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Nichtstun als Chance Wir müssen Innehalten neu lernen

Muße ist eine Chance, Dinge zu reflektieren. Doch es erfordert Mut und Kraft, einmal nichts zu tun – um dann vielleicht dorthin aufbrechen zu können, wo man tatsächlich auch hin will.

Liessmann, 61, lehrt Philosophie und Ethik an der Universität Wien. 2006 wurde er in Österreich zum „Wissenschaftler des Jahres“ gewählt. Quelle: PR

Wer aufbrechen möchte, muss vorher irgendwo gewesen sein. Wer sich ohnehin bewegt, bricht nicht auf, sondern geht einfach weiter. Nur aus einem Ruhezustand, einer Phase relativer Stabilität lässt sich aufbrechen. Das Mindeste, was einem Aufbruch vorhergehen muss, ist die Rast. Das Äußerste, was zu ihm treibt, kann ein Zustand sein, der ein Verweilen zunehmend unerträglich macht.

Wer den Ort, an dem er sich befindet, so schnell wie möglich verlassen will, bricht nicht auf, er flieht – vor einer Katastrophe, einem Feind, einem Verhängnis. Ein Aufbruch bedarf zumindest eines Moments von Freiheit – nur der bricht auf, der auch bleiben könnte.

Faulsein mit Stil
Abwarten, Tee trinken!Kaffee vor Arbeitsbeginn, Kaffee in der Mittagspause und Kaffee als Überstunden-Überlebenshilfe – kennt jeder. Finger weg, sagt aber Tom Hodgkinson und ruft zum Teetrinken auf. Denn den trinke man langsam und bedächtig – und möglichst gaaaanz entspannt, nicht wie Kaffee, in mächtigen Pappbechern "to go" und hektisch zwischendurch. Sein Vorbild ist die chinesische Teezeremonie, bei der Haltung, Geschirr und Stille eine Einheit eingehen. Kaffee dagegen sollte der Müßiggänger meiden, er sei ein Feind der Ruhe und des Müßiggangs. „Wir sind vom freudlosen Kaffeetrinken befallen und verseucht worden […] Wir sollten uns ihm widersetzen und uns zum Tee bekennen, dem uralten Getränk von Dichtern, Philosophen und Grüblern.“ Quelle: AP
Weg mit dem Wecker!„Der Schlaf ist ein mächtiger Verführer, daher die furchterregende Apparatur, die wir zu seiner Bekämpfung entwickelt haben. Ich meine die Weckeruhr. Großer Gott! Welches boshafte Genie hat diese beiden Feinde des Nichtstuns – Uhr und Wecken – zu einer Einheit zusammengefügt?“ Verschlafen als Sünde? Das gilt vielleicht für die Arbeitswelt aber nicht für Tom Hodgkinson. Er rät, aufzustehen, wenn wir es wollen und erst dann, wenn wir glauben, es lohne sich. Also fort mit dem Wecker und den Tag gemütlich starten. Quelle: dpa
Ein kleiner Spaziergang schadet nie!„Sei ein Flaneur der Mittagspause. Schlendere. Trödele. Lass dich treiben. Es ist ein höchst angenehmes Gefühl, anderen überlegen zu sein und selbst über sein Schicksal bestimmen zu können, wenn man einfach den Schritt verlangsamt und sich willenlos treiben lässt. Auf diese Weise zu schlendern heißt, sich zu weigern, ein Opfer der Stadt zu werden, es hilft einem vielmehr, sie zu erfassen und zu genießen.“ Zur Kunst des rechten Spazierengehens zitiert Hodgkinson Walter Benjamin. Ihm zufolge soll man die Straße, die Bäume so sehen als wäre man gerade in einem fremden Land angekommen. Quelle: dapd
Ein Drink zwischendurch fördert den Müßiggang!„Der Cocktail symbolisiert ein Wohlgefühl des Geistes, also träume all die Träume, die deinem Herzen am nächsten sind. Sie können wahr werden, und zu keiner anderen Zeit wird ihre Erfüllung so nah erscheinen. Denn dies ist die Cocktailstunde.“ Mit Cocktails, Wein oder Bier den Arbeitstag beenden, die irdischen Sorgen zur Seite legen und Geselligkeit zulassen, das rät Hodgkinson dem gewillten Müßiggänger. Den ersten Drink sollte man möglichst früh zu sich nehmen, damit der Abend schön wird. Und wem das noch nicht reicht, für den hat Hodgkinson noch einen Tipp auf Lager: "Absinth tötet dich, aber er bringt dich zum Leben." Quelle: AP
Krank sein, aber richtig!Krank sein ist nervig? Weit gefehlt! Krank sein gehört zum Leben dazu, meint Hodgkinson, und das soll bitteschön akzeptiert werden. Das beste was der Müßiggänger dann machen kann, ist die Krankheit in Ruhe aussitzen und entspannt genesen. Früher gab es tagelange Ruhe- und Liegekuren für Erkältete oder monatelange Aufenthalte in Badeorten für nervös Leidende. Hodgkinsons Tipps für eine schnell Genesung: „Wie es bei vielen anderen Aspekten des müßigen Lebens der Fall ist, ist die vernünftige Lösung für die Krankheit nicht der Versuch, sie zunichte zu machen, sondern Strategien für den Umgang mit ihr zu entwickeln.“ Quelle: dpa
Angeln - altmodisch, aber entspannend!Angeln zur Entspannung? Das ist nicht abwegig, meint Hodgkinson und weiß auch warum: "Der wahre Inhalt des Angelns, sein Kern, ist sicherlich die vollkommene Stille und Reglosigkeit. Es geht darum, ruhig und bewegungslos zu sein; und es geht ums Warten. Es geht um Sein und gleichzeitig Nichtsein. Es ist etwas für Philosophen und Poeten. Ja, es ist Philosophie und Poesie.“ Quelle: dpa
Rauchen befreit von Lastern!Das ständige „Ja“ und „Nein“ sagen zum Rauchen beschreibt Hodgkinson als ständigen Kampf und gibt einen einfachen Tipp ab, wie man sich von diesem Laster befreien kann: „Rauchen heißt Müßiggang, und es ist schwierig, stolz zu sein, wenn man arbeitet und beschäftigt ist. Wie das Angeln verwandelt das Rauchen den gewöhnlichen Menschen in etwas Heldenhafteres, Vollkommeneres; es macht einen Herrn aus einem Sklaven (…) Wie das Angeln bringt das Rauchen Tätigkeit und Untätigkeit miteinander in Einklang. Wenn man raucht, tut man nicht nichts, man raucht. Man ist gleichzeitig beschäftigt und bewegungslos.“ Quelle: dpa

