Mit Volldampf in die Niederlage Was ESC-Verliererin Levina und Martin Schulz gemeinsam haben

Der letzte Geschäftsbericht ist schlecht ausgefallen? Strahlen Sie beim nächsten Meeting Zuversicht aus. Bleiben Sie nah bei sich, egal was man aus Ihnen machen will. Nur verstecken Sie sich nach Niederlagen nicht.

Mit Volldampf in die Niederlage: Was ESC-Verliererin Levina und Martin Schulz gemeinsam haben Quelle: dpa

Hätte sie ihren eigenen Song-Text doch einmal selbst beherzigt. „Perfect Life“ sang unsere ESC-Hoffnung Levina vor einer Woche in Kiew: Einen Song, der dazu ermuntern soll, keine Angst vor Fehlern zu haben und ein Risiko einzugehen. Doch wenn das US-Songschreiber-Trio Robbins, Ray & Bassett zuschlägt, das bereits für Anastacia und die Backstreet Boys produziert hat, ist es vorbei mit Authentizität und Mut zu Fehlern. Mit demütigenden sechs Punkten landete die 25-Jährige Levina auf dem vorletzten Platz des Eurovision Song Contest 2017. Und wieder einmal kündigt Deutschlands ESC-Chef Thomas Schreiber vom NDR Konsequenzen an. Um – wie 2016 und 2015 – im kommenden Jahr doch wieder den verzweifelten Versuch zu starten, mit einem weitgehend identischen Auswahlverfahren den perfekten Pop-Hit fürs Formatradio zu finden.

Was können wir daraus lernen?

Regel Nummer 1: Hits schreibt man nicht nebenbei. Und Erfolge produziert man ebenfalls nicht einfach mal so. Wer es doch versucht, klingt meist flach – und scheitert. Für die letzte deutsche ESC-Gewinnerin Lena hat sich einer richtig ins Zeug gelegt: Stefan Raab. Doch selbst der Medienprofi hat nicht versucht, den Erfolg zu modellieren. Er tat das, was er am besten kann: mit Leidenschaft Musik zu machen. Er hatte Spaß dabei. Das sah man ihm an. Lena 2010 war frech, authentisch, nahbar. Bei der Lena Meyer-Landrut von 2017 muss man schon ganz genau überlegen, wann man zuletzt Musik von ihr gehört hat.

Düsseldorf, am Tag nach dem ESC: NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft steuert auf das schlechteste SPD-Wahlergebnis aller Zeiten zu und tut das einzig Richtige. Sie tritt von allen Ämtern zurück. Ihr Amtskollege Torsten Albig in Schleswig-Holstein vergeigt derweil alles, was man so vergeigen kann. Noch vor der Wahl attestiert er seiner Ex in einem Interview, sie sei mit ihm zunehmend nicht mehr auf Augenhöhe gewesen. Und klammert sich nach der Wahl tagelang an ein Ministerpräsidentenamt, aus dem er von den Wählern abgewählt wurde.

Regel Nummer 2: Niederlagen ignoriert man nicht. Man geht offensiv mit ihnen um – und nicht arrogant und erst neun Tage später. Das gebietet der Respekt. Und es zeigt: Man kann sogar aus Niederlagen Erfolge machen.

Über die Autoren

Köln, Spitzenkandidatencheck im WDR2-Radiostudio: Eine Stunde mit Hannelore Kraft, eine Stunde mit Armin Laschet. Während sich der bislang eher unauffällige zukünftige NRW-Ministerpräsident Laschet nicht dagegen wehrt, dass der WDR sein Interview per Facebook im Netz verewigt, hat die amtierende Ministerpräsidentin Hannelore Kraft laut WDR2-Moderator Uwe Schulz „keine Lust auf Facebook Live“. Anfragen nach Skype-Interviews von anderen Medien lässt sie absagen: „Keine Zeit“ und vor allem: „Nicht die richtige Form“.

Regel Nummer 3: Wer gewählt werden oder erfolgreich sein will, muss sichtbar sein, dauerpräsent, und sollte sich neuen Technologien nicht verweigern. Wer den Anspruch hat, die Zukunft eines Landes zu gestalten, sollte nicht beim kleinen Stück Zukunft im Alltag mutwillig scheitern.

