Stephanie Grimm "Wir sehen Schlaf als verlorene Lebenszeit"

Schlaf ist in unserer Gesellschaft nur dann wichtig, wenn es ein Problem damit gibt. Das muss sich schleunigst ändern. Denn Schlaf ist keine Zeitverschwendung, sagt die Autorin des Buches "Schlaft doch, wie ihr wollt".

Diese Wachmacher sind besser als Kaffee
Kaffee bekommt KonkurrenzKaffee ist nach wie vor des Deutschen liebstes Getränk. 2015 lag der Pro-Kopf-Konsum bei erstaunlichen 162 Litern. Koffeinhaltiger Kaffee ist für viele der Wachmacher Nummer 1. Morgens, mittags, abends – zu jeder Tageszeit wird das schwarze Heißgetränk getrunken, um der Müdigkeit den Kampf anzusagen und die Konzentration zu steigern. Das Erfolgsrezept von Kaffee: Das darin enthaltene Koffein beginnt bereits im Magen zu wirken. Der vitalisierende Effekt tritt schon nach kurzer Zeit ein, hält jedoch (je nach Dosierung des Koffeins) nur wenige Stunden an. Aus diesem Grund reicht die eine Tasse Kaffee am Morgen meist nicht aus, um fit durch den gesamten Tag zu kommen. Höchste Zeit, sich nach ein paar guten Alternativen umzuschauen. Quelle: dpa
WasserEin echter „Gehirnbooster“ und natürlicher Wachmacher ist Wasser. „Die meisten von uns trinken viel zu wenig Wasser und würden sich wundern, was alles passiert, wenn sie den Tag mit einem halben Liter Wasser beginnen würden“, sagt Nicole Schütz, Ernährungsberaterin aus Erfurt. Wasser ist nicht nur günstig und frei von Kalorien, sondern auch ein echtes Allheilmittel. Es versorgt die Körperzellen mit ausreichend Feuchtigkeit, steigert die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit des Gehirns, dient als Transport- und Lösungsmittel und ist nicht zuletzt auch ein wichtiger Motor verschiedener Stoffwechselprozesse. Übrigens: Ein Glas Wasser vor jeder Mahlzeit sorgt für ein schnelleres Sättigungsgefühl und hilft dadurch auch beim Abnehmen. Quelle: dpa
Grüner und schwarzer TeeWer seine Magenschleimhäute schonen und einen möglichst langen Wach-Effekt genießen will, greift statt zum Kaffee besser zum Tee. Die Blätter von grünem und schwarzem Tee enthalten ebenfalls Koffein. Das sogenannte Teein weist zwar eine geringere Konzentration als das Koffein der Kaffeebohne auf, kann dafür aber durch andere Stärken überzeugen. Da das Koffein in Tee an Gerbstoffe gebunden ist, kann es nicht vollständig vom Körper aufgenommen werden. Teein entfaltet seine Wirkung erst im Darm, weswegen der Wach-Effekt später eintritt und länger anhält. Außerdem sind grüne Tees wie der japanische Matcha weitaus bekömmlicher. Die Ernährungsexpertin Nicole Schütz weiß: „Grüner Tee enthält Polyphenole, sogenannte Antioxidantien. Diese schützen die Zellen und haben eine gesündere Wirkung auf den Körper. Außerdem kurbeln sie den Stoffwechsel an.“ Schwarze und grüne Tees lösen weder Nervosität noch andere Nebenwirkungen aus, die bei zu starkem Kaffeekonsum auftreten. Quelle: dpa
SchokoladeSchokolade ist vor allem dafür bekannt glücklich zu machen. Tatsächlich handelt es sich hierbei jedoch auch um einen koffeinhaltigen Wachmacher. Wer Schokolade konsumieren will, um davon munter zu werden, sollte stets an die folgende Faustregel denken: Je höher der Kakaoanteil, desto größer ist der wach-machende Effekt. Eine Tafel Zartbitterschokolade enthält etwa 90 Milligramm Koffein und kann es damit durchaus mit einer Tasse Kaffee aufnehmen. Die Konzentration des Koffeins in Vollmilchschokolade ist weitaus geringerer, reicht aber aus, um seine aufputschende Wirkung zu entfalten. Vorsicht: Gerade Kinder sind anfällig für diese geringen Koffein-Dosen und sollten daher nie zu viel Schokolade essen. Quelle: Fotolia
Vitamin CEinen besonders schnellen und effektiven Wach-Effekt erzielen scharfe und saure Speisen. Ingwer, Chili, Zitrusfrüchte, Kiwis – sie alle sind nicht nur gesund und reich an Vitamin C, sondern kurbeln auch augenblicklich den Kreislauf und den Stoffwechsel an. Das Resultat: Wir fühlen uns wacher und konzentrierter. Quelle: dpa
Sport, Meditation und WechselduschenDas Gefühl, wach zu sein, kann jedoch nicht nur durch äußere Faktoren wie Lebensmittel hervorgerufen werden. „Für mich gibt es Wachmacher, die ich bereits in mir trage und bewusst einsetzen kann. Auf die Körpersignale zu achten und sie verstehen zu lernen macht sehr viel wacher als diese mit Kaffee zu betäuben", sagt Mitgründerin und Geschäftsführerin von Fielfalt Kira Siefert. Sie empfiehlt daher auch Yoga, eine Affirmation vor dem Spiegel, Meditationen oder auch die Wechsel-Dusche, die den Kreislauf ordentlich in Schwung bringt. Quelle: Fotolia
SonnenlichtGerade im Herbst und Winter neigen viele Menschen zu einem anhaltenden Gefühl der Müdigkeit. Dieses wird durch den Mangel an Sonnenlicht hervorgerufen. Wenn es draußen dunkel wird, schüttet unser Organismus vermehrt das Schlafhormon Melatonin aus. Dieses führt dazu, dass wir müde werden und unser normaler Biorhythmus darauf ausgerichtet ist, nachts zu schlafen. Sonnenlicht hingegen führt zum genauen Gegenteil: Es wirkt vitalisierend auf den Körper und regt den Kreislauf an. Wer auch während der grauen Jahreszeit nicht auf seine tägliche Ration Sonne verzichten möchte, kann übrigens auf spezielle Tageslichtlampen zurückgreifen, die vor allem unter Fotografen schon seit Jahren bekannt und beliebt sind. Diese künstliche Lichtquelle weist das gleiche Farbspektrum wie natürliches Licht aus und sorgt für eine ähnliche Wirkung. Quelle: dpa
Bewegung in der NaturNoch besser als Sonnenlicht? Sonnenlicht in Kombination mit Bewegung. Egal ob ein flinker Morgenspaziergang oder eine ausgedehnte Wanderung: Sportliche Betätigung ist ein hervorragender Wachmacher – erst recht, wenn sie an der frischen Luft stattfindet. Auch hier spielt wieder die Aktivierung des Kreislaufes eine zentrale Rolle. Die frische Luft sorgt zusätzlich dafür, dass der Körper mit reichlich Sauerstoff versorgt wird und zu Höchstleistungen bereit ist. Quelle: dpa
Raus aus den FedernWarum die hier vorgestellten Wachmacher besser als Kaffee sind? Sie alle haben – konsumiert in vernünftigen Dosen – keine Nebenwirkungen, wie sie vom Kaffee ausgelöst werden. Sie greifen weder den Magen an, noch sorgen sie für Unruhe- und Nervositätsgefühle. Stattdessen wirken sie sanft auf den Organismus und dennoch effektiv gegen die Müdigkeit. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Warum hat das Schlafen so einen schlechten Ruf?