Wir können nicht leben, ohne nicht immer wieder zu etwas Neuem aufzubrechen. Und doch durchzieht so manchen Aufbruch auch die Trauer des Abschieds: Dass es Zeit sei, aufzubrechen – wer in geselliger Runde diese Mahnung hört, spürt das unangenehm Fordernde des Aufbruchs. Man würde ja noch gerne etwas länger bleiben, aber der Aufbruch darf nicht mehr hinausgezögert werden.

Manchmal bricht man auch auf – aus einem Restaurant, aus einer Gesellschaft, aus dem Urlaub, aus der Fremde –, um zurückzukehren. Man war aufgebrochen, um sich nach einem Abend, einer Nacht, einigen Wochen, einem halben Leben wieder auf den Weg zu machen – dorthin, von wo man aufgebrochen war.

Das Pathos des Aufbruchs lebt vom Gestus des weiten Horizonts: aufbrechen ins Offene, das Sichere zurücklassen, zu neuen Ufern gelangen, sich dem Risiko und Wagnis einer Fahrt ins Unbestimmte und Ungewisse aussetzen, Neuland erkunden. Ins Unbekannte aufzubrechen versetzt uns in eine andere Spannung als ein routinierter Wechsel des Ortes. Der Aufbruch oszilliert so zwischen Erwartung und Abschied, zwischen Zukunft und Herkunft, zwischen Hier und Dort, zwischen Stillstand und Bewegung – allesamt Metaphern für unser Denken und Leben.