Berlin, am Tag nach der NRW-Wahl: Wahlanalyse – oder anders gesagt – Wunden lecken bei der SPD. Martin Schulz ist auf dem Weg zurück zu Umfragewerten, die seine Partei ganz lange Zeit vor seiner wundersamen Niederkunft als Hoffnungsträger hatte. Laut politischen Beobachtern hat Schulz bis zuletzt verhindert, dass sich Torsten Albig in Sachen Koalition zu schnell entscheidet und damit den NRW-Wahlkampf beeinflusst. Ein Fehler. Denn Wähler wollen wissen, wofür jemand steht.

Regel Nummer 4: Strategien sind wichtig, doch wer nur strategisch denkt und dabei Empathie für Menschen verliert, stellt die Ampel auf Niederlage.

Reden halten - die lukrative Zweitkarriere
Bill Clinton500.000 Dollar für eine 90-Minütige Rede: Mit diesem Honorar führt der frühere US Präsident Bill Clinton die Liste der teuersten Redner an. Das geht aus den Standardhonorarvereinbarungen hervor, die dem Handelsblatt vorliegen. Auch für deutsche Politiker beginnt nach der politischen immer häufiger eine lukrative Zweitkarriere als Redner. Im Vergleich zu Bill Clinton sind deutsche Ex-Politiker dabei allerdings zu Vorzugspreisen zu haben. Quelle: dpa
Günther BecksteinDer Ex-Ministerpräsident aus Bayern, Günther Beckstein, bekommt nach Handelsblatt-Informationen etwa 5.000 Euro in der Stunde.   Quelle: dpa
Roman HerzogFür den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog werden 20.000 bis 25.000 Euro für eine Rede hingeblättert. Quelle: dapd
Richard von Weizäcker Ähnlich wie Herzog verdient auch Richard von Weizäcker. Quelle: AP
Joschka Fischer Ex-Außenminister Joschka Fischer kann schon mit einem Redeentgelt von 30.000 Euro rechnen. Aber es gibt noch einen, der mehr bekommt... Quelle: dpa
Gerhard SchröderAbsoluter deutscher Spitzenverdiener ist Fischers Gerhard Schröder. Der Ex-Kanzler wird bei Redneragenturen zu Preisen zwischen 50.000 bis 75.000 Euro gehandelt. Gut möglich allerdings, dass Schröder als bislang bestverdienender deutscher Redner in absehbarer Zeit abgelöst wird. Die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nach Schätzung von Brancheninsidern dem Marktwert Schröders „mindestens ebenbürtig.“ Quelle: dpa

Berlin, zwei Tage nach der krachenden Schulz-Klatsche in NRW: Ein Entwurf für ein SPD-Regierungsprogramm zur Bundestagswahl sickert via Medien durch. Darin fordert die SPD, „straffällige Ausländer unverzüglich abzuschieben“.

Regel Nummer 5: Inhalte sind wichtig, doch sie sollten zur Person oder zur Partei passen. Die SPD kümmert sich eine Woche, nachdem ihr Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in einer ARD-Talkshow den verunsicherten Bürgern zynisch empfohlen hat, sich gegen Einbrüche besser privat abzusichern, plötzlich um mehr Sicherheit? Das glaubt niemand und es wirkt wie ein verzweifeltes Plagiat von Unions-Politik. Nach dem Motto: Wir auch, denn damit gewinnt sogar Laschet.

Deutschland, in den Wochen vor der NRW-Wahl: Von SPD-Chef Martin Schulz, der Anfang des Jahres zum Hoffnungsträger avancierte und das Wahljahr noch einmal überraschend spannend machte, ist auf der großen Bühne wenig zu hören und zu lesen. Hannelore Kraft führt einen Wahlkampf, der weitgehend auf sie als Person zugeschnitten ist und glaubt – warum auch immer – keine Rückendeckung aus Berlin zu benötigen. In Erinnerung bleibt aus dem Wahlkampf von Martin Schulz einzig ein Foto mit verschränkten Armen und griesgrämigem Gesicht im RegionalExpress. Inmitten der noch übellaunigeren SPD-Politiker Torsten Albig, Ralf Stegner und Manuela Schwesig. Es ist der Moment, als die Umfragen andeuten, dass Laschets Aufholjagd in NRW erfolgreich sein kann.

 

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