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Promotion Doktor Gernegroß und die Leichtigkeit des Scheins

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Lohnvorteil Doktortitel Quelle: Ed Fotheringham

Die Causa Guttenberg wirft daher auch die Frage nach der Funktionsfähigkeit des wissenschaftlichen Betriebs auf. Einen Professor hat man sich in diesen Betrieb wie einen „Meister“ vorzustellen, der dank seines Übersichtswissens kluge Fragen aufwirft, die seine wissenschaftlichen Mitarbeiter zu beantworten suchen. Es ist die erklärte Aufgabe der Schüler, die vom Meister identifizierten Wissenslücken unter dessen Anleitung zu füllen – wobei der Schüler seinen Lehrer vor allem dadurch ehrt, „dass er in dessen Geist oder darüber hinaus zu Neuem aufbricht“, so Peter Häberle, der „Doktorvater“ Guttenbergs. Der Kitt in dieser Meister-Schüler-Beziehung ist Vertrauen: Der Promovend verlässt sich auf die Autorität seines Professors – ihr entlehnt er mindestens teilweise den Wert seiner Dissertation –, und der Professor verlässt sich auf die handwerkliche Professionalität des Promovenden. In beiden Fällen ist der Umgang mit geistigem Eigentum der Prüfstein – und es ist keineswegs so, dass nur die Schüler damit zuweilen etwas legerer umgehen: Wie viele Professoren zieren jede Arbeit „ihres“ Instituts mit ihrem persönlichen Namen?

Wissenschaft als Titellieferant

Seinen guten Ruf als Hort der Wahrheit aber kann der Wissenschaftsbetrieb nur durch den konsequenten Schutz des geistigen Eigentums wahren – und das heißt: durch den Schutz derer, die dank Fleiß und Begabung Höchstleistungen im akademischen Betrieb erbringen – vor allem abseits der fächerspezifischen Nischen an international vergleichbaren Spitzenuniversitäten. Der eigentliche Skandal des Bürger-Fürsten Guttenberg besteht darin, dass ausgerechnet er diese Exzellenten verhöhnt: Der Abgeordnete hat die Wissenschaft als Titellieferant missbraucht – der tätige Minister hat sie als Verhandlungsort von theoretischen Nebensächlichkeiten der Lächerlichkeit preisgegeben. Bei alledem kann sich Guttenberg auf einen Antiintellektualismus stützen, der sich nicht erst seit Gerhard Schröders Wahl-Kampagne gegen den „Professor aus Heidelberg“ großer Popularität erfreut. Die Guttenberger leisten einer bedrohlichen Inflation von Schlichtheit und Schläue an den Universitäten Vorschub. Seiner Entwertung kann der Wissenschaftsbetrieb nur durch die radikale Begrenzung der Titelmenge begegnen. Noch mehr Standard und noch weniger Auszeichnungen – das ist die Lehre aus dem Fall Guttenberg.

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