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Talent Das Geheimnis der Überflieger

Neue Studien zeigen: Schon in früher Kindheit zeigt sich, wer im Leben Erfolg haben wird. Wodurch sich große Talente verraten.

Utz Claassen Quelle: dpa

Erwachsene bewundern Kinder immer dafür, dass sie so ehrlich sind. Dass sie sich weder um die Zukunft sorgen noch über die Vergangenheit grübeln. All das stimmt natürlich. Richtig ist aber auch: Kinder können grausam sein. Niemand weiß das besser als Utz Claassen.

Als der Ex-Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns EnBW mit sechs Jahren eingeschult wurde, konnte er bereits lesen und rechnen. Wenige Wochen später übersprang er eine Klasse. Die Begrüßung der neuen Mitschüler fiel eher rustikal aus – Claassen wurde verprügelt. Wenn das noch mal vorkomme, müsse er sich wehren, rieten ihm seine Eltern. Gesagt, getan: „Danach hat es nie mehr Probleme gegeben“, erzählt Claassen heute.

Die Schulzeit brachte er in Rekordzeit hinter sich. Sein Abitur machte er mit 17 – mit einem Durchschnitt von 0,7. Im Alter von 22 war er Diplom-Ökonom, mit 25 promoviert, danach folgten Stationen bei der Unternehmensberatung McKinsey sowie den Autokonzernen Ford und Volkswagen. Mit 33 wurde er CEO des Biotechnologie-Konzerns Sartorius, fünf Jahre später EnBW-Chef. Keine Frage: Claassen ist der Prototyp eines Überfliegers, dessen Talent sich bereits früh zeigte.

Genau solche Nachwuchskräfte sucht jedes Unternehmen. 71 Prozent von ihnen sehen sich in Deutschland aktuell mit einem Engpass an Talenten konfrontiert, fand die Personalberatung Hewitt Associates in einer Studie heraus. Echte Talente sind rar – auch in Krisenzeiten.

Doch was bedeutet das überhaupt: „Talent“? Ursprünglich stammt der Begriff vom griechischen „talanton“ ab, was so viel heißt wie „Waage“ oder „Gewicht“. Im Neuen Testament ist die Rede von einem „anvertrauten Gut“, woraus sich das heutige Verständnis ableitet: Talent ist eine Gabe, die man entweder hat oder eben nicht. Und genau deshalb treibt sie auch so viele Menschen um.

Viele fragen sich: Bin ich talentiert? Wenn ja, wie früh zeigt sich eine solch sagenumwobene Begabung im Leben? Und wodurch? Zu all diesen Fragen haben Psychologen in den vergangenen Jahren intensiv geforscht und zahlreiche neue Antworten gefunden.

Einige davon werden sie schon bald in Paris diskutieren. Anfang Juli tagt dort die „European Association of High Ability“, ein Zusammenschluss der renommiertesten Talentforscher weltweit. Die jüngsten Untersuchungen legen vor allem einen Schluss nahe: Schon in früher Kindheit zeigt sich, wer im Leben Erfolg haben wird.

Finanzwissenschaftler Stefan Homburg

Beispiel Schulnoten. Als die Psychologin Sabrina Trapmann von der Universität Hohenheim 2007 sämtliche seit 1980 publizierten europäischen Studien analysierte, die sich dem Zusammenhang zwischen Schulnoten und Hochschulexamen widmeten, kam sie zu dem erstaunlichen Ergebnis: Die Abinote ist das „valideste“ Einzelindiz für den späteren Studienerfolg. Mit anderen Worten: Wer ein gutes Abitur gemacht hat, schneidet auch im Examen überdurchschnittlich gut ab. Stefan Homburg ist dafür das beste Beispiel.

Der Finanzwissenschaftler ist seit 1997 Professor an der Uni Hannover. Ursprünglich wollte er die Schule nach der zehnten Klasse abbrechen und Werkzeugmacher werden. Dann entschied er sich aber doch für das Abitur, das er mit einem Schnitt von 1,3 ablegte. Danach schrieb er sich für Volkswirtschaftslehre in Köln ein. Schon nach einer Woche war ihm klar, dass er sein Berufsleben an der Uni verbringen wollte.

Stundenlang saß er in den Gängen und las die Originaltexte berühmter Ökonomen wie Adam Smith oder John Maynard Keynes. Entsprechend schnell lernte er. Als Erstsemester half Homburg Kommilitonen bei der Zwischenprüfung, im zweiten Semester unterstützte er Doktoranden bei deren Dissertationen. Und im dritten Semester wagte er es, seinen Professor öffentlich zu korrigieren.