So klappt der Umgang mit schwierigen Chefs
Einem Manager kommt Rauch aus den Ohren Quelle: Fotolia
Ein Mann und eine Frau sitzen sihc im Büro gegenüber Quelle: Fotolia
Zwei Männer stützen ihre Arme auf Tischplatten Quelle: Fotolia
Zwei Frauensitzen sich in einem Büro gegenüber Quelle: Fotolia
Mann reicht einer Frau einen Kugelschreiber Quelle: Fotolia
Zwei Männer geben sich die Hände Quelle: Fotolia
Zwei Männer besprechen eine Akte Quelle: Fotolia

Allerdings: Die Moderne versteht sich als Gesellschaft in Bewegung. Sie ist immer schon aufgebrochen, hat erstarrte Verhältnisse hinter sich gelassen, alles Stehende und Ständische zum Verdampfen gebracht. Und seitdem heißt es: nur nicht verharren, nur nicht innehalten, immer dynamisch bleiben, immer vorwärts.

Eine Gesellschaft in Bewegung kann allerdings nirgendwohin mehr aufbrechen, denn sie ist immer schon unterwegs. Sowenig der Reisende, der sich mit hoher Geschwindigkeit auf einer vorgezeichneten Bahn bewegt, sich fragen kann, wohin er nun aufzubrechen gedenkt, sowenig kann sich eine Gesellschaft, die sich in einer Phase der rasanten, beschleunigten Veränderungen wähnt, fragen, ob es nicht allmählich an der Zeit wäre, aufzubrechen.

Die schöne Spannung zwischen Stillstand und Bewegung, zwischen Innehalten und Weitergehen, zwischen Verweilen und Aufbrechen, zwischen Muße und Aktivität geht in einer Zeit verloren, in der Unterwegssein zur einzig legitimen Daseinsform erklärt wird.

Um in solch einer Gesellschaft überhaupt wieder aufbrechen zu können, müssten erst die Orte und Zeiten der Ruhe, der Muße, der Kontemplation wieder geschaffen und aufgesucht werden können, die jene Erfahrung erlauben, die jeden Aufbruch grundiert: Jetzt, nach einer Phase des Verweilens, ist es Zeit zu gehen. Erst dann könnten wir auch wieder fragen: Und wohin soll es gehen?

Rastlosigkeit unterbrechen

Aus einer Bewegung aufzubrechen erfordert so zumindest eine Zäsur; eine Unterbrechung; eine Rast. Diese mag nur dem erschöpften Körper, dem müden Geist wieder die Kraft zum Weitergehen verschaffen. Sie kann aber auch einen Punkt markieren, an dem die Ziele neu definiert werden.

So wie der Wanderer, der sich verirrt hat oder eine Rast einlegt, um sich neu zu orientieren, und dann mit neuen Kräften aufbricht, so könnten auch Menschen, Unternehmen und Kulturen ihre Rastlosigkeit unterbrechen und wenigstens kurz innehalten, um sich über ihre weitere Vorgehensweise klar zu werden und dann vielleicht in eine andere als die bislang eingeschlagene Richtung aufbrechen.

Vielleicht sollte man den Phasen, in denen sich Einzelne oder Gemeinschaften über die Richtung ihrer Entwicklung klar werden wollen, vielleicht sollte man all den Diskussionen um Standortbestimmungen und Zielvorstellungen wieder verstärkt den Charakter von Unterbrechungen und Moratorien geben, die es erlaubten, eine gelungene Neuorientierung, eine Änderung der Ziele und Perspektiven auch als Aufbruch, als einen Neubeginn, als bewusste Entscheidung zu erfahren und zu zelebrieren. Jeder Aufbruch bedarf auch seiner Rituale.

Die Gesten des Abschieds von dem, was man zurücklässt, gehören ebenso dazu wie die Formen und Formeln, durch die man sich seiner inneren und äußeren Bereitschaft versichert, einen neuen Schritt zu wagen.

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Mut zur Denk- und Atempause

Im Selbstverständnis unserer Gesellschaft und ihrer Akteure ist für solche Zäsuren und ihre Rituale allerdings kein Raum mehr. Der von allen akzeptierte Imperativ des bedingungslosen Immerweiter erlaubt kein Innehalten, schon gar keine Umkehr, um andere Pfade als die beschrittenen zu versuchen.

Die Fortsetzung noch der unsinnigsten Reform wird ja gerne damit begründet, dass man doch nicht zu alten Zuständen zurückkehren könne. Das ist ungefähr so plausibel wie die Empfehlung an einen Autofahrer, der sich in eine Sackgasse manövriert hat, doch unbedingt weiterzufahren, notfalls auch gegen eine Wand, denn er werde doch nicht umdrehen und dorthin zurückkehren wollen, wo er schon einmal gewesen war.

