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Steve Ayan "Manager sind prädestiniert dafür, sich zu viel abzuverlangen"

Weniger Süßes, mehr Konzentration, besseres Zeitmanagement - wir neigen dazu, uns ständig verbessern zu wollen. Der Psychologe Steve Ayan erklärt, warum der Selbstoptimierungs-Trend keineswegs leistungsfähiger macht.

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Wie gehen Sie mit Stress und Ärger um?
Den Stress erkennenDenken Sie darüber nach, welche Faktoren Stress auslösen und bringen Sie diese in eine Rangfolge. Nicht alle Gründe wiegen gleich schwer. Stressauslöser, die bisher als unumgänglich gelten, könnten zu körperlicher und seelischer Beeinträchtigung führen. Quelle: Fotolia
Intuition nicht verkümmern lassenIn kritischen Situationen spontan regieren zu können, ist nicht nur auf der Straße wichtig. Auch im Büro sollte die Bedeutung des Bauchgefühls nicht unterschätzt werden. Wer in Situationen mit Kollegen und Kunden zu kopflastig reagiert, kann sie in Sekunden vergraulen. Laut Conen ist Intuition lernbar – und kann wieder erweckt werden, falls man dazu bereit ist. Quelle: Fotolia
Aufbrechen oder Ausharren?Jede Veränderung schenkt ein Stück neues Leben. Dennoch ist nicht jeder Unmut Grund genug, alles über den Haufen zu werfen. Veränderung ist kein Allheilmittel. Tiefen durchzustehen ist das eine, chronischer Frust das andere. Quelle: Fotolia
Die Gesundheit leidetViele vermeiden es über Jahre, sich Erschöpfung einzugestehen. Ein Burnout kann ein schleichender Prozess sein. Jahrelanger Medikamenten, Alkoholmissbrauch, Autoimmunerkrankungen oder psychische Auffälligkeiten weisen auf Erschöpfung hin. Quelle: imago images
Das Bauchgefühl verbessernLernen Sie ihre Sinne wieder einzusetzen. Riechen und fühlen Sie die Natur oder konzentrieren Sie sich auf die verschiedenen Bestandteile ihres Essens. Verlangsamen Sie eine Aktivität wenn es möglich ist und genießen Sie den Augenblick. Versuchen Sie die Umgebung abzuscannen und sich einzuprägen. Quelle: Fotolia
Das Chamäleon-PrinzipDas Chamäleon sollte das Tier dieses Jahrhunderts werden. Es zeigt alle Fähigkeit, die heute notwendig sind. Vor allem kann es sich auf veränderte Bedingungen einstellen. Es geht nicht darum, seine Authentizität zu verlieren. Es geht darum, sich nicht mehr zu wünschen, dass alles wieder so wird, wie es mal war. Das macht unglücklich. Wagen Sie in der Jobkrise den Sprung in eine zweite Karriere. Quelle: dpa
Neue Energie gewinnenHinterfragen Sie, wo Sie wie viel Energie investieren und ob es sich lohnt. Hinterfragen Sie Ihre innere Motivation und konzipieren Sie um. Schaffen Sie es Ihr Energielevel unter Kontrolle zu halten, bleibt mehr für die Freizeit über. Quelle: Fotolia

Es bringt gar nichts, sich ständig selbst zu optimieren. Das meint zumindest der Psychologe Steve Ayan. In seinem Buch „Lockerlassen“ erklärt er, warum der Selbstoptimierungs-Trend keineswegs leistungsfähiger macht, sondern eher das Gegenteil bewirkt.

WirtschaftsWoche: „Lockerlassen“ heißt ihr Buch und der Titel klingt wie eine Aufforderung. Sind wir alle zu verbissen?

Steve Ayan: Erst einmal verfolgen wir alle nur das ganz natürliche Ziel, ein glückliches Leben zu führen. Daran ist an sich nichts Verbissenes, diesen Wunsch hatten auch schon Generationen vor uns. In unserer Zeit ist dieses Ziel nun aber besonders präsent, weil die sogenannte Selbstoptimierung eine richtige Branche geworden ist.

Uns werden von unzähligen Anbietern Methoden offeriert, wie wir uns in allen Lebensbereichen verbessern können. Die vermeintliche Logik dahinter: Nur wenn wir unsere Lebensweise optimieren, erfüllt sich auch der Wunsch glücklich zu sein.

Wie man einen guten Karrierecoach erkennt

Warum nun aber ?

Selbstoptimierung heißt heute, dass wir bewusster leben sollen: Wir sollen bewusster essen, bewusster kommunizieren, bewusster entspannen. Wenn wir uns aber stark auf eine Sache konzentrieren, übersehen wir leicht andere wichtige Dinge drum herum. Außerdem verzerrt die bewusste Konzentration auf Einzelaspekte – etwa auf persönliche Schwächen oder Nöte – unsere Wahrnehmung. Kleinigkeiten erscheinen dann plötzlich bedeutsamer als sie sind. Bei vielen Gelegenheiten fahren wir also besser, wenn wir nicht so sehr nach Innen horchen und alles ganz bewusst tun wollen.

Daran erkennen Sie einen guten Coach

Gute Vorsätze sollten also ganz schnell wieder aufgegeben werden?

