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Personalführung Unbegrenzt Urlaub

Während Verbände in Deutschland Urlaubsverzicht fordern, gehen immer mehr Unternehmen in den USA den anderen Weg. Sie lassen ihre Mitarbeiter selbst entscheiden, wo und wie viel sie arbeiten. Das Ergebnis: Sie werden produktiver.

ARCHIV - Urlauber sitzen am Quelle: dpa

Es hört sich an wie ein Traum: unbegrenzter, bezahlter Urlaub, flexible Arbeitszeiten, und ob er von zu Hause arbeitet oder ins Büro kommt, bleibt dem Mitarbeiter auch selbst überlassen – solange die Arbeit nicht liegenbleibt. Es sind die Freiheiten eines Selbständigen mit der Sicherheit eines Angestellten. Einige Firmen in den USA gewähren ihren Mitarbeitern diesen Vertrauensvorschuss und sind mit den Ergebnissen hochzufrieden.

Die Angestellten bei IBM sind berüchtigte Workaholics. Deshalb werden sich die Entscheider bei IBM in den USA keine zu großen Sorgen gemacht haben, dass die Belegschaft plötzlich nur noch drei Tage die Woche zur Arbeit kommt und im Urlaubsmonat Juli gar nicht mehr. Freie Tage sprechen die Angestellten nur mit ihren direkten Vorgesetzten ab. Solange jeder die geforderte Leistung erbringt, muss keiner über seine Arbeitszeiten Rechenschaft ablegen.

Die Deutschen gehen den entgegen gesetzten Weg: Die Mittelstandsverbände verlangen derzeit, dass Arbeitnehmer pro Jahr eine oder zwei Wochen Urlaub weniger nehmen, um die Konjunktur anzukurbeln. Dabei ist Deutschland laut Beratungsunternehmen Mercer mit durchschnittlich 20 Urlaubstagen in Europa das Schlusslicht. Die meisten Urlaubstage, 30 nämlich, haben die Finnen.

Mehr Urlaub - mehr Stress?

Der Erfolg von IBM lässt Zweifel an der Verbandsforderung aufkommen. Kein Arbeitgeber lässt sich ohne Protest zwei Wochen Urlaub wegnehmen. IBM hebt stattdessen die Grenzen auf, mit dem Ergebnis, dass kaum ein Mitarbeiter mehr Urlaub nimmt, dabei aber produktiver arbeitet als vorher.

Viele Unternehmen kontrollieren schon lange nicht mehr die Stundenanzahl, die Mitarbeiter täglich im Büro verbringen. Home Office ist auch Routine geworden. Fast die Hälfte aller Angestellten bei Sun Microsystems darf sich den Arbeitsplatz aussuchen. Bei IBM in den USA haben nur 40 Prozent einen festen Arbeitsplatz. Was IBM und ein Prozent aller amerikanischen Unternehmen ihren Mitarbeitern erlauben, ist die logische Fortsetzung davon. Wer eigenverantwortlich und flexibel über seine Arbeitszeiten entscheiden kann, ist meist auch zufriedener und legt sich mehr ins Zeug, um sich die freie Zeit redlich zu verdienen.

In dieser neuen Arbeitskultur verschwimmen allerdings die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit. Wer früher geht, ist meist immer noch per Handy erreichbar. Und wann endet im Home Office der Arbeitstag endgültig? Experten befürchten, dass Angestellte in dieser Situation erst recht ständig erreichbar sein müssen, und dass der Stresspegel nicht sinkt, sondern steigt. IBM macht keine Angaben dazu, wie viel Freizeit sich die Angestellten jetzt nehmen, man verfolge es ja nicht mehr.

Das Modell hat auch seine Grenzen. Wenn ein Arbeitgeber nach Stundenzahl vergütet oder Überstunden bezahlt, kann er ein solches Konzept schwer umsetzen. Auch in der Produktion oder im Servicebereich müssen Mitarbeiter für bestimmte Zeiten vor Ort sein, ohne wenn und aber.

Der Elektronikhändler Best Buy hat sich ein ähnliches Modell wie IBM ausgedacht. ROWE heißt es, „results only work environment“. Es geht um die Ergebnisse, nicht um die Stunden und Minuten, die ein Mitarbeiter am Schreibtisch sitzt. Die Teams, die am ROWE-Programm teilnehmen, arbeiten laut Firmenangaben 40 Prozent produktiver. Best Buy hat das Programm allerdings beschränkt. Wer in der Filiale arbeitet, kann nicht früher nach Hause gehen und die Kunden an der Kasse vergeblich warten lassen.

Am besten funktioniert die Idee der grenzenlosen Freizeit in kleinen Unternehmen und Start-Ups. Der Chef kennt jeden und weiß, ob er seinen Mitarbeitern zutraut, die Arbeit auf jeden Fall zu erledigen. Keiner kann unauffällig seine Arbeitszeit routinemäßig verkürzen. Ein solches Unternehmen ist Social Strata, ein Social-Media-Projekt in Seattle. Als eine Mitarbeiterin sich um ihren kranken Mann kümmern musste, entschieden die Firmenchefs, nicht nur ihr, sondern gleich allen Angestellten mehr Freiheit zu gewähren. Die zehn Mitarbeiter würden jetzt kaum mehr Urlaub nehmen, als zu Zeiten der strengeren Regeln.

Mehr Verantwortung als Belohnung

In den USA hat die Diskussion über Urlaubszeit eine andere Bedeutung als in Deutschland. Üblich sind 15 bis 25 bezahlte Urlaubstage pro Jahr, 30 Tage wie hierzulande erhalten meist nur langjährige Mitarbeiter in höheren Positionen. Dafür ist es üblich, dass Amerikaner alle paar Jahre einen „Sabbatical“ nehmen, einige Monate unbezahlten Urlaub, um den Traum von der Weltreise zu verwirklichen oder ein Buch zu schreiben.

In Zeiten, wo sich Firmen Bonuszahlungen kaum leisten können, ist Flexibilität bei gleicher Leistung ein wirksamer Motivationstreiber. Firmen, die auf flexible Arbeitsmodelle umstellen, berichten, dass Mitarbeiter viel seltener kündigen. Meist steigt allerdings die Zahl der Kündigungen durch den Arbeitgeber – wer bisher nur mit Papier geraschelt und während der Arbeitszeit wenig vollbracht hat, wird nach dem neuen Prinzip schnell entlarvt. Anwesend sein heißt nicht produktiv sein. Auch wenn viele diese Korrelation für veraltet halten, wollen nur wenige ihre Mitarbeiter in die Eigenverantwortung entlassen.

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