Innehalten, um Fehlentwicklungen zu korrigieren, erforderte auch den Mut, Denk- und Atempausen einzulegen, Distanz zu gewinnen und notfalls zum Ausgangspunkt zurückkehren, um von dort eine andere Richtung einzuschlagen.

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Fangen wir doch gleich mal mit dem " Nein" sagen an. Lassen Sie die Kollegen 2014 einfach nicht mehr alles auf Sie abwälzen. "Könntest du bitte hier...", "würde es dir etwas ausmachen, wenn..." Wenn Sie immer den Mist der anderen miterledigen, kommen Sie selber nicht voran und glücklicher werden Sie damit auch nicht. Also sagen Sie "Nein". Und zwar persönlich, nicht per Mail. Auch wichtig: Begründen Sie Ihr Nein und bieten Sie Alternativen an. Quelle: Fotolia
Und wo wir schon dabei sind, dass Sie sich gegen etwas entscheiden - entscheiden Sie doch öfter etwas. Natürlich innerhalb Ihres Kompetenzbereichs. Nutzen Sie Ihre Entscheidungsfreiheit und hören Sie auf, sich wegen jedem Kinkerlitzchen hundertmal rückzuversichern. Das ist weder gut fürs Selbstbewusstsein, noch macht es sonderlich viel Spaß. Quelle: Fotolia
Schließlich wird niemand gerne wie eine Marionette gelenkt. Falls Sie das Gefühl haben, an Ihrem Arbeitsplatz nur die Marionette des Chefs oder der Kollegen zu sein, müssen Sie daran etwas ändern. Legen Sie für sich fest, welche von den auf Sie abgewälzten Aufgaben wichtiger ist und wie Sie sie erfüllen. So gewinnen Sie - zumindest teilweise - die Herrschaft über Ihr Tun zurück. Quelle: Fotolia
Dafür ist natürlich eine Strategie unabdingbar. Nicht nur Ihre, sondern auch die der Vorgesetzten. Deshalb ist es wichtig, dass der Chef klare Anweisungen gibt: Wer macht was wann und warum. Gibt es die nicht automatisch, bestehen Sie darauf, dass Ihnen Ihr Chef sagt, wohin er mit dem Projekt will und welche Aufgaben Priorität haben. Dann kann sich auch keiner verzetteln. Quelle: Fotolia
Ihre Vorgesetzten loben zu wenig bis gar nicht? Dann tun Sie es doch! Loben Sie Ihre Kollegen, wenn etwas gut geklappt hat. Mit etwas Glück werden demnächst auch Sie gelobt - und das tut immer gut. Egal, von wem es kommt. Quelle: Fotolia

Die Kraft zu einem wirklichen Aufbruch erwächst so aus einer Phase der Ruhe und Besinnung, die vielleicht noch immer am besten mit dem etwas aus der Mode gekommen Begriff der Muße gekennzeichnet ist. Das altgriechische Wort für „Muße“ war „scholé“, von dem sich auch unsere „Schule“ ableitet.

Es bezeichnete ursprünglich die Stätte, an der man sich aufhielt, wenn man nicht arbeiten musste. Die Antike sah in dieser Muße übrigens die entscheidende und erstrebenswerte Weise des Daseins überhaupt, die Arbeit hingegen als das, was eigentlich vermieden werden sollte. Arbeit war dann auch definiert als Negation der Muße: „ascholia“.

Diese Muße war allerdings alles andere als ein Nichtstun. Sie war keine leere Zeit, die mit Unterhaltung und Zerstreuung gefüllt werden musste, sondern die Zeit, über die man frei verfügte und die man konzentriert den Dingen des Lebens widmen konnte, die ihren Wert in sich trugen und nicht Mittel zum Zweck waren: Schönheit, Erkennen, Freundschaft, Erotik.

Vom Wettbewerb getrieben

Im Müßiggang des Flaneurs mag sich dieses Konzept zumindest als Randphänomen auch in die Moderne gerettet haben. Der absichtslose, dennoch höchst aufmerksame Müßiggang ist dann auch die einzige Bewegung, die in einen Aufbruch umschlagen kann: Wenn es irgendwann dann doch etwas zu tun gibt.

