sich die Wirtschaftsmediatorinnen einig, dass die meisten Konflikte in Unternehmen früher erkannt und ernst genommen werden sollten. Was nicht heißt, dass jedes vorübergehende Stimmungstief bei einzelnen oder einem Team gleich die professionellen Vermittler auf den Plan rufen müsste. „Fachkräfte können und sollten selbst mediative Kompetenzen erwerben, denn Reibereien gibt es immer“, sagt Gaby Schramm. Entscheidend sei zu erkennen, wann es über das normale Maß hinausgehe. „Wut hat infizierenden Charakter – und dann wird es kritisch für das ganze Betriebsklima“, sagt Schramm.

„Wenn ein Streit zwischen Kollegen über Mediation gelöst werden kann, so müssen die Beteiligten wie durch ein Nadelöhr, um wieder zueinander zu finden", berichtet Dagmar de Baat Doelman. Gelinge dies, komme es häufig zu „Gänsehautmomenten“. Die Erfahrung zeige, dass mangelnde Wertschätzung ein bestimmendes Thema in solchen lösbaren Konfliktsituationen sei. Nicht selten könne ein Einzelcoaching den Beteiligten auch zeigen, wo ihre eigenen Blockaden und Ängste liegen, für die sie zuvor vielleicht unbewusst Kollegen verantwortlich gemacht haben.

Schwierig wird eine Versöhnung indes, wenn es bereits zu Grenzübertretungen gekommen ist – das muss nicht einmal eine Handgreiflichkeit sein, schon eine in diese Richtung deutende Körpersprache kann es schwierig machen. Im Bürokontext sei das jedoch, so Ines Meyrose, äußerst selten. „Körpersprachliche Signale können bereits als eine unangemessene Näherung und als Bedrohung empfunden werden“, so die Mediatorin.

Ein gelöster Konflikt wirkt sich laut de Baat Doelman in der Regel positiv auf das gesamte Unternehmen aus. „Im besten Fall entsteht ein neues Miteinander, mehr Austausch und Unterstützung auf allen Ebenen. Die Energie fließt wieder ins Unternehmen und in den Erfolg.“ Letztendlich könnten Konflikte sogar den Erfolg befördern, meint Gaby Schramm. „Wo Menschen sind, ist immer Reibung. Aber ohne Reibung gäbe es auch keinen Fortschritt. Es gilt, die hohe Energie, die darin steckt, klug zu steuern.“

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