Positives Denken reicht nicht Hört endlich auf zu träumen!

Positives Denken allein reicht nicht. Wir realisieren Pläne, Träume und Ziele eher, wenn wir auch die Widerstände mitdenken, sagt die Motivationspsychologin Gabriele Oettingen.

Gabriele Oettingen ist Professorin für Pädagogische Psychologie und Motivation an der Universität Hamburg und derzeit an der New York University. Ihr aktuelles Buch:

Frau Oettingen, viele Menschen suchen heute nach Motivationshilfe. Wieso eigentlich?

Oettingen: Möglicherweise ist das Bedürfnis nach Motivation bei vielen Menschen auch früher vorhanden gewesen. Aber man sprach weniger darüber. Es gab ja oft auch keine Alternativen. Die Lebensläufe waren weitgehend vorgezeichnet. Wenn es klar ist, dass bestimmte Berufe und Rollen von Generation zu Generation weitergegeben werden, wenn vorgezeichnet ist, wer mit wem wo wann spricht, und wenn der Sohn des Schreiners auch wieder Schreiner wird, so stellt sich die Frage von vornherein weniger, ob jemand für diese Aufgabe motiviert ist. Erst wenn sich die Möglichkeit eröffnet, verschiedene Dinge zu tun und die eigenen Ziele zu bestimmen, stellt sich auch die Frage, was man will und wie man die Ziele erreichen kann.   

Ein großer Teil der Ratgeber-Literatur besteht, plakativ ausgedrückt, aus der Botschaft: Denke positiv, lebe deine Träume, dann werden sie wahr.

Ich möchte kein Urteil über andere Autoren fällen. Positive Tagträume sind auch grundsätzlich nichts Schlechtes. Sie können in schwierigen Lebenslagen beispielsweise akutes physisches und psychisches Leiden erleichtern - sich vorzustellen, wie schön die Zukunft sein wird, ist angenehm. Aber das bedeutet nicht, dass man der Erfüllung der Träume näher kommt, wenn man sich ihnen hingibt. Unsere jahrelangen Untersuchungen haben gezeigt, dass positive Tagträume davon abhalten können, dass man wirklich aktiv wird. Es erlaubt uns die Erfüllung der Wünsche virtuell, wodurch sie uns die Energie entziehen, die notwendig wäre, um sie im wirklichen Leben zu erreichen. So kann es vorkommen, dass Menschen nie die Frau oder den Mann ihrer Träume ansprechen, eine oft in Gedanken durchgespielte Reise nie versuchen oder den ersehnten Ausbildungsgang nie starten.