Erst die Moderne machte aus der Arbeit eine Tugend und aus dem Müßiggang den Anfang aller Laster. Seitdem fürchten wir uns vor der Muße, bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn wir nicht ständig dynamisch, in Bewegung und produktiv sind. Und wenn wir uns einmal zurücklehnen und durchatmen wollen, nennen wir dies nicht mehr Muße, sondern Regenerationsarbeit. Noch in der Untätigkeit müssen wir tätig sein, auch der Schlaf will mittlerweile effizient organisiert sein.

Was Gesten über Sie verraten
Ein Mann verschränkt die Hände hinter dem Kopf Quelle: Fotolia.com
Vermutlich Angela Merkel mit verschränkten Händen Quelle: dpa
Eine Frau mit verschränkten Armen Quelle: Fotolia.com
Eine Frau fasst sich an den Hals Quelle: Fotolia.com
Eine Hand berührt den Ärmel am Anzug der anderen Hand Quelle: Fotolia.com
Eine Frau zeigt mit "zur Pistole" geformten Fingern auf den Betrachter Quelle: Fotolia.com
Eine Frau fasst sich an die Nase Quelle: Fotolia.com

Einer Gesellschaft, die sich diese Muße glaubt nicht mehr leisten zu können, wird aber die Kraft zu einem wirklichen Aufbruch fehlen. Sie wird wohl in Bewegung bleiben, aber nirgendwohin aufbrechen können. Das ständig präsente Gefühl, von Märkten, Innovationen, dem Wettbewerb und der Konkurrenz getrieben zu sein, die omnipräsente Angst, sofort zurückzubleiben und alles zu verlieren, gönnte man sich nur eine Pause, die fatalistische Vorstellung, dass man nicht der Gestalter der Zukunft wäre, sondern nur auf diese reagieren könne, die Zustimmung zu einer Welt, in der angeblich die Sachzwänge kaum noch Besinnung und Alternativen zuließen – all dies sabotiert jeden Gedanken an Reflexionsphasen und ein Innehalten, das den Boden bereiten könnte für einen Aufbruch, der diesen Namen verdiente.

Dabei gibt es zahlreiche Fragen unserer Gesellschaft, für die das Immerweiter und dessen Beschleunigung wohl nicht mehr die beste Lösung darstellen. Die Fetischisierung von Wachstum und Wettbewerb zählt ebenso dazu wie die fantasielose Fortschreibung des europäischen Projekts als bürokratische Anstalt.

Dass die Fortschritte von Automatisierungstechnologien im Zuge der digitalen Revolution ein Überdenken unseres tradierten Konzeptes von Lohnarbeit ebenso notwendig machte wie eine Neuorientierung in den Fragen von Bildung und Ausbildung, scheint einerseits unabdingbar.

Andererseits gönnen wir uns kaum die Zeit, diese Fragen vorbehaltlos und in Ruhe zu diskutieren. Lieber verfallen wir in einen Reformaktionismus, der in der Regel wenig klärt, viel Verwirrung stiftet, bürokratische Selbstläufer freisetzt und die Menschen am Denken hindert. Muße als Chance, Dinge zu reflektieren, erforderte auch den Mut und die Kraft, einmal nichts zu tun – um dann vielleicht dorthin aufbrechen zu können, wo man tatsächlich auch hin will.

In Arbeit
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Dabei könnte unserer Zeit der Muße und ihren Möglichkeiten durchaus hold sein. Die Eliten der Antike konnten die Muße und mit ihr die Musen feiern und die Arbeit den Sklaven überlassen. Ein Gutteil der Arbeit in hoch entwickelten Gesellschaften wird heute von Maschinen erledigt – warum aber spüren wir nichts von dieser Entlastung?

Warum sind wir Gehetzte, obwohl mehr Menschen denn je ihrem Leben eine Gestalt geben könnten, in der die Muße eine gleichermaßen befreiende wie produktive Rolle spielen könnte? Warum organisieren wir sogar unsere Freizeit als Wettbewerb, in dem in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Destinationen zu besuchen und Events zu absolvieren sind?

Könnte es nicht reizvoll sein, kurz innezuhalten und die Muße neu zu definieren: sie weder zu verachten noch als mentale Ressource zur Effizienzsteigerung zu missbrauchen, sondern als erstrebenswerte Dimension unseres Daseins anzuerkennen? Solch eine Neuorientierung, aus der Muße, hin zur Muße, wäre tatsächlich ein Aufbruch.

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