WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Psychologie Placebo-Effekt für das Gehirn

Gehirndoping leicht gemacht. Wer an seine Fähigkeiten glaubt, kann Wissen besser abrufen, belegen neurologische Untersuchungen.

Abitur-Prüfung am 13.05.2011 in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing (Niederbayern). Quelle: dpa

Vielleicht hat die Bibel doch recht. Der Glaube kann Berge versetzen, verspricht Jesus im Matthäus-Evangelium. Ein psychologisches Experiment an der Universität Witten/Herdecke zeigt nun, dass der Glaube an seine eigenen Fähigkeiten tatsächlich etwas bewegt. Zwar nicht unbedingt Berge, zumindest positive Wirkung auf die tatsächlichen Fähigkeiten hat. Wer Angst vor Prüfungen hat, schneidet schlecht ab – wer glaubt, gut vorbereitet zu sein, schneidet besser ab. Auf diese kurze Form kann man die Ergebnisse einer Studie von Ulrich Weger von der Universität Witten/Herdecke bringen.

Der Psychologe hat 40 Versuchspersonen einem Allgemeinwissenstest unterzogen. Die eine Hälfte der Kandidaten ging völlig unvorbereitet in den Test. Die anderen Probanden wurden die Lösungsworte erst langsam auf einem Bildschirm vorgespielt und dann immer schneller, bis die Worte nicht mehr zu erkennen waren. Einer der Wissenschaftler behauptete währenddessen gegenüber den Probanden, dass diese Prozedur wirke. Es gehe deswegen einfach nur darum, der eigenen Intuition zu folgen. "Wir wollten den Probanden das Gefühl von Unterstützung geben. Tatsächlich haben wir in der eigentlichen Testphase völlig zufällige Worte über den Bildschirm huschen lassen. Aber die Testpersonen hatten eben das Gefühl, im Unterbewusstsein doch die Lösung vom Bildschirm ablesen zu können" erklärt Weger den Versuchsaufbau. Weger vergleicht diese Pseudo-Vorbereitung mit dem aus der Medizin bekannten Placebo-Effekt: "Wir haben nicht eine scheinbare Pille verabreicht, wir haben vielmehr die Überzeugung von der eigenen Leistungsfähigkeit unserer Probanden angesprochen."