Stephanie Grimm: Zum einen wird Schlaf in unserer Gesellschaft gerne mit Faulheit und Trägheit gleichgesetzt. Zum anderen ist er so etwas wie der schwarze Fleck des Lebens, eine Zeit, in der sich unser Bewusstsein abschaltet – und das war bisweilen angstbesetzt. Früher wurde er auch mit dem Tod verbunden und als „gefährlicher Zustand“ gesehen.

Ändert sich das nicht schon längst?

Es findet langsam ein Umdenken statt, aber das wird wohl noch eine Weile dauern. Wir sehen den Schlaf oft genug noch als verlorene Lebenszeit oder als Zeitverschwendung. Auch wenn die Schlafforschung noch relativ jung ist, so zeigt sich doch, dass Schlaf auch gesundheitsfördernd ist – und das muss noch mehr Platz in der Gesellschaft finden.

Zur Person

Wie soll das gehen?

Wir brauchen eine kulturelle Umcodierung des Schlafes – von uncool zu cool. Vielleicht auch eine gesundheitspolitische Kampagne, die zeigt, wie gut uns Schlaf eigentlich tut. Das könnte ähnlichen Erfolg haben, wie beim Thema Rauchen. Obwohl man schon in den 1960er Jahren wusste, dass es ungesund ist, brauchte es eine öffentlichkeitswirksame Kampagne und das Verbot in öffentlichen Räumen, um es einzudämmen.

Es ist ein Statussymbol, wenig zu schlafen.

Wir leben in einer Kultur, die uns suggeriert, dass es gut ist, wenig zu schlafen. Aber das ist falsch. 90 Prozent der Menschen reichen sechs bis acht Stunden Schlaf pro Nacht. Die meisten Menschen sind gut damit beraten zwischen sieben und acht Stunden zu schlafen, oft sind es aber nur fünf bis sechs.

Wie viele Stunden verschiedene Personengruppen im Durchschnitt schlafen

Was sind die Folgen?

Der Körper gewöhnt sich sehr schnell an den Schlafmangel. Die Müdigkeit wird zu einer Grunderfahrung. Aber jeder chronisch unausgeschlafene Mensch wird kognitive Einschränkungen wie etwa Unkonzentriertheit erfahren oder kann nicht mehr zwischen Wichtig und Unwichtig unterscheiden.

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