Noch während der Vorlesung wies Homburg den damaligen Kölner Professor Bernhard Felderer darauf hin, dass dessen Rechnungen nicht stimmten. Der forderte den forschen Studenten auf, den Fehler an der Tafel nachzuweisen. Kurz danach wurde er Felderers Assistent.

Wenig später erhielt der Professor eine Anfrage, ob er ein VWL-Lehrbuch schreiben wolle. Dazu habe er weder Lust noch Zeit, antwortete Felderer. Da schlug Homburg vor, dass er das Buch schreiben könne. 1984 erschien „Makroökonomik und neue Makroökonomik“ im Buchhandel, Homburg war damals 23. Sein Examen machte er ein Jahr später.

Hohe Faszination

Solche herausragenden Talente faszinieren Forscher seit Jahrzehnten. 1911 begleitete der ungarische Psychologe Géza -Révész ein musikalisches Wunderkind namens Erwin Nyiregyhazi. Der konnte mit drei Jahren Melodien nachsingen, mit vier Klavier spielen und komponieren.

In den Fünfzigerjahren wiederum studierte der US-Ökonom Nathan Leites die Gemeinsamkeiten von Überfliegern in der damaligen Sowjetunion. Alle konnten sich über einen langen Zeitraum konzentrieren und waren stets neugierig.

Gabor Ekecs für WirtschaftsWoche

Utz Claassen hat als Kind ebenfalls viele Fragen gestellt, die seine Eltern geduldig beantworteten. So erklärt er letztlich auch seine überdurchschnittlichen Schulnoten: „Mich hat einfach alles interessiert.“ Genau diese Attitüde ist phänotypisch. Denn, davon sind Forscher heute überzeugt, großes Potenzial zeigt sich vor allem an dieser und anderen Charaktereigenschaften.

Um eine Persönlichkeit zu beschreiben, haben Psychologen schon vor Jahrzehnten das Modell der „Big Five“ entwickelt. Dabei handelt es sich um fünf Merkmale, die bei Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sind: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, soziale Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Jetzt zeigt sich: Besonders talentierte Menschen sind nicht nur neugierig und offen für neue Erlebnisse – sondern auch überdurchschnittlich gewissenhaft.

Darauf deuten etwa Untersuchungen des Psychologie-Professors Heinz Schuler von der Universität Hohenheim hin. Für seine Studie wertete er 58 Forschungsarbeiten aus den vergangenen 30 Jahren aus. Wer zu Neurotizismus neigt – also Nervosität oder geringer Stressresistenz – ist tendenziell schneller unzufrieden mit dem Studium, bricht ab oder scheitert. Menschen, die sich hingegen durch besondere Gewissenhaftigkeit auszeichneten, hatten die besten Noten.

Bis(s) zum Erfolg

Die Psychologieprofessorin Angela Duckworth von der Universität von Pennsylvania hat vor Kurzem noch eine weitere karrierefördernde Eigenschaft ausfindig gemacht: Biss. Duckworth versteht darunter die Leidenschaft und Ausdauer, langfristige Ziele zu verfolgen. Für ihre Untersuchungen besuchte sie 273 Finalisten des „Spelling Bee“, einem traditionsreichen US-Wettbewerb, bei dem Schüler Fremdwörter buchstabieren müssen.

Schüler einer Bremer Schule Quelle: AP

Zuvor analysierte Duckworth anhand standardisierter Fragebögen, wie viel Biss die Kinder im Alter von 7 bis 15 Jahren bereits hatten. Außerdem absolvierten die Schüler einen Intelligenztest. Als Duckworth anschließend die Ergebnisse des Buchstabierwettbewerbs auswertete, bemerkte sie: Biss war für den Erfolg weitaus wichtiger als der Intelligenzquotient. Kinder mit Durchhaltevermögen übten nicht nur länger – sie schnitten auch besser ab.

Duckworths Erkenntnisse basieren auf einem der bekanntesten Psychologie-Experimente überhaupt. Im Jahr 1968 stellte der Amerikaner Walter Mischel Kinder im Alter zwischen vier und sechs vor eine schwierige Entscheidung: Entweder konnten sie sofort einen Marshmallow geschenkt haben – oder nach einer Wartezeit von 15 Minuten einen zweiten bekommen. Einige meisterten die Herausforderung, andere nicht.

