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Stilblüten und Fettnäpfchen Gute Manieren als Erfolgsfaktor

Gutes Benehmen ist nichts, was man im Bedarfsfall zückt. Stil hat man oder nicht. Und wer beruflichen Erfolg anstrebt, braucht gute Manieren. Heute mehr denn je. Gute Umgangsformen geben inzwischen den Ausschlag bei Bewerbungen, sie heben Unternehmen im Vertrieb oder Service positiv hervor – gerade, wenn Sie im internationalen Wettbewerb stehen.

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Krawatte zum Anzug Quelle: dpa

Regeln fürs Büro

Anrede

Akademische Grade von Doktor an aufwärts werden bei der Anrede dem Namen vorangestellt („Herr Dr. Müller“), Diplome, Master- und Bachelor-Titel bleiben unerwähnt. Doppelnamen (Müller-Lüdenscheidt) immer vollständig nennen, Ehrentitel und öffentliche Mandate ebenfalls (Herr Bürgermeister, Frau Ministerin), aber nicht auf die Ehepartner übertragen! Komplizierter sind Adelstitel. „Graf“, „Baron“ oder „von“ sind Namensbestandteile, werden also genannt. Dafür fallen „Herr“ oder „Frau“ sowie „von“ und „zu“ weg. Richtig bei Baron zu Lippe: „Guten Tag, Baron Lippe!“ Hat der Baron auch noch promoviert: „Guten Tag, Dr. Baron Lippe!“ Begrüßen  Privat grüßt immer, wer dazukommt oder den anderen zuerst sieht. Geschäftlich zählt allein die Hierarchie. Bei Meetings begrüßen sich aber immer jene zuerst, die sich schon kennen. Danach stellt der Rangniedrigere seine Begleitung vor, ebenso der Ranghöhere danach. Jetzt sind alle mit einander bekannt und können sich die Hand geben. Ein sanfter Druck von zwei Sekunden reicht – mit Blickkontakt. Duzen Das „Du“ darf nur der Ranghöhere anbieten, nicht zwingend der Ältere. Wird es vom Chef etwa auf einer Feier und unter Alkoholeinfluss angeboten, sollte man nur dabei bleiben, wenn er sich am nächsten Morgen daran erinnern mag. Komplimente Schmeicheleien hört jeder gerne. Sie gleiten aber leicht ins Anzügliche ab. Vorsicht: Abmahnungsgefahr! Als Kollege können Sie der Kollegin (die sie gut kennen!) noch sagen: „Sie sehen heute bezaubernd aus.“ Als Chef besser nicht. Je mehr Sie ins Detail gehen („Dieses Dekolleté, Ihre Figur... Wahnsinn!“), desto justiziabler. Gilt auch für betriebliche Feiern, Ein- und Ausstände. Wer schmeicheln will, lobt besser Leistungen, Charakterstärken, Teamspiel. Alles unverfänglich. Ladies first Die Dame zuerst, gilt nur privat. Im Business: Untergebener hofiert Chef. Bei den Fragen „Wer hält wem die Tür auf?“ oder „Wer hilft wem in den Mantel?“ gilt heute: Er kann unterstützend eingreifen, sie aber auch. Verkehrt ist allein, solche Gesten barsch abzulehnen. Mitfahrgelegenheit Ihr Geschäftspartner bietet an, Sie im Auto mitzunehmen: Bloß nicht auf die Hinterbank setzen! Der Typ ist kein Chauffeur. Werden Sie im Taxi chauffiert, sitzt der Ehrengast hinten rechts – optimal zum Ein- und Aussteigen. Wer zahlt, sitzt hinter dem Fahrer oder daneben. Privatsphäre Auch im Büro gibt es Schutz- und Distanzzonen. Beim Plausch auf dem Flur oder im Meeting empfinden Menschen eine Distanz von 60 Zentimetern als Intimzone – sie bleibt engen Freunden vorbehalten. Ein Meter ist nahe genug für Geschäftsdialoge, ein bis zwei Meter in Gruppen. Wer Vertrauen herstellen will, erreicht das besser, indem er Körperhaltung, Sprechweise und Wortwahl angleicht. Pünktlichkeit Höfliche Menschen sind pünktlich. Das gilt auch für Chefs, die ihren Rang gerne damit dokumentieren, dass alle auf sie warten müssen. Stillos! Smalltalk Darum gehts beim lockeren Parlieren: gegenseitiges Kennenlernen, Gemeinsamkeiten betonen, eine gute Atmosphäre schaffen. Als Einstieg eignet sich der Ort, an dem man sich trifft. Alternativ: der Anlass, das Essen. Alle Bemerkungen sollten positiv sein, Kritik ist tabu. Ebenso politische, religiöse und andere weltanschauliche Diskussionen. Telefon Wer anruft, grüßt und stellt sich vor; wer angerufen wird, nennt mindestens seinen Namen, nie aber in der dritten Person („Hier ist Herr Müller“). Fauxpas passieren heute jedoch mit zu lauten Klingeltönen. Diskreter ist der Vibrationsalarm – erst recht in Sitzungen. Wer an öffentlichen Orten parliert, nennt keine Namen! Man weiß nie, wer mithört. Visitenkarten Im Meeting übergibt der Besucher als Erster seine Karte – in Gruppen erhält sie zuerst der Ranghöchste. Ist die Hierarchie nicht erkennbar, werden die Karten reihum verteilt, beginnend mit der nächsten Person. Karten nie ungelesen wegstecken!

