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Talent Das Geheimnis der Überflieger

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Talent zu haben, ist das eine. Es zu fördern, das andere. Experten schätzen, dass bis zu 30 Prozent der Hochbegabten nie als solche identifiziert werden. Und selbst wenn sie gefunden werden, bedarf es der optimalen Förderung. Umfragen zufolge legen 85 Prozent aller Eltern Wert darauf, ihren Kindern stets zu sagen, wie klug sie doch seien. Das soll den Sprösslingen Selbstvertrauen geben. Die Absicht ist nobel – aber kontraproduktiv.

Zehn Jahre lang hat die Psychologin Carol Dweck von der Stanford-Universität Hunderte von Fünftklässlern beobachtet. Immer wieder zeigten sich dieselben Resultate: Kinder, die für ihre Anstrengungen gelobt wurden, stellten sich nicht nur schwierigeren Herausforderungen; sie zeigten auch größere Ausdauer und mehr Geduld beim Lösen von komplizierten Aufgaben – und schnitten in Tests besser ab. Wer hingegen für seine Intelligenz gepriesen wurde, traute sich nicht nur weniger zu, sondern schlug sich auch schlechter.

Dwecks Forschungen untermauern, dass Talente für Höchstleistungen keinen Wettstreit brauchen. Mehr noch: Für Überflieger ist es sogar besser, in einer Klasse mit durchschnittlichen Schülern zu sein. Wissenschaftler nennen das Fischteich-Effekt. Vereinfacht gesagt: Der große Fisch fühlt sich besser, wenn er den Teich mit kleinen Artgenossen teilt.

Die Kehrseite: Die Talente sind sich ihrer Ausnahmestellung stets bewusst – was zu charakterlichen Deformationen führen kann: Die Kinder werden altklug, überheblich, verlieren die Bodenhaftung. Nicht wenige scheitern dann – trotz ihrer zahlreichen Talente.

Wer jetzt zurückblickt und keine übermäßigen Begabungen an sich und seinen Kindern entdeckt: Wie bei jeder Regel gibt es auch hier Ausnahmen. Die berühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren veröffentlichte ihr erstes Buch mit 37. Und der US-Geschäftsmann Solomon Guggenheim war schon 66, als er mit dem Sammeln moderner Kunst begann.

Großes Talent ist eben genau so wie große Menschen: mal extrovertiert, mal scheu. Manchmal will es einfach nur entdeckt werden. Besser spät als nie.

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