Zehn Jahre später besuchte Mischel die Teilnehmer noch einmal. Dabei stellte er fest: Der Test hatte gewissermaßen die Zukunft vorhergesagt. Kinder, die damals den Marshmallow sofort essen wollten, waren tendenziell stur, ungeduldig und neidisch. Wer den sogenannten Marshmallow-Test hingegen bestanden hatte, war heute stressresistent, sozial kompetent und zuverlässig. Bessere Schulnoten hatte er auch. Kurzum: Wer auf Instantbelohnungen kurzfristig verzichten und seine Emotionen im Zaum halten konnte, war später erfolgreicher.

Angela Duckworth hat sich mit diesem Thema eingehend beschäftigt und konnte in vielen weiteren Arbeiten die hohe Bedeutung von frühzeitiger Selbstdisziplin bestätigen: Bissige Schüler hatten nicht nur bessere Noten, sie fehlten seltener in der Schule, hatten mehr Spaß am Lernen, machten häufiger ihre Hausaufgaben und guckten weniger Fernsehen.

Auch Andreas von Bechtolsheim zeigte früh diese Hartnäckigkeit. Der 54-Jährige Mitgründer von Sun Microsystems zählt heute mit einem geschätzten Vermögen von etwa 1,6 Milliarden Euro zu einem der reichsten Deutschen. 1974 gewann er den Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ im Bereich Physik, mit einer Arbeit über die „genaue Strömungsmessung durch Ultraschall“. Zuvor hatte er zwei Mal an dem Wettbewerb teilgenommen – ohne Erfolg. Entmutigt hat ihn das nie.

Nach dem Abitur studierte er zunächst Elektrotechnik in München, dann wechselte er an die Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh und 1977 an die Uni Stanford. Hier sollten sich seine Offenheit und Neugier auszahlen. 

Bechtolsheim traf dort nicht nur seine späteren Sun-Kollegen, sondern 1998 auch zwei Doktoranden. Nach dem ersten Treffen schrieb Bechtolsheim ihnen einen Scheck über 100.000 Dollar. „Mir war sofort klar, dass die beiden eine der besten Ideen hatten, von der ich je gehört hatte“, erinnert sich Bechtolsheim. Die beiden Doktoranden hießen Sergej Brin und Larry Page, ihre Erfindung: die Suchmaschine Google. Bechtolsheim war ihr erster Investor. Sein Anteil ist heute etwa 500 Millionen Dollar wert.

Talent zu haben, ist das eine. Es zu fördern, das andere. Experten schätzen, dass bis zu 30 Prozent der Hochbegabten nie als solche identifiziert werden. Und selbst wenn sie gefunden werden, bedarf es der optimalen Förderung. Umfragen zufolge legen 85 Prozent aller Eltern Wert darauf, ihren Kindern stets zu sagen, wie klug sie doch seien. Das soll den Sprösslingen Selbstvertrauen geben. Die Absicht ist nobel – aber kontraproduktiv.

Zehn Jahre lang hat die Psychologin Carol Dweck von der Stanford-Universität Hunderte von Fünftklässlern beobachtet. Immer wieder zeigten sich dieselben Resultate: Kinder, die für ihre Anstrengungen gelobt wurden, stellten sich nicht nur schwierigeren Herausforderungen; sie zeigten auch größere Ausdauer und mehr Geduld beim Lösen von komplizierten Aufgaben – und schnitten in Tests besser ab. Wer hingegen für seine Intelligenz gepriesen wurde, traute sich nicht nur weniger zu, sondern schlug sich auch schlechter.

Dwecks Forschungen untermauern, dass Talente für Höchstleistungen keinen Wettstreit brauchen. Mehr noch: Für Überflieger ist es sogar besser, in einer Klasse mit durchschnittlichen Schülern zu sein. Wissenschaftler nennen das Fischteich-Effekt. Vereinfacht gesagt: Der große Fisch fühlt sich besser, wenn er den Teich mit kleinen Artgenossen teilt.

Die Kehrseite: Die Talente sind sich ihrer Ausnahmestellung stets bewusst – was zu charakterlichen Deformationen führen kann: Die Kinder werden altklug, überheblich, verlieren die Bodenhaftung. Nicht wenige scheitern dann – trotz ihrer zahlreichen Talente.

Wer jetzt zurückblickt und keine übermäßigen Begabungen an sich und seinen Kindern entdeckt: Wie bei jeder Regel gibt es auch hier Ausnahmen. Die berühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren veröffentlichte ihr erstes Buch mit 37. Und der US-Geschäftsmann Solomon Guggenheim war schon 66, als er mit dem Sammeln moderner Kunst begann.

Großes Talent ist eben genau so wie große Menschen: mal extrovertiert, mal scheu. Manchmal will es einfach nur entdeckt werden. Besser spät als nie.

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