Zukunft der Führung Manager, geht bei Künstlern in die Lehre!

Die Unternehmensführung steht vor einem Umbruch. Befehlsgewalt hat ausgedient. Gefragt ist der schöpferische Geist, der auch Künstler beseelt.

Manager verraten: Das hat mich nach oben gebracht
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Wenn wir über Führung nachdenken, dann kommen uns bestimmte Bilder in den Sinn: der Kapitän auf der Kommandobrücke, der Feldherr auf dem Hügel, der Prophet, der seine Erleuchtungen verkündet.

Solche Vorstellungen helfen nicht mehr weiter. Sie stammen aus einer vergangenen Zeit. Wir können sie nicht mehr brauchen.

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Heute können wir unter Führung nur den Versuch verstehen, hochkomplexe Zusammenhänge, die ständig in Bewegung sind, zu beeinflussen. Und dabei mit ihnen so umzugehen, dass der Bestand der Systeme gesichert bleibt. Dazu ist es zunächst erforderlich, um diese Systeme zu wissen und ihre Funktionsweise zu verstehen:

  • Es handelt sich um geschlossene Systeme, die von außen schwer zu beein­flussen sind; wir wissen nicht, was wir mit massiven Systemeingriffen auslösen und wir sollten es deswegen vorziehen, auf kurzfristige Vorteile zu verzichten, zugunsten langfristiger Erfolge.

  • Führen heißt vor allem: machen, dass die Dinge sich machen. Da Organisationen nur durch Kommunikation zustande kommen, die zu Entscheidungen führt, ist es erste Führungsaufgabe, für die Qualität dieser Kommunikation zu sorgen. Die Teilnehmer an Meetings sollen daher kompetent diskutieren und originelle Entscheidungen treffen können.

  • In einem Unternehmen gibt es unterschiedliche Strömungen und wider­sprüchliche Kräfte. Führung braucht möglichst viel Gestaltungsmacht und muss der Blockiermacht enge Grenzen ziehen. Vor allem muss sie Widerstände so behandeln, dass sie nicht verstärkt werden.

  • Am stärksten motiviert uns, was wir für sinnvoll halten. Und sinnvoll ist etwas, das unserem Leben eine besondere Bedeutung gibt. Als Menschen sind wir sogar bereit, für Sinn unsere Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Hohe Führungs­leistung besteht darin, den Mitarbeitern eine Perspektive aufzuzeigen, die von Sinn erfüllt ist.

Aber dies alles reicht noch nicht. Die Welt ändert sich mit einem Tempo, mit dem übliche Restrukturierungen nicht mithalten können, weil sie an etwas anpassen, das inzwischen schon selbst wieder veraltet ist.

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Führung muss das Unternehmen für die Zukunft rüsten. Sie muss schöpferische Leistungen ermöglichen, die das Unternehmen originell machen, unverwechselbar, zu etwas ganz Besonderem. Die Organisation muss also wandlungsfähig sein und künftige Entwicklungen vorwegnehmen können.

Wenn Führung dies ermöglichen will, muss sie dafür sorgen, dass die Untersysteme lose miteinander gekoppelt sind, dass sie autonom und doch ineinander integriert sind. Und das bedeutet, dass die Menschen bereit sind, immer wieder kritisch über sich nachzudenken und auch schwache Signale und diskrete Hinweise aufzugreifen.

Wo können Manager die Inspiration für diese schwierige Aufgabe gewinnen? Sicher nicht nur aus der mathematisierten Betriebswirtschaft. Manager sollten bei Künstlern in die Lehre gehen, weil die aus anderen Quellen schöpfen. Sie vollbringen Werke, mit denen sie die Grenzen des Üblichen überschreiten, weil sie über Kräfte verfügen, die aus ganz anderen Bereichen ihrer Persönlichkeit stammen.

Führung braucht die Kraft der Gefühle

Gute Künstler zeichnet aus, dass sie einen neuen Blick auf die Welt werfen, so wie Kinder, mit großer Offenheit. Sie besitzen besondere Aufmerk­samkeit. Sie sind wie die jüngsten Brüder in den Märchen, die auf die kleinen Dinge achten und mit Hilfe unscheinbarer Wesen Aufgaben bewältigen, die jedem anderen als unlösbar erschienen.

Künstler unterscheiden sich dadurch, dass sie loslassen und Abschied nehmen können. Sie kleben nicht am Bisherigen und klammern nicht am Vertrauten, so wie der achtzigjährige Firmengründer, der nicht ausscheiden kann und den Nachfolger mit Rivalitätsgebaren schikaniert.