Regeln fürs Geschäftsessen

Aperitif

Wird der vor dem Essen gereicht: das Glas nicht zum Tisch nehmen, das erledigen Kellner! Eingedeckte Gläser werden von rechts nach links, Besteck von außen nach innen verwendet. Gläser werden nur bis zum ersten Drittel eingeschenkt. Beginn Es wird nicht getrunken, bevor der Gastgeber dazu aufgefordert hat. „Guten Appetit“ wird kaum noch gewünscht. Kommt das vom Gastgeber und Koch, riecht es nach Eigenlob; wünscht es der Gast, könnte man meinen, es sei nötig. Wünschen Sie lieber einen netten Abend und gute Gespräche. Und angestoßen wird nur mit weinhaltigen Getränken, zunicken und zuprosten ist aber vornehmer. Cheers! Besteck Einmal aufgenommenes Besteck berührt die Tischdecke nicht wieder, bei Pausen wird es auf dem Teller geparkt. Büffet Erlaubt ist: jederzeit zum Büffet gehen, um einen weiteren Gang zu holen. Tabu: den Teller bis zum Anschlag vollpacken. Speisen nie am Büffet verzehren oder probieren! Und nie mit gebrauchtem Geschirr zurück ans Büffet (Ausnahme: privat). Couvert-Brot Das Brot vor dem Essen ist keine Vorspeise, sondern eine Beilage zur Vorspeise. Es wird nur gebrochen, nie wie eine Stulle mit Butter bestrichen und gegessen! Richtig: Brot in Happen brechen, jedes Stück einzeln bestreichen und essen. Espresso Heiße Getränke, die in Tassen nach dem Essen gereicht werden, dürfen erst serviert werden, wenn alle Besteckteile (Messer, Gabel, Teller) abgeräumt sind. Fingerfood Artischocken, Austern, Canapés, Garnelen, Muscheln, Spareribs, Wachteln dürfen mit den Fingern gegessen werden. Ebenso Geflügel – aber nur, wenn es nicht anders geht. Malheur Sie stoßen ein Weinglas um und bekleckern den Nachbarn: alles kein Desaster! Bitten Sie den Kellner diskret heran. Er beseitigt die Spuren. Den Nachbarn bitten Sie um Entschuldigung und bieten an, für etwaige Reinigungskosten aufzukommen. Sind nur Sie betroffen, ziehen Sie sich diskret auf die Toilette zurück. Order Gastgeber mit Stil fragen: Was halten Sie von einem Menü? Wollen wir eine Vorspeise nehmen? Möchten Sie Wein dazu trinken? Anschließend passt er sich den Wünschen der Gäste an und lässt ihnen bei der Bestellung den Vortritt. Er bezahlt auch nicht am Tisch, sondern am Empfang. Serviette Wird ausgebreitet und einmal gefaltet auf den Schoß gelegt. Fällt sie beim Essen runter, bitten Sie das Personal um eine neue. Nicht aufheben! Wer aufstehen muss, legt die Serviette locker links neben den Teller (amerikanisch: auf den Stuhl). Der Gastgeber deutet mit derselben Geste an, dass das Essen beendet ist. Schminken Niemals bei Tisch! Make-up auffrischen, Lippenstift nachziehen, Augen nachtuschen – dazu zieht sich die Dame stets zurück. Suppe Einzig richtig: nicht pusten, nicht mit dem Brot tunken, den Löffel nur mit der Spitze zum Mund führen. Cremesuppen sowie Suppen mit Einlagen werden nur ausgelöffelt, klare Brühen dürfen auch ausgetrunken werden.