Warum Sie sich besser motivieren können als jeder andere
Interne Motivation:Bei den unterschiedlichen Motivationsstrategien unterscheiden Wissenschaftler zwischen internen und externen Motivationsfaktoren. Weitaus effektiver sind die internen Anreize, die uns zu Höchstleistungen anspornen. Sie müssen es also selber wollen: Die Psychologen Amy Wrzesniewski und Barry Schwartz von der Universität Yale haben dies in einer Langzeitstudie mit Kadetten der amerikanischen Militärakademie West Point nachgewiesen. Die Kadetten wurden zu Beginn ihrer Kadettenlaufbahn befragt, woher sie ihre Motivation nehmen an der Ausbildung teilzunehmen. Nach der Auswertung von über 10.000 Daten kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass Kadetten, die ihre Motivation aus inneren Überzeugungen ziehen können, überdurchschnittlich erfolgreiche Akademie-Abschlüsse ablegen. Verglichen mit Kollegen, die ihre Motivation aus externen Gründen wie einem sicheren Job oder Einkommen ziehen, haben sie eine 20-Prozent höhere Chance, West Point erfolgreich abzuschließen. Quelle: AP
Eifersucht, Hass und LiebeStarke Gefühle sind die besten Motivationshelfer: Unsere Entscheidungen treffen wir oft genug nicht bewusst und überlegt. Im Gegenteil. In unserem Gehirn kämpfen ein rationaler und ein emotionaler Teil über die Entscheidungshoheit. Um Mitmenschen zu motivieren, eignet sich der emotionale Flügel aber weitaus besser. Gefühle wie Eifersucht, Liebe oder Mitleid bewirken viel schneller Verhaltensänderungen als rationale Argumente. Dieses Thema greifen auch die beiden Autoren Chip and Dan Heath in ihrem Buch „Feel something“ auf. Dabei beziehen sie sich auf Untersuchungen mit etwa 400 Probanden aus über 130 Unternehmen. Quelle: Fotolia
FortschrittBetrachten Sie die Fortschritte, die Sie schon gemacht haben, anstatt die Aufgaben, die noch vor Ihnen liegen: Nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch im Alltagsleben kann diese Motivation Gold wert sein. Teresa Amabile von der Universität Havard erklärt in ihrem Buch „The Progress Principle“, dass viele kleine Fortschritte während eines Arbeitsprozesses Menschen mehr anspornen als seltene, große motivierende Ereignisse. Amabile stützt ihre Theorie auch eine Analyse von etwa 12.000 Tagebucheinträgen von rund 240 Angestellten aus sieben unterschiedlichen Unternehmen. Als Tipp rät die Autorin Führungspersönlichkeiten daher, die Mitarbeiter regelmäßig zu Reflektionen anzuregen. Wo habe ich begonnen und wie weit bin ich gekommen? So werden auch kleine Fortschritte deutlicher. Quelle: Fotolia
Warum – und nicht wasEs ist egal, was Sie tun, solange Sie wissen, warum Sie es tun. So lange Sie keinen Sinn in Ihrem Handeln sehen, wird es schwer fallen, sich zu motivieren. Diesen Forschungsansatz verfolgt auch Simon Sinek, der das Verhalten von Führungspersonen wie Abraham Lincoln, Martin Luther King oder Steve Jobs analysiert. In seinem Buch „Start with Why: How great Leaders Inspire Everyone to Take Action“ identifiziert er vor allem eine Gemeinsamkeit der historischen Personen: Ihre Fähigkeit Menschen durch Reden zu motivieren. Eine nähere zeigt, Lincoln, King & Co. legten besonders viel Wert darauf, das „Warum“ zu erklären und nicht bloß das „Was“. Quelle: Fotolia
Das Beste aus dem Arbeitsalltag machen Quelle: Fotolia
IdentifikationEin Schlüssel für motivierte Kollegen und Mitarbeiter ist ihr Identifikations- und Zufriedenheitsgefühl im Job. Immerhin 67 Prozent der Beschäftigten machen hierzulande nur noch Dienst nach Vorschrift, sind also kaum bei der Sache. Jeder sechste hat innerlich sogar gekündigt - das geht aus einer Studie der Unternehmensberatung Gallup hervor. Für die Motivation von Mitarbeitern ist dieser innere Boykott Gift. Umso wichtiger ist es also für Manager und Führungskräfte, von vornerein dieses Missstimmung zu vermeiden. Auch Google-Gründer Larry Page sagte dem Magazin Fortune, es sei äußerst erstrebenswert dass "sich die Mitarbeiter als Teil der Firma fühlen und die Firma für sie wie eine Familie ist." Quelle: Fotolia
Sich selbst belohnen Quelle: Fotolia
Sich künstlich Zeitdruck schaffen Quelle: Fotolia
WettbewerbFür die Motivation sind nicht nur die Höhe des Lohns entscheidend, sondern auch der Vergleich mit anderen. Ökonomen und Hirnforscher der Universität Bonn haben herausgefunden, dass Männer eine große Motivation aus dem Wettbewerb mit Kollegen ziehen. In ihrem Versuch ließen sie 38 Männer in Schätz-Übungen paarweise gegeneinander antreten. Dabei überprüften die Forscher die Hirnaktivität der „Belohnungszentren“ bei den Schätz-Siegern. Das Ergebnis: Am höchsten war die Hirnaktivität bei denen, die selber einen hohen und ihre Kontrahenten einen niedrigen oder gar keinen Lohn erhielten. Quelle: Fotolia

Mit Ihrer Methode des "mentalen Kontrastierens" wollen Sie die Menschen zum Handeln bringen.

Ja. Mentales Kontrastieren ist eine mentale Strategie, die auf Zukunftsträumen basiert, aber hier nicht stehen bleibt, sondern die positiven Zukunftsphantasien mit einem klaren Bewusstsein für die widerständige Realität anreichert. Die Lösung ist nicht, auf Träume und positives Denken zu verzichten. Es geht vielmehr darum, unsere Fantasien motivational zu nutzen - dadurch, dass wir sie dem gegenüberstellen, was uns oft zu ignorieren geraten wird: nämlich die Hindernisse in uns, die Sperren, die uns vom Handeln abhalten, die uns im Wege stehen. Mentales Kontrastieren, so zeigt eine Vielzahl von Studien, führt dazu, dass wir Pläne machen und Kraft gewinnen zur Umsetzung unserer Wünsche, wenn diese wichtig und auch erreichbar sind; mentales Kontrastieren führt aber auch dazu, dass wir unsere Energie in andere vielversprechendere Projekte investieren können, wenn die Wünsche nicht erreichbar oder am Ende doch nicht so wichtig sind.

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