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Ulrich Hoeneß (Bester Tierfilm)
Axel Heitmann (Beste Kulisse)Was haben der Turm zu Babel und der Kölner Lanxess-Tower gemeinsam? Die Höhe von etwa 90 Metern. Der Unterschied ist, dass die Zentrale des Chemiekonzerns noch steht. Nur Unternehmenschef Axel Heitmann gehört seit Januar 2014 nicht mehr zur Crew. Der lächelnde Daueroptimist scheiterte – ähnlich wie das Bauprojekt zu Babel – an einer leinwandtauglichen Portion Hybris. So ließ Heitmann noch zwei Riesenanlagen in China und Singapur errichten, während sich die weltweiten Überkapazitäten bei Kautschuk, dem Hauptprodukt von Lanxess, bereits abzeichneten. Auch beim Lanxess-Turm zu Bab..., äh, Köln hat Designfan Heitmann geklotzt und beim Interieur auf edle Materialien und schwarz-weiß-rote Kontraste gesetzt. Im September 2013 war Eröffnung. Fünf Monate konnte Heitmann die herrliche Aussicht auf Dom und Strom von seinem Vorstandsbüro im 19. Stock noch genießen. Sein Ende als Lanxess-Chef wurde schließlich von einer höheren Instanz beschlossen: Der Aufsichtsrat tagt im 20. Stock. Quelle: dpa
Alice Schwarzer (Beste Hauptdarstellerin)Der Preis für ihre Rolle in „Meine Zinsen gehören mir“ geht an Alice Schwarzer. Das essayistische Filmtagebuch schildert schonungslos, wie auf die Feminismus-Erfinderin eingedroschen wird, weil sie in den Achtzigerjahren einen Notgroschen in Höhe von umgerechnet 2,4 Millionen Euro in der Schweiz verstecken musste; sie fühlte sich verfolgt, dachte sogar an Auswanderung. Geistesverloren schleust sie die anfallenden Zinsen am deutschen Fiskus vorbei. Schnell bemerkt sie jedoch ihren Fehler und zeigt sich kaum 20 Jahre später selbst an und zahlt rund 200.000 Euro nach. Doch die feministische Schweigespirale funktioniert nicht. Böse Journalisten – allesamt geschmiert von skrupellosen Zuhältern, die Schwarzers Antiprostitutionskampagne torpedieren wollen – bauschen Schwarzers kleines Geheimnis zum Skandal auf. „Rufmord“ sei das, ein solcher „Fehler“ könne doch jeder mal passieren, sieht frau die moralische Instanz in Talkshows jammern. Aber nun sei ja alles „wieder gutgemacht“ und „bereinigt“. Der Film ist eine Zumutung im besten Sinne: In heftig überhöhten oder auch subtil symbolischen Bildern wird die Selbstbeweihräucherung und Selbstgerechtigkeit der Alice Schwarzer erzählt und gezeigt, wie die „Emma“-Ikone auch noch die letzte Männer-Bastion, Steuerbetrug, niederreißt. Kommentar des bekannten Filmkritikers Stefan Raab: „Die Alte hat Scheiße gebaut.“ Quelle: dpa
Thomas Middelhoff (Bester fiktiver Dialog)Jahrelang kannte Familie Middelhoff keine Sorgen. Vater Thomas schlug sich mit Gelegenheitsjobs an deutschen Konzernspitzen durch. Mutter Cornelie organisierte den Haushalt Saint-Tropez. Doch dann tappten die Middelhoffs in die Schuldenfalle. Ein Fall für Schuldnerberater Peter Zwegat. Zwegat: Sie haben mich gerufen. Hier bin ich. Was kann ich für Sie tun? TM: Mich plagt eine temporäre Liquiditätsunterdeckung. Zwegat: Sie sind also pleite? TM: Papperlapapp. Zwegat: Sie haben einen Offenbarungseid geleistet! TM: Der ist nicht gültig, sagt mein Anwalt. Es gibt kein Beweisfoto. Nach dem Gerichtstermin bin ich getürmt. Ich bin wie die Katze übers Dach. Zwegat: Dann schauen wir uns doch mal Ihre Finanzen an. Ich habe in Ihren Unterlagen einen Herrn Josef Esch gefunden, der will 2,5 Millionen Euro. Und hier, Roland Berger. Der fordert 6,8 Millionen Euro. Dann gibt’s noch eine Privatbank mit 78 Millionen Euro [...] Macht summa summarum: 100.000.000 Euro. TM: Oh! Da bin jetzt baff. Zwegat: Herr Middelhoff, ich sag’s offen: Ein Berg Schulden, jetzt sitzen Sie noch wegen Untreue hinter Gittern. Das geht so nicht weiter. Wie sieht’s mit einem Job aus? TM: Vielleicht was mit Medien? Zwegat: Hmm, kennen Sie meine Kollegen vom „Dschungelcamp“? Quelle: dpa
Ergün Yildiz (Bestes Catering)Statt Häppchen und Sushi sind wieder die Klassiker gefragt: Allerorten eröffnen coole neue Burgerbrater. Für unternehmerisch ganz großes Kino sorgte 2014 jedoch Buletten-Pionier Ergün Yildiz, bis vor Kurzem größter Burger-King-Lizenznehmer der Nation. Sein Rezept: eine ausgeklügelte Personalplanung sowie das stete Bemühen, der Lebensmittelverschwendung Einhalt zu gebieten. Doch Veggie-Day-Ideologen unter Führung des Filmemachers Günther Wallraff neideten Yildiz den Erfolg und starteten einen Kreuzzug für die Zwangsveganisierung des Abendlandes.   Statt mit anzupacken und abgelaufene Haltbarkeitsfristen zu aktualisieren, moserten Betriebsräte lieber über angebliche Hygiene- und Lohnmängel in Yildiz’ Whopper-Stuben. Am Ende knickte Burger King ein, Yildiz musste weichen und wurde so zum Christian Wulff des deutschen Fast-Food-Wesens: abserviert durch ein heimtückische Kampagne. Quelle: dpa
Roland Koch (Beste Serie)„Bilfinger – Zoff im Koch-Studio“ startete eigentlich als Einzelprojekt, war aber dermaßen erfolgreich, dass die Mannheimer Produktionsgesellschaft aus dem Film eine Serie machte. Im Juni fing es an mit dem Schocker „Gewinnwarnung eins“. Die Fortsetzungen zwei, drei und vier lebten von unglaublichen Wendungen. Zwischendurch wechselte der Hauptdarsteller, weil Roland Koch Folge zwei in der Rolle als Vorstandschef nicht überlebte. Er gab zum Abschluss den tragischen Helden – professionell wie schon im Polit-Western „Brutalstmögliche Aufklärung“, in dem der Hesse Bundeskanzler werden wollte. In Teil drei der Serie musste deshalb Altmime Herbert Bodner ran, der die Rolle des Bilfinger-Chefs zynisch-zerknirscht spielt wie John Wayne in seinem Spätwerk. Aber auch Bodner wird im Mai 2015 schon wieder gehen müssen, weil der Finanzinvestor Cevian sich dann sattgesehen hat an dem Österreicher oder weil der Kurs der Bilfinger-Aktie von fetten 90 auf hungrige 40 Euro abmagerte. Das kostete auch einige Nebendarsteller die Jobs: Aufsichtsratsboss Bernhard Walter, Finanzchef Joachim Müller und bald vermutlich Bilfinger-Vorstand Joachim Enenkel. Neue Hauptperson wird Ex-Metro-Chef Eckhard Cordes, der nun das Mannheimer Trümmerfeld aufräumen soll. Hässliche Szenen. Für sensible Aktionäre nicht geeignet. Fortsetzung folgt. Quelle: dpa
Oliver Saffe (links) und Wolfgang Büchner (Beste Soap)Knackig erzählte Politserien wie „House of Cards“ bannten zuletzt Tausende Zuschauer mit einem irren Intrigenstadel aus Washington vor den Bildschirm – in Wahrheit alles kalter Kaffee. Denn die wahren Meister der nicht bloß abend-, sondern ein zum Grundsatz-Streit zwischen Online- und Printredaktion ausgeuferter Dauerclinch. Mehr Ränke und Ranküne waren selten im ohnehin nicht eben langweiligen Verlag – ob Büchners Nachfolger das werden toppen können, darf getrost bezweifelt werden. Quelle: dpa/Montage