Dresscodes

Casual

Bedeutet gehobene Freizeitkleidung, also: Baumwollhose, Polohemd, Jackett. Beim Business Casual putzen sich die Leute mehr heraus: Frauen tragen Kostüm oder Hosenanzug, nicht zu hohe Schuhabsätze, unsichtbare Zehen. Männer tragen eine Kombination, die Krawatte kann im Schrank bleiben. Smart Casual Meist bei Einladungen nach der Arbeit. Konservativ: Er trägt Anzug, aber keine Brauntöne. Sie: Kostüm oder Hosenanzug, aber keine großen Handtaschen mit Schulterriemen. Einzig richtig: Clutchbags – kleine Handtäschchen ohne Riemen. Rocklänge: Nie kürzer als eine Handbreit über dem Knie. Informal Damen: halblange, elegante Kleider; Herren: dunkelgraue oder schwarze Anzüge. Black Tie Zu Abendanlässen oder Dinner. Er: Smoking, Hemd mit Doppelmanschetten, Kummerbund und Einstecktuch, schwarze Fliege, schwarze Schuhe. Sie: schwarze lange Robe, Tasche (kleiner als der Kopf). Accessoires gerne farbig. White Tie Er: Frack, weiße Weste mit tiefem Ausschnitt, Stehkragenhemd mit verdeckter Knopfleiste, weiße Fliege, Lackschuhe. Sie: bodenlanges Abendkleid in Schwarz, Weiß oder Grau (Schultern bei Ankunft bedeckt). Zum Ballkleid geschlossene Schuhe mit Seidenstrümpfen. Findet der Ball im Hochsommer statt, auch hohe Sandaletten – dann ohne Strümpfe. Cocktail Zu eleganten Partys und Vernissagen ab 16 Uhr. Er: dunkler Anzug, Hose mit Bügelfalte, einfarbiges Hemd, dunkle Krawatte, lässiger Schnürschuh. Sie: das kleine Schwarze. Schultern, Dekolleté und Bein dürfen gezeigt werden. Jacketts Werden oft falsch zugeknöpft. So ist es richtig: Zweireiher immer geschlossen, egal wie heiß es ist. Jackett mit zwei Knöpfen: ein Knopf geschlossen, wahlweise der untere oder der obere. Drei-Knopf-Sakko: beide obere Knöpfe geschlossen oder nur der mittlere. Vier-Knopf-Sakko: die beiden mittleren oder die drei oberen Knöpfe werden geschlossen. Fünf-Knopf-Sakko: alle Knöpfe bis auf den untersten bleiben zu. Frack: wird immer offen getragen. Weste: alle Knöpfe bis auf den untersten bleiben geschlossen. Kurzarmhemden Unter Sakkos tabu! Die Hemdmanschette muss unter dem Ärmel herausschauen. Richtig: die Ärmel des Sakkos enden knapp über dem Handrücken, die Hemdmanschette schaut darunter einen Zentimeter heraus. Einstecktuch Klassisch aus weißer Bauwolle, modern aus farbiger Seide oder Cashmere. Hat nie (!) dasselbe Muster wie die Krawatte, passt aber farblich dazu. Krawatte Sie reicht exakt bis zur Gürtelschnalle, nicht länger, nicht kürzer. Der Knoten darf nie so dick werden, dass er den Kragen vom Hemd abdrückt. Schuhe Ungepflegte Galoschen enttarnen jedes stilvolle Outfit als Verkleidung. Das Minimum ist ein Paar schwarzer Schnürschuhe aus Leder. Etwa ein Oxford – glatt mit schlichter Kappe. In Braun passt er auch zu Sportjacketts oder Tweedanzügen. Der Semi-Brogue eignet sich zu gemusterten Anzügen und weichen Stoffen. Auch er hat eine Kappe, die weist aber dezente Lochmuster wie beim Brogue auf. Der wird auch Budapester genannt und passt mit seinem typischen Lochmuster auf der geschwungenen Kappe und den Seitenflügeln zu Anzügen aller Art. Wirkt aber stets etwas konservativ.