Zehn Entscheidungsfallen, in die wir regelmäßig tappen
Spontan macht großzügigWer spontane Entscheidungen trifft, ist spendabel – wer dagegen lange zögert, neigt eher zur Knausrigkeit. Das fanden Forscher der Universität Harvard in einer Studie mit 2000 Teilnehmern heraus. In einem Experiment wurden die Probanden in Vierergruppen eingeteilt und sollten jeweils Geld in einen Topf werfen. Das wurde später verdoppelt und auf alle Gruppenmitglieder aufgeteilt. Die Personen, die ihr Geld schneller in die Gemeinschaftskasse warfen, gaben in der Regel auch mehr Geld  ab als diejenigen, die sich mit ihrer Entscheidung länger Zeit ließen. Quelle: Fotolia
Weniger ist manchmal mehr Wer bei seinen Kaufentscheidungen zwischen einer großen Auswahl an Produkten wählen kann, wird mit seiner Entscheidung am Ende nicht unbedingt glücklicher sein. Das Phänomen beschreibt Verhaltenspsychologe Barry Schwartz oft am Beispiel des Jeans-Kaufs. Wer vor einer riesigen Auswahl an Jeans mit verschiedenen Farben und Schnitten steht, hat es schwer die richtige zu finden. Zum einen dauert die Entscheidung deutlich länger als bei einer kleinen Auswahl, zum anderen kommen zu Hause die Selbstzweifel: Habe ich das richtige Model gewählt, gibt es vielleicht bessere? Ähnliches passiert in Restaurants mit umfangreichen Speisekarten. Studien zeigen, dass Kunden im Supermarkt mehr kaufen, wenn die Auswahl kleiner ist. Quelle: REUTERS
Actionspiele beeinflussen Entscheidungen positivVerhaltensforscher der Universität Rochester haben herausgefunden, dass Actionspiele dabei helfen, Entscheidungen schnell und korrekt zu treffen. Die Spieler können der Studie zufolge besser einschätzen, was um sie herum vorgeht. Das hilft im Alltag beim Autofahren oder anderen Multitasking-Situationen. Probanden der Studie waren 18 bis 25-Jährige, die nicht regelmäßig spielten. Quelle: dpa
Sport macht effektivÄhnlich positiv wirkt sich Sport auf Entscheidungen aus. Wer sich im sportlichen Wettkampf gegen den Gegner durchsetzen will, muss schnelle Entscheidungen treffen. Eine Studie an 85 Handballern zeigte, dass deren Aktionen umso effektiver waren, je weniger Zeit sie vorher zum Nachdenken hatten. Quelle: dpa
Wahl nach ÄußerlichkeitenVersuchen zufolge hängen Wahlentscheidungen stark von der äußeren Erscheinung des jeweiligen Politikers ab. In einer Studie beurteilten die Testpersonen Wahlplakate aus der Schweiz. Obwohl sie nichts über die Politiker wussten, sondern nur ihr Aussehen kannten, trafen sie insgesamt fast die gleiche Wahlentscheidung wie die echten Wähler.   Quelle: dpa
Bequemlichkeit für mehr Gesundheit Wer sich vornimmt, im neuen Jahr, ab morgen oder nächster Woche endlich gesünder zu essen, wird voraussichtlich scheitern: Denn nur wenn gesünder auch gleichzeitig bequemer heißt, ist das Vorhaben erfolgversprechend. Ist die Salatbar näher als das Nachspeisenbuffet, greifen mehr Menschen zur Tomate. Schließt die Tür des Aufzugs sehr langsam, benutzen mehr Leute die Treppe. Dies zeigten Versuche an der Universität Cambridge.  Quelle: Creative Commons-Lizenz
Sohn zur Mutter, Tochter zum VaterBei der Partnerwahl lassen sich Menschen offenbar stark von ihrer Familie beeinflussen. Einer Studie der ungarischen Universität Pécs zeigt, dass Männer sich gerne für Lebenspartnerinnen entscheiden, deren Gesichtszüge denen der Mutter ähneln. Andersherum wählen Frauen gerne Männer, in denen sich der Vater wiedererkennen lässt. Quelle: dpa

Der erwartete Effekt war bei den Versuchspersonen tatsächlich zu beobachten: Die scheinbar vorbereitete Experimentalgruppe schnitt besser im Wissenstest ab, als die unvorbereitete Kontrollgruppe. Sie lösten im Durchschnitt 9,9 Antworten, Versuchspersonen der Kontrollgruppe dagegen im Durchschnitt nur 8,4 Antworten "Wir haben ja nicht das Wissen verbessert. Aber das Gefühl der Unterstützung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wurden gestärkt." Weger vermutet, "dass sich diese Personen dann zum Beispiel mehr angestrengt haben, besser ihre eigenen Ängste überwinden konnten, systematischer überlegt haben. Sie konnten schlichtweg das vorhandene Wissen besser abrufen und dadurch hat sich die Leistung dann tatsächlich verbessert."

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Viele Menschen haben offensichtlich nicht nur körperliche Reserven, die oft ungenutzt bleiben, sondern auch mentale. Sie nutzen zu können, dürfte nicht nur bei harmlosen Wissenstests deutliche Vorteile über jene verschaffen, die sie ungenutzt lassen. Fragt sich nur, wie man sich selbst ein mentales Placebo verabreichen könnte. Denn die Wirkung eines Placebos ist natürlich davon abhängig, dass der Einnehmende nicht weiß, dass es sich um ein wirkstofffreies Placebo handelt. Dieser Frage werden sich Weger und seine Kollegen in der Zukunft widmen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%