Nietzsche beschreibt die beiden Kräfte, die in ungewöhnlichen Menschen am Werk sind, als das Dionysische und das Apollinische, also das Rauschhafte und das Rationale, die Begeisterung und das praktische Können, das Mitreißende und das Vernünftige. Künstler können beide Kräfte in sich zulassen. Sie können sogar aus diesen gegensätzlichen Kräften, die in ihnen am Werk sind, aus der paradoxen Situation, die in ihnen entsteht, und den sich gegenseitig blockierenden Begegnungen, die sie empfinden, etwas ganz Neues hervorbringen.

Ein junger russischer Jurist mit besten Karriere-Aussichten besucht 1896 in Sankt Petersburg eine Impressionisten-Ausstellung. Bei der Betrachtung des Bildes „Der Heuhaufen“ von Claude Monet gerät er in Ekstase. Derselbe Mann sitzt nach der Premiere von Wagners Lohengrin noch stundenlang in der Oper und weint. Den Sonnenuntergang über Moskau zu erleben, bewegt ihn tief und erfüllt ihn mit einem solchen Glücksgefühl, dass er auch in späteren Jahren in Paris noch davon zehrt.

Der Mann heißt Wassily Kandinsky und wird als Erfinder der abstrakten Malerei in die Kunstgeschichte eingehen. Mit ihr verschafft er der bildenden Kunst ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten.

Der russische Maler Wassily Kandinsky Quelle: imago

Ich glaube, dass Unternehmensführung in der heutigen Welt von Künstlern wie Kandinsky lernen kann. Denn sie verlangt mehr als nur rationale Kompetenz, sie braucht auch die Kraft des Emotionalen. Das Ungewöhnliche, durch das ein Unternehmen sich von anderen unterscheidet, entsteht dadurch, dass Vernunft und Gefühl aufeinander treffen. Widersprüche zwingen das Neue herbei.

In Arbeit
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Vorbilder gibt es dafür wenige, vielleicht keine. Führung gilt es heute neu zu erfinden.

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