Regeln für den Alltag

Flugzeug

Erst die Sitznachbarn begrüßen, dann setzen. Adäquat nach der Landung. Dem Passagier in der Mitte stehen die Lehnen links und rechts zu; Gang- und Fensterplatz bekommen je eine Armlehne. Falls Sie aufstehen, bitte nicht am Vordersitz festhalten – nervt den Vordermann. Gleiches gilt für ständiges Hoch- und Runterklappen der Rückenlehne. Gastgeschenke Bei privaten Einladungen obligat. Ein kleines Präsent, wie eine Flasche Wein und ein Blumenstrauß (nie verpackt überreichen!) sind Pflicht. Kondolierien Wer vom Tod eines Bekannten, Nachbarn, Geschäftspartners oder Kunden erfährt, sollte umgehend schriftlich kondolieren. Karten, Umschläge oder Briefpapier mit schwarzem Rand sind Hinterbliebenen vorbehalten! Für die „aufrichtige Anteilnahme“ ist Geschäftspapier ebenso tabu wie ein Fax oder die Schlussformel „Mit freundlichen Grüßen“ – besser: „Mein herzliches Beileid“. Im Business ideal: weißes Papier mit Hand beschrieben und persönlichen Zeilen zum Verstorbenen. Scheuen Sie sich nicht, fremden Angehörigen das Beileid auszudrücken! Die meisten Hinterbliebenen freuen sich, wenn sie sehen, wie beliebt der Verstorbene war. Streit Wer unfreiwillig Zeuge eines Beziehungsstreits wird, bezieht auf keinen Fall Position! Ziehen Sie sich umgehend, diskret und mit einem Vorwand („Ich muss mal telefonieren“) zurück. Zurückkehren können Sie, wenn sich die Wogen hörbar geglättet haben. Dauert der Zwist länger, entschuldigen Sie sich, dass Sie jetzt besser gehen werden. Nie mehr Text als nötig: Einer der Streithähne könnte das nutzen, um weiteres Öl ins Feuer zu gießen („Siehst du, jetzt hast du unsere Gäste verprellt!“). Verabschieden Sie stehen auf einer Party mit einem Menschen zusammen, der sie langweilt. Wie stehlen Sie sich höflich aus der Affäre? Entweder täuschen Sie einen Toilettengang vor und kommen nicht wieder. Nur wird das Manöver oft durchschaut. Oder Sie sagen, was Sie wirklich wollen: „Ich sehe gerade einen Kollegen/Kunden, mit dem ich unbedingt sprechen möchte. Bitte entschuldigen Sie mich.“ Noch besser: Sie verkuppeln Ihr Gegenüber vorher mit einem Gesprächspartner, der zu ihm passt.

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