Lockerlassen bedeutet nicht, sich gehen zu lassen. Natürlich kann es sehr vernünftig sein, gute Vorsätze zu haben. Es ist nur die Frage, wie man die auch erreicht. Jemand, der zum Beispiel mit dem Rauchen aufhören will, wird schnell wieder zur Zigarette greifen, wenn er die ganze Zeit über seinen Entschluss nachdenkt und ihn hinterfragt. Viel effektiver ist Ablenkung – etwa durch neue Gewohnheiten, Joggen zum Beispiel. Es ist schon erstaunlich, wie sehr wir heute der Macht der Ablenkung misstrauen. Dabei bietet sie meist den besten Ausgleich vom Stress.

Wir müssen also unsere Routinen durchbrechen?

Ganz wichtig ist es, Routinen zu entwickeln und die eigenen Verhaltensmuster zu ändern. Routinen helfen uns, nicht immer wieder alles von vorne entscheiden zu müssen. Sie machen die ganze Konzentration aufs Ich entbehrlich. Deshalb sind auch nicht alle Angebote und Coachings, die gerade so im Trend sind, nutzlos. Für den ersten Anstoß kann es sinnvoll sein, sich professionell beraten zu lassen. Doch dann kommt es darauf an, das Gelernte auch einzuüben, damit es irgendwann automatisch klappt, ohne bewusstes Nachdenken.

Wenn der Schmerz schlimmer wird

Welche Personen sind besonders anfällig für diesen kontraproduktiven Ehrgeiz?

Es sind vor allem Menschen, die es in ihrem Beruf schon weit gebracht haben. Führungskräfte haben die Einstellung, dass sie jedes Problem meistern können und meistern können müssen. Außerdem sollen und wollen sie immer konkurrenzfähig sein. Diese Ausgangslage prädestiniert dafür, sich sehr viel abzuverlangen – manchmal zu viel.

Macht es krank, sich selber immer weiter optimieren zu wollen?

Tatsächlich gibt es Überschneidungen zu Krankheitsbildern wie Angststörungen oder Depressionen. Auch hier ist der Wunsch nach Kontrolle über sich selbst extrem ausgeprägt. Die Betroffenen beobachten sich sehr genau und überinterpretieren oft schon kleinste Signale.

Fallen fürs Wohlbefinden
Menschen als Marionetten Quelle: Sergey Nivens - Fotolia
Wir haben keine Kraft zum AuftankenDie Müdigkeit, Energielosigkeit und verlorene Lebensfreude, die immer mehr Menschen um die Lebensmitte oder bereits früher spüren, werden durch anhaltende Überforderung, Raubbau an unseren Ressourcen und den Mangel an ausreichenden Regenerationszeiten verursacht. Es ist ganz klar das „zu viel“, das uns unter die Haut geht und dafür sorgt, dass auch der Wochenendtrip nicht mehr zum Entspannen reicht. Quelle: Korta - Fotolia
Wir nehmen uns nicht wichtig genugOft verplempern wir unsere Kraft für Dinge, die nicht wirklich wichtig sind. Familie, Freunde und Freizeit sind vielen deutlich wichtiger als Arbeit. Trotzdem nehmen sich viele Menschen nur sehr wenig Zeit für ihre Lieben. Noch sträflicher gehen wir allerdings noch mit uns selbst um. Quelle: olly - Fotolia
Hausgemachter StressIch muss, ich darf nicht, dafür habe ich keine Zeit: Den meisten Stress machen wir uns selbst. Tatsächlich geht die Welt nicht unter, wenn Sie fünf Minuten später zur Arbeit kommen, weil Sie im Stau standen. Es gibt also keinen Grund, sich in die ohnehin schon unangenehme Situation auch noch weiter hineinzusteigern. Quelle: Tijana - Fotolia
Negativen Emotionen Vorrang gebenIn Stresssituationen wird das Vermeiden oder Reduzieren von Angst zur Hauptmotivation. Wir wollen nicht auffallen, nichts falsch machen, niemanden enttäuschen. Angst jedoch ist stets ein schlechter Ratgeber. Weil negative Emotionen unsere Denkfähigkeit einschränken, viel Energie kosten und so noch viel weniger davon für uns selbst übrig bleibt. Quelle: Brian Jackson - Fotolia

Außerdem gibt es einen Grenzbereich zwischen Krankheiten im strengen Sinne und Befindlichkeitsproblemen. Wir alle haben ja Phasen, in denen es uns mal besser und mal schlechter geht. Auch da ist es in den Stimmungstiefs zunächst besser für uns, Genuss und Ablenkung zu suchen, statt bis ins Kleinste zu erforschen, warum es uns nun gerade so geht. Genauso ist es ja auch, wenn einem was wehtut: Konzentriert man sich auf den Schmerz, wird er schlimmer.

Schaffen Sie es da selber überhaupt noch lockerzulassen?

Ich habe mich mit dem Thema überhaupt erst so intensiv beschäftigt, weil mir der ganze vielverheißende Selbstoptimierungs-Trend immer suspekt war. Er widerspricht meiner persönlichen Erfahrung.

Die besten und erfolgreichsten Momente in meinem Leben waren immer die, in denen ich den Fokus nicht so sehr auf mich gelegt habe. Seit ich das Buch geschrieben habe, vertraue ich noch mehr darauf, dass man auch mal Fünf grade lassen